Feministische Männer

«Der Feminismus hat mir geholfen, meine Identität zu finden»

Text: Marie Hettich, Bild: ZVG

In unserer dreiteiligen Mini-Serie stellen wir Männer vor, die sich hierzulande feministisch engagieren. Den Anfang macht Artan Islamaj (23), Student und Vize-Präsident des Vereins «Die Feministen».

«Ich habe lang in der Gastronomie gejobbt und immer wieder mitbekommen, wie übergriffig meine Arbeitskolleginnen von männlichen Gästen behandelt wurden. Auch jetzt an der Uni fällt mir auf, wie viel Raum Männer einnehmen – manchmal kommen Frauen kaum zu Wort. Auch wenn es mir manchmal schwerfällt, achte ich darauf, mich immer wieder ganz bewusst zurückzunehmen und einfach nur zuzuhören. Ich muss nicht immer die erste Person im Raum sein, die etwas sagt. 

Ausserdem habe ich mir angewöhnt, das Gendersternchen mitzudenken und beim Reden eine kurze Pause zu machen, bevor ich den weiblichen Plural sage. Also zum Beispiel: Lehrer-Pause-innen. Es hat keine zwei Wochen gedauert und ich hatte es intus. Ich finde, das ist etwas sehr Kleines, was man aktiv tun kann, um alle miteinzubeziehen. Manchmal merke ich, wie um mich herum mit den Augen gerollt wird, aber das ist es mir wert. In meiner Uni-Bubble sprechen mittlerweile fast alle so.

Ich glaube, dass sich sehr viele Menschen überhaupt nicht bewusst sind, in welchen konstruierten Männer- und Frauenrollen wir durch unseren Alltag gehen. Und manchmal strengt es mich echt an, Dinge, die als normal gelten, konstant zu hinterfragen. Aber als Mann – in puncto Sexismus also die privilegierte Person – sehe ich es als meine Aufgabe, aktiv an der feministischen Debatte teilzunehmen. Und mir meine Privilegien im Gespräch mit Frauen immer wieder aufs Neue bewusst zu machen.

Seit ich mich mit feministischen Themen auseinandersetze, spüre ich weniger Druck, dem von der Gesellschaft auferlegten Bild eines echten Mannes zu entsprechen. Es hat mir dabei geholfen, meine eigene Identität zu finden. Ich habe zum Beispiel immer wieder gehört, die Art und Weise, wie ich rede, sei unmännlich. Mittlerweile ist mir das egal. Ich bin einfach, wer ich bin.

Das Thema Toxische Männlichkeit interessiert mich sehr – also all die Fälle, wo es ungesund oder gar gefährlich wird, wenn Männer sich besonders männlich verhalten. Meine Bachelorarbeit habe ich zum Beispiel über Hegemoniale Männlichkeit anhand des Romans American Psycho geschrieben. Das ist es auch, worin ich meine Rolle als Feministen sehe: Ich hinterfrage das gängige Männlichkeitsbild, ich versuche, andere Männer bei der Debatte ins Boot zu holen – und ich stelle mich solidarisch hinter Frauen.

Leider lassen sich vom Wort Feminismus immer noch viele Männer abschrecken. Ich sehe keinen Grund, warum ich mich als Mann nicht auch als Feminist bezeichnen sollte. Der Feminismus ist genauso ein Männer- wie ein Frauenthema. Wer für Gleichberechtigung von allen Geschlechtern einsteht, ist per Definition Feminist*in.»

Mit «Frauen» oder «Feministen» sind alle Personen gemeint, die sich als solche identifizieren.

 

Teil 2 der Mini-Serie mit dem 53-jährigen Philipp Meier können Sie hier lesen. 

Teil 3 der Mini-Serie mit dem 29-jährigen Valentin Kilchmann können Sie hier lesen.

Marie Hettich ,
Redaktorin
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