#MeToo-Bewegung im Iran

«Frauen haben es satt, zu schweigen»

Interview: Helene Aecherli; Bild: Getty Images: ZVG

  • Erstmals ist im Iran ein prominenter Mann öffentlich beschuldigt worden, Frauen sexuell missbraucht zu haben.

Im Iran berichten immer mehr Frauen von sexuellen Übergriffen. Nun steht ein international bekannter Künstler im Fokus. Ein Novum. Wird die iranische #MeToo-Bewegung die starren Geschlechternormen nachhaltig verändern? «Frauen haben es satt, zu schweigen», sagt die iranische Kunst- und Islamwissenschafterin Elika Djalili. Doch gleichzeitig fürchten sich viele vor den Folgen.

annabelle: Elika Djalili, vergangene Woche hat eine iranische Journalistin einen weit über den Iran hinaus bekannten Künstler beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben. Mit ihren Tweets hat sie eine #Metoo-Bewegung ausgelöst. Was sind die Hintergründe?
Elika Djalili: Lassen Sie mich kurz ausholen: Dass Frauen im Iran auf Social Media über sexuelle Übergriffe berichten, ist nicht neu. Fast zeitgleich zu den damaligen Enthüllungen um Harvey Weinstein haben Iranerinnen begonnen, auf Twitter von ihren Erfahrungen zu erzählen. So ging 2018 unter anderem #MosqueMeToo viral, mit dem sich Frauen outeten, die an religiösen Stätten und während der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind. Aber dies ist kein Vergleich zum Ausmass der aktuellen Debatte. Nun ist erstmals ein prominenter Mann öffentlich beschuldigt worden, Frauen sexuell missbraucht zu haben.

Mit anderen Worten: Der Iran wird zu einer noch nie dagewesenen Nabelschau gezwungen.
Genau. Und überraschend ist, dass diese Bombe in Künstlerkreisen geplatzt ist, ausgerechnet in jener Schicht, die als progressiv-intellektuell gilt und in der sich Männer Frauen am ehesten auf Augenhöhe begegnen. Im Fokus steht ein international gefeierter Künstler und Kunstkritiker, dessen Bilder an renommierten Auktionshäusern weltweit für Tausende von Dollar versteigert werden.

In ihren Tweets beschreibt die Journalistin Sara Omatali, wie sie ihn vor 14 Jahren, damals als Reporterin für ein Kunstmagazin, in seinem Teheraner Atelier besuchte, um ihn für eine bevorstehende Ausstellung zu interviewen. 
Er habe sie nackt empfangen, einen braunen Mantel über seine Schultern drapiert. Erst habe er ihr Komplimente gemacht, dann habe er sie an sich gedrückt und zu küssen versucht. Omatali habe sich losgerissen und sei zum Atelier rausgerannt, er folgte ihr, als ob nichts gewesen wäre, und zeigte sich schliesslich bereit für das Interview. Sara Omatali hat 14 Jahre lang aus Scham geschwiegen. Nun hat sie ihr Schweigen gebrochen und damit die Büchse der Pandora geöffnet: Auf ihre Tweets melden sich Journalistinnen und Kunststudentinnen, die Ähnliches erlebt haben sollen.

Warum platzt diese Bombe gerade jetzt?
Ich vermute, es hat in erster Linie mit der Verhaftung eines Studenten der Universität Teheran zu tun, der beschuldigt wird, mehrere Frauen aufs Übelste missbraucht zu haben. Er soll sie zu sich nach Hause eingeladen und ihnen K.-o.-Tropfen gegeben haben. Als die Frauen wieder zu sich kamen, realisierten sie, dass sie vergewaltigt worden waren. Kurz nachdem Berichte von den Vergewaltigungen auf Twitter zu kuriseren begannen, folgten diese neusten Enthüllungen. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass es im Iran bislang für eine Frau gefährlich war, sich als Opfer eines sexuellen Übergriffs zu outen, da sie in den Augen der Gesellschaft die alleinige Schuld dafür trägt.

