annabelle testet

«Engel muss man um Hilfe bitten»

Text: Kerstin Hasse; Foto & Video: Jessica Prinz 

Mit dem ganzen Astro-Zeugs hat unsere Autorin nichts am Hut. Oder etwa doch? Sie hats ausprobiert und sich die Karten legen lassen. Und weiss jetzt: mit der Hilfe von Superengeln könnte sie auch die grösste Millennialkrise bewältigen.

Um das gleich mal vorauszuschicken, ich glaube eigentlich nicht an die Sterne, an Horoskope oder an Tarot. Oder zumindest nicht so richtig. Denn, um ganz ehrlich zu sein, ich behaupte immer ganz laut, dass ich nicht an all den Astro-Kram glaube, folge aber dennoch ein, zwei hippen Astrologinnen auf Instagram. Wenn dann jeweils ein Stier-Horoskop in meinem Feed aufpoppt, halte ich mit meinem Scroll-Daumen doch kurz inne und lese, was da über mich steht. Vielleicht habe ich doch eine kleine, versteckte Affinität für die Sterne. Und diese Affinität hat mich dazu gebracht, mir von Alexandra Kruse die Karten legen zu lassen.

Kruse habe ich als Stylistin kennengelernt, aber über Social Media weiss ich, dass sie eine magische Seite hat – und dass sie Karten legt. Also vereinbarte ich einen Termin mit ihr.

Es gibt viele Leute, die Karten legen können, aber nur wenige davon tun das wohl so stilsicher wie Alexandra Kruse. Sie kniet mit pinkem Gucci-Pulli auf dem flauschigen Teppich des Meditationsraums Mind In an der Weststrasse in Zürich. Hinter ihr eine Lampe, die rund wie ein blauer Mond über ihr ruht, vor ihr einige Kartenstapel, grosse und kleine Edelsteine und eine brennende Kerze. Very instagramable und typisch Alex, denke ich. Ich setze mich ihr gegenüber, sie lächelt mich warm an und drückt mir einen Edelstein in die Hand. «Halt den mal», sagt sie mit ruhiger Stimme.

Vor knapp acht Jahren hat Kruse mit dem Kartenlegen begonnen. Das Handwerk dieser Gabe hat sie sich während eines Seminars an der Angel University in Zürich beibringen lassen. Als Kruse das erzählt, wirft sie ihren Kopf in den Nacken und lacht herzlich. Sie weiss, wie verrückt das klingt, und das amüsiert sie. «Ich war schon immer ein Mensch, der um Rat gefragt wurde», sagt Kruse. Was sie genau dazu brachte, mit dem Legen von Karten zu beginnen, kann sie nicht sagen. In diesem dafür-bestimmt-zu-Sein liegt vielleicht auch der Mythos dieser Gabe. «Ich möchte eine Brücke sein zwischen einem modernen, modischen Ansatz dieser Gabe und altem Wissen. Natürlich ist es auch Lifestyle, und es ist auch chic – sonst würde ich es ja nicht machen.» Kruse lacht wieder ihr herzliches Lachen. Sie sieht sich nicht als Hellseherin, dennoch, sagt sie, spüre sie, dass ihre Worte Magie hätten. «Aber das haben doch alle Worte», fügt sie an.

Im Vorfeld unseres Termins musste ich Kruse Datum, Zeit und Ort meiner Geburt angeben. Mit diesen Angaben erstellte sie ein persönliches Birth-Chart für mich. Kruse benutzt immer mal wieder Anglizismen, wofür sie sich entschuldigt: «Vor allem wenn es ernst wird, passiert das einfach, you know.»

Mein Chart wird zusammengestellt durch Sternkonstellationen, die Kruse mit einer entsprechenden App errechnet. Die meisten Leute – darunter auch ich – wissen eigentlich nur, welches Sternzeichen sie haben. Dieses Sternzeichen wird durch den Stand der Sonne bei der Geburt definiert. Aber es gibt noch mehr Planeten, deren Stellung man analysieren kann, lerne ich. «Du bist eigentlich die Erde», sagt mir Kruse und lächelt zufrieden. Das liege daran, dass fast alle Planeten im Stier und im Steinbock stehen. «Das ist echt rar, dass jemand so viel Erde in sich hat. Horniger geht es nicht.» Ich muss lachen, denn irgendwie fühle ich mich in der sturen Bodenständigkeit ein wenig ertappt. Dass ich drei Planeten im Stier habe, bedeute auch, dass die Venus mein Leben mitregiere. «Venus ist die archetypische Göttinnenfigur. Love, Sex and Money spielen eine wichtig Rolle in deinem Leben.» Ich weiss nicht genau, wie ich das einordnen soll, aber nehme das einfach mal so mit, gibt Schlimmeres, denke ich. Laut Kruse ist Venus zudem ein Planet, der für Sinnlichkeit und für Genuss steht, und das passt schon zu mir.

Dann greift sie zum ersten Stapel und beginnt zu mischen. «Hast du eine konkrete Frage, die du stellen möchtest, oder soll ich mal schauen, was sich so ergibt?» Ich antworte, dass ich einfach wissen wollte, was so auf mich zukomme in der nächsten Zeit, im neuen Jahr. Noch während ich rede, fällt eine Karte aus dem Stapel. «Das sind immer die Karten, die unbedingt besprochen werden wollen», sagt Kruse. Auf der Karte steht «Think about it!». Kruse sieht mich durchdringend an und sagt: «Na, bist du sicher, dass du keine konkrete Frage hast? Don’t lie to Mama!» Sie lacht und auch ich muss lachen und versuche, mir noch einmal in aller Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen, was es denn ist, was ich von Kruse wissen möchte. Aber meine erste Aussage traf es eigentlich gar nicht so schlecht: Ich bin 28 Jahre alt und habe seit ein paar Monaten das Gefühl, an einem Punkt im Leben zu sein, in dem sich gewisse Dinge verändern werden. Kruse nickt verständnisvoll. «Dass du dich so fühlst, ist klar, weil das mit deinem Saturn-Return zusammenhängt.» Meinem was? Nach ein bisschen mehr als 27 Jahren ist Saturn wieder an dem Ort, an dem er war, als man auf die Welt kam, erklärt mir Kruse. Zwischen 27 und 29 Jahren erlitten deshalb viele Menschen einen intensiven Saturn-Return, bei dem kein Stein auf dem anderen bleibt.