Was wohl der Grund ist, weshalb der Impuls für die iranische #MeToo-Bewegung von aussen kam.
Richtig. Die Journalistin Sara Omatali lebt inzwischen in Kanada und ging deshalb mit ihrem Outing kein grosses Risiko ein. Ihr muss wohl aber klar gewesen sein, was sie damit auslösen würde, denn die iranische Diaspora hat einen immensen Einfluss. Mehrere Millionen Iranerinnen und Iraner leben im Ausland, meist in Gesellschaften, in denen Frauen einen anderen Stellenwert haben als im Iran, und es wird ihnen bewusst, welche Rechte ihnen zustehen. «Ich sehe keinen Grund, weshalb ich dies länger verheimlichen sollte und die grosse Last, die ich seit so vielen Jahren mit mir herumtrage, nicht ablegen dürfte», schrieb Omatali. «Vielleicht hilft dies Frauen im Iran, die dasselbe erlebt haben wie ich.» Inzwischen sehe ich tatsächlich immer mehr Frauen, die auf sozialen Plattformen sogar unter ihrem eigenen Namen von sexuellen Übergriffen berichten.

Interessanterweise spielen sich derzeit in Ägypten fast exakt dieselben Ereignisse ab: Ein ehemaliger Student der American University of Cairo wurde verhaftet, weil er über hundert Frauen bedroht und zu sexuellen Handlungen erpresst haben soll. Zudem sieht sich ein ägyptischer Star-Reporter mit Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Er wird in den Medien als «arabischer Weinstein» bezeichnet. Erst Ägypten, dann der Iran. Das kann kein Zufall sein, oder?
Kaum. Wenn man sich die Bewegungen des Arabischen Frühlings in Erinnerung ruft, erkennt man, dass ein Land das andere «angesteckt» hat. Und längst ist man über Social Media in Kontakt und weiss, wo was geschieht. Letztlich glaube ich aber, dass die #MeToo-Bewegung des Westens die iranischen wie auch die ägyptischen Frauen nachhaltig sensibilisiert und ihnen Mut gemacht hat. Auch deshalb, weil sie gesehen haben, dass der Amerikaner Harvey Weinstein tatsächlich verurteilt und hinter Gitter gebracht wurde. Das beweist, dass selbst sehr mächtige Persönlichkeiten zur Rechenschaft gezogen werden können.

Aber reicht dies aus, um den Nährboden für einen solchen Dammbruch zu schaffen? 
Nun, eine grosse Rolle für die iranische #MeToo-Bewegung, die auf Persisch übrigens unter #rape läuft, spielten allen voran noch zwei zusätzliche, sehr spezifische Faktoren: In den vergangenen Monaten haben sich viele Frauen über schlecht beleuchtete öffentliche Räume in Teheran beschwert, über düstere Strassen zum Beispiel oder dunkle Plätze hinter Plakatwänden, da es gerade an diesen Stellen immer wieder zu sexuellen Übergriffen gekommen ist. Das ist in iranischen Medien breit diskutiert worden. Darüber hinaus haben die Femizide in der Türkei für grosse Bestürzung gesorgt. So haben sich unzählige Iranerinnen mit der 27-jährigen türkischen Studentin Pinar Gültekin solidarisiert, die im Juli von ihrem Ex-Freund aus Eifersucht verprügelt und erwürgt, in einer Abfalltonne versteckt und mit Beton übergossen worden war. Als Ausdruck ihrer Trauer aber auch ihrer Wut haben Iranerinnen die virtuelle Solidaritätsbekundung der Türkinnen übernommen und auf Instagram tagelang schwarz-weisse Bilder von sich publiziert.

Diese Instagram-Aktion lief auch hierzulande. Allerdings nominierten sich Frauen unter #ChallengeAccepted gegenseitig dazu, Fotos von sich in Schwarzweiss hochzuladen, quasi um sich selbst und andere Frauen zu feiern.
Ja, leider waren sich die meisten des Ursprungs dieser Solidaritätsbekundung nicht bewusst. Die Iranerinnen waren sehr viel besser im Bild als viele Frauen in meinem Schweizer Freundeskreis, die dachten, sie müssten als Zeichen des «female empowerment» einfach ein schönes Bild von sich posten.

Sie sind eng mit Kunstschaffenden im Iran in Kontakt. Wie reagieren sie auf die Vorfälle?
Zwiespältig. Einerseits freuen sie sich, dass sexuelle Übergriffe auf Frauen endlich offen thematisiert werden und Gehör finden. Doch haben sie auch Angst vor der Zukunft. Sie fürchten, dass die wenigen Möglichkeiten, die es im Iran gibt, für Frauen und Männer offiziell zusammenzukommen, verschwinden könnten, Galerien, zum Beispiel, oder Vernissagen. Dass die Regierung verkünden wird: «Ah, das sind Orte, an denen unsittliche Dinge passieren, also führen wir hier die Geschlechtersegregation ein.» Eine Kollegin aus dem Theater sagte mir, sie hätten so lang gelitten wegen der Corona-Pandemie, hätten keine Aufführungen mehr machen können, und nun bestehe das Risiko, dass Frauen und Männer auf der Theaterbühne getrennt würden. Mit anderen Worten: Der kleine Sektor, in dem Frauen in der Gesellschaft öffentlich präsent sind, droht, geschmälert zu werden.

Wird diese Angst auch von Frauen ausserhalb der Künstlerszene geteilt? Etwa von Sekretärinnen oder Angestellten in Unternehmen?
Ja, gerade Frauen, die als Sekretärinnen in Arztpraxen, Anwaltskanzleien oder in Unternehmen arbeiten, sind sehr oft sexuellen Übergriffen ausgesetzt. Erheben auch sie vermehrt ihre Stimmen, könnte die Regierung als Konsequenz davon eine neue gesetzliche Bestimmung erlassen, die Firmen anhält, zur Sicherheit nur noch Männer für Sekretariatsjobs anzustellen. Noch schwieriger wird es wohl für Frauen aus sehr konservativen Schichten. Ich fürchte, dass Ehemänner, Väter oder Brüder, die über die Frauen bestimmen, sagen werden: «Siehst du, das passiert, wenn du dich mit Männern triffst oder dich auf Social Media herumtreibst.» Denn in ihren Augen sind Twitter und Instagram Orte, wo Unsittlichkeiten passieren. #MeToo könnte Grund genug sein, ihre Ehefrauen, Töchter und Schwestern noch mehr einzuschränken.

Trotzdem: Diese neue öffentliche Debatte zu sexuellen Übergriffen an Frauen wird nicht spurlos an Männern vorbeigehen.
Natürlich nicht. Viele sind schockiert, andere finden hingegen, es sei übertrieben worden, da es ja bloss in den wenigsten Fällen tatsächlich zu einer Vergewaltigung gekommen sei. Und man dürfe ja noch Komplimente machen. Es gibt aber auch Männer, die nun darüber berichten, wie sie selber Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind. Und ein junger Künstler sagte mir, dass er aufgrund der Geschlechtertrennung nie gelernt habe, wie man respektvoll mit Frauen umgeht. Dass er erst im Nachhinein realisiere, wie despektierlich oder übergriffig viele Sprüche und Kommentare gewesen sind, die er Frauen gegenüber gemacht hat. Männer sind in diesem Sinne auch Opfer der Einschränkungen des Regimes.

Ist die Geschlechtersegregation im Iran nicht längst Makulatur? Man hört ja immer wieder von Untergrund-Parties und rauschenden Festen in Villen, an denen Männer und Frauen zusammen feiern.
Es gibt viele illegale Räume, wo man sich treffen kann. Aber das passiert eben nur im Geheimen. Du bist gezwungen, immer auf der Hut zu sein und aufzupassen, dass dich niemand entdeckt. Die Art und Weise, wie Frauen und Männer im Iran miteinander umgehen, ist nicht mit der Lebensart in Europa zu vergleichen.

Im Oktober 2018 kommentierte der oberste Religionsführer Ali Khamenei über Twitter die westliche #MeToo-Bewegung mit den Worten, dass der Hijab der islamische Weg sei, sexuelle Übergriffe auf westliche Frauen zu verhindern – inklusive der Vorfälle, die zur #MeToo-Kampagne führten. Im Iran ist das islamische Kopftuch seit vierzig Jahren Pflicht. Was sagt er heute?
Noch nichts. Die #MeToo-Bewegung im Iran ist so neu, dass er sich – wenn überhaupt – wohl erst später dazu äussern wird. Auch die Religionsgelehrten vom Ghom, dem Sitz der einflussreichen Theologischen Hochschule Irans, haben sich noch nicht zum Sturm auf Social Media geäussert.