Wie die kommenden Karten zeigen, dreht sich bei mir im Moment sehr viel um diese Phase des Umbruchs. Mit welchen Karten Kruse arbeitet, entscheidet sie individuell bei jeder Person, auch das ist für sie eine Sache des Gefühls. Grundsätzlich arbeitet sie lieber mit Orakelkarten, als mit Tarotkarten, weil deren Botschaften positiver sind. Ich geniesse die ruhige und entspannte Atmosphäre und fühle mich sehr gut aufgehoben. Kruse liest in den Karten, dass ich dazu tendiere, mir zu viele Gedanken zu machen (stimmt!) und dass ich wohl bereit dazu wäre, mein Wissen weiterzugeben (ja, das könnte sein), ich mich dafür aber von alten Überzeugungen lösen müsse (was das heissen könnte, beschäftigt mich bis heute). Sie legt viel Wert darauf, die Botschaften, die sie liest, positiv zu vermitteln und ihrem Gegenüber zu zeigen, dass in jeder Herausforderung auch eine Chance liegen kann. So erklärt sie mir etwa, dass mir gleich zwei Engel zur Seite stehen werden in diesen Zeiten der Veränderung. Erzengel Michael – «er ist so was wie der Boss der Engel» – hat immer ein Schwert dabei und ist ein prima Helfer, um sich von Dingen und Gedanken loszuschneiden, wie ich erfahre. Ich muss ein wenig grinsen beim Gedanken, dass mir ein Engel mit Schwert zur Seite eilt, aber ich gebe auch zu, dass ich mir seither überlege, was denn die Dinge sein könnten, von denen ich mich lösen möchte. Was mich wieder zu den alten Überzeugungen bringt, dich ich hinter mir lassen sollte.

Der zweite Engel heisst Metatron. Auch er ist ein optimaler Begleiter, wenn es darum geht, Klarheit ins Leben zu bringen. Er hilft dabei, die Gedanken zu ordnen, Sinnfragen zu beantworten und Ziele zu formulieren. «Bei den Engeln ist es aber so, dass man sie um Hilfe bitten muss, sonst können sie nicht helfen», sagt mir Kruse. Das funktioniere aber nicht nach dem Gini-Prinzip. «Du kannst Metatron nicht mal eben um eine Million bitten, aber du kannst ihn darum bitten, dir in deiner persönlichen Entwicklung zu helfen.» Meine Erdigkeit, Venus und meine Joker-Engel – wenn ich es denn schaffe, sie darum zu bitten – würden mir dabei helfen, die Veränderungen, die auf mich zukommen, in Angriff zu nehmen. Kruse blickt mich zufrieden an. Es wird ganz still. Sie schliesst die Augen, ich tue es ihr gleich.

Nach der knappen Stunde, die wir zusammen verbracht haben, verlasse ich das Mind In zufrieden und entspannt. Die Stunde mit Alexandra Kruse hat mir eine optimale Selbstreflexion geboten. Kruse macht kein Mike-Shiva-Tamtam, sie hat mir weder vorausgesagt, dass ich im nächsten Jahr schwanger werde, noch dass ich eine Million gewinnen werde, und genau deshalb fand ich diesen spirituellen Austausch mit ihr gut. Kruse hat viel Empathie. Die Karten sind ihr natürlich wichtig und ich muss zugeben, dass auch ich die Botschaften faszinierend fand. Aber ich glaube, auch einfach so, ohne Kristalle, Kerzen und Karten, wäre ein Gespräch mit Kruse inspirierend. Hat sie mir Dinge gesagt, die sie auch einfach so über mich herausfinden könnte? Vielleicht. Wobei doch einige Karten dabei waren, die sich mit meiner aktuellen Gefühlslage deckten und die ein Gespräch zuliessen, das mir dabei half, gewisse Dinge in meinem Kopf zu ordnen. 222 Franken kostet eine Sitzung mit ihr, das ist viel Geld. Eine Kollegin meinte, mit diesem Geld besuche sie lieber einen Therapeuten. Ich kann das nachvollziehen, aber der Besuch bei Kruse war etwas anderes als eine Therapiesitzung, es war keine Aufarbeitung von Problemen. Kruse gibt einem keine Anweisungen, wie man sich im Leben zu verhalten hat. Die Antworten auf die eigenen Fragen muss man selber finden – und diese Auseinandersetzung mit sich selbst, dieses Fokussieren auf das eigene Leben und Sein tut gut. Man fühlt sich danach wie neu und irgendwie aufgefrischt, so wie nach einem Coiffeurbesuch. Und der kostet in Zürich ja auch nicht weniger.

– Infos und Kontakt zum Kartenlegen mit Alexandra Kruse gibt es auf Instagram 

Empfehlungen der Redaktion

Interview mit Astro-Expertin

«Astrologie hat nicht den Anspruch, in die Zukunft zu schauen»

Von Julia Heim

Mehr aus der Rubrik

Weihnachten

Wissen schenken

Von Julia Heim