Der Iran geht mit drakonischen Strafen gegen Frauen vor, die gegen traditionelle Normen verstossen. So wurde etwa die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh* 2018 zu 38 Jahren Gefängnis und 148 Stockhieben verurteilt, weil sie sich für die Aufhebung der Verhüllungspflicht eingesetzt hatte. Angesichts dieser Strafen besteht wohl kaum Hoffnung, dass die iranische #MeToo-Bewegung in dieser Beziehung ein Umdenken bewirken wird.
Nun, die traditionellen Sittlichkeitsnormen werden sich nicht innert Tagen verändern. Aber ich sehe Anzeichen, dass die Proteste der Frauen einen Paradigmenwechsel in Gang gesetzt haben. Das wichtigste Anzeichen hierfür ist, dass der Student, der seinen Besucherinnen K.-o.-Tropfen verabreichte, sofort festgenommen und dies auch kommuniziert wurde. Es ist das erste Mal überhaupt, dass iranische Behörden so gehandelt haben. Zudem hörte ich von einer jungen Frau, die nach der Verhaftung des Studenten den Mut aufgebracht hatte, einen Übergriff anzuzeigen. Sie erzählte, dass ihr die Polizeibeamten wider Erwarten keine Schuldzuweisungen machten, sondern ihr zuhörten und sie ernst nahmen. Immerhin. Solche Geschichten werden noch mehr Frauen ermutigen, die Stimme zu erheben, wenn ihnen Gewalt angetan worden ist.

Könnte dieser Mentalitätswandel dazu führen, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen auch tatsächlich strafrechtlich geahndet werden?
In dieser Hinsicht bin ich weniger optimistisch. Denn gemäss der geltenden islamischen Rechtspraxis, der Scharia, müssen vier Männer die Tat bezeugen können, und der Täter wiederum muss vier Mal ein Geständnis ablegen. Das macht es einer Frau im Iran nahezu unmöglich, eine Vergewaltigung zu beweisen. Und ohne diese Zeugen gilt die Aussage der Frau nichts. Aber – ich setze auf den Faktor Zeit. Selbst in Europa reden wir noch immer von der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Gerade Länder mit islamischer Gesetzgebung werden noch viel Zeit benötigen. Wenn Frauen sich jetzt allerdings solidarisieren und mit einer Stimme reden, dann entsteht eine geballte Kraft im Kampf für zivile Freiheiten.

Wagen wir einen Blick in die Glaskugel: Wie wird die #MeToo Bewegung die iranische Gesellschaft verändern?
Ich denke, dass sich Männer bewusst geworden sind, dass sich Frauen zu wehren beginnen. Bis jetzt sind sie immer davon ausgegangen, dass eine Frau niemals den Mut dazu aufbringen würde. Und das ist die nachhaltigste Veränderung.

*Die Menschenrechtsanwältin und Sacharow-Preisträgerin Nasrin Sotoudeh (57) befindet sich seit dem 11. August 2020 im Hungerstreik. Sie protestiert damit gegen die Haftbedingungen während der Corona-Pandemie. Der Iran hat aufgrund der Pandemie Tausende von Gefangenen entlassen, Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler hingegen bleiben weiterhin inhaftiert. Gemäss Menschenrechtsorganisationen verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand rapide. Doch trotz Appellen von Menschenrechtsaktivisten und anderen politischen Gefangenen, setzt Nasrin Sotoudeh ihren Hungerstreik fort. Am Mittwoch, den 2. September 2020, wurde sie mit dem Menschenrechtspreis des Deutschen Richterbunds (DRB) ausgezeichnet. Der Preis soll ihr beeindruckendes Engagement im Iran würdigen und zugleich ihr Schicksal weiter in das Licht der Öffentlichkeit rücken.

Elika Djalili (54) ist Kunst- und Islamwissenschafterin und Dozentin an der Universität Bern. Sie ist in Teheran geboren und aufgewachsen und lebt seit dreissig Jahren in der Schweiz.

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