Schweizer Macherinnen

«Hätte ich die vielen Toten verhindern können?»

Text: Barbara Achermann; Foto: Laurence Hoenig (1), MSF (2), Getty Images (1)

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Symbolbild: Ärzte ohne Grenzen

«Zwischen all dem Leid gibt es unendlich viel Freude»: Liesbeth Aelbrecht, Schweizer Direktorin von Ärzte ohne Grenzen

«Wie kann man da neutral bleiben?»: Liesbeth Aelbrecht im Januar 2019 in Kamerun

MSF-Helfer 2013 in Rakhine, Burma

Ärzte ohne Grenzen leistet seit fünfzig Jahren Nothilfe. Aber Helfen ist kompliziert. Das weiss die Chefin Liesbeth Aelbrecht aus eigener Erfahrung – und wirft einen selbstkritischen Blick auf ihre Arbeit.

Es gibt Menschen, an deren Verhandlungsgeschick Tausende Leben hängen. Liesbeth Aelbrecht ist so jemand. Die Verantwortung, die sie trägt, ist zuweilen eine schwere Last. Sie reibt sich mit beiden Händen übers schmale Gesicht. «Hätte ich es verhindern können? Das ist eine sehr persönliche Frage.» Noch heute zerbricht sie sich den Kopf über einen Einsatz vor fünf Jahren, darüber was schiefgelaufen ist und weshalb. Wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten und ob sie sie hätte retten können. «Denke ich daran zurück, fühle ich mich als Versagerin.» Liesbeth Aelbrecht ist die Schweizer Direktorin der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, auch bekannt unter dem französischen Namen Médecins Sans Frontières (MSF). Sie ist 48 Jahre alt, eine zugängliche Frau mit offenem Gesicht und tiefer Stimme. Ihr Büro am Hauptsitz in Genf ist unscheinbar. Eine Arbeitszelle in einem vierstöckigen Haus, die mit zweckmässigen Billigmöbeln und abgetretenen Spannteppichen ausstaffiert ist. Im Soussol gibt es eine Bibliothek und einen alten Kaffeeautomaten. Nur 9 Prozent der Spenden werden für Administration und Fundraising eingesetzt, das restliche Geld fliesst direkt in die Projekte. Es ist offensichtlich: An der Rue de Lausanne 78 wird nicht geklotzt.

Von 2014 bis 2016 leitete Liesbeth Aelbrecht die Einsätze in Burma und sorgte dafür, dass das medizinische Personal Zugang zu den Lagern der vertriebenen Minderheit der Rohingya hatte. «Kein sauberes Trinkwasser, kaum Lebensmittel, null Hygiene. Wir fragten uns oft, wie die Menschen unter diesen Umständen überhaupt überleben können.» Aelbrecht trinkt Cola, eben hat sie ein Schmerzmittel geschluckt, damit die Erkältungsviren sie nicht von der Arbeit abhalten. Eigentlich sollte sie sich erholt fühlen, schliesslich ist sie gerade erst aus den Ferien zurück. Ein paar unbeschwerte Tage an einem Hotelpool in Liberia, mit ihrer elfjährigen Adoptivtochter und ihrem LFebenspartner, der im westafrikanischen Land als Krankenpfleger arbeitet. «Es war sehr entspannt, weil ich kaum Internetempfang hatte. Trotzdem kann man bei einem Beruf wie diesem nie ganz abschalten.»

Die gebürtige Belgierin hat Wirtschaft studiert und bei einer Rückversicherung gearbeitet. Doch dann begann sie, dem Kapitalismus zu misstrauen, und krempelte ihr komfortables Leben um. Seit 21 Jahren ist sie bei MSF, war in den grössten Krisenregionen der Welt stationiert, in Bosnien, Somalia und im Südsudan, in Burma, Honduras, Guatemala, Kenia. Wie hält ein Mensch so viel Elend aus? «Zwischen all dem Leid gibt es unendlich viel Freude.» Sie erzählt von einem somalischen Spital direkt am Strand, von engen Freundschaften mit lokalen Mitarbeitenden. «Schockiert» war sie vielmehr nach ihrer Ankunft in der Schweiz. Hier lebt sie nun seit knapp zwei Jahren und wundert sich über die hohen Ansprüche der Menschen an sich selber und über die strenge Arbeitsmoral, die nicht selten in persönlichen Krisen enden.

Burma war in all den Jahren ihr bisher schwierigster Einsatz. MSF habe nicht öffentlich über die Situation der Rohingya gesprochen, sagt Aelbrecht. Bis zum Februar 2014, als MSF Fragen von Journalisten zur medizinischen Behandlung von verwundeten Zivilisten beantwortete. «Das wars.» Sie spielt nervös mit ihrem langen Haar. Von diesem Moment an wusste die internationale Gemeinschaft, dass die Rohingya verfolgt und gezielt getötet wurden. «Die Regierung von Burma hat uns angewiesen, verschiedene Projekte im Land sofort einzustellen.» Sie mussten Zehntausende Menschen in abgelegenen Dörfern oder in den Vertriebenenlagern ohne medizinische Hilfe zurücklassen. Für viele bedeutete das den Tod. Darf man schweigen, wenn man Zeuge von Verbrechen wird? Kann Diskretion Leben retten? Diese Fragen treiben Aelbrecht und ihre Organisation bis heute um.

Das Kerngeschäft von MSF ist die Nothilfe, die sie seit bald fünfzig Jahren leisten. Nach dem Tsunami 2004 schossen die Spenden in die Höhe, dann noch einmal 2010 nach dem Erdbeben in Haiti. Die Organisation wuchs rasant, die Helferinnen und Helfer wurden als Helden gefeiert. In letzter Zeit hingegen sind immer mehr kritische Stimmen laut geworden. Vor allem im Zuge der Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer. Die Rettungsschiffe seien Flüchtlingstaxis, hätten eine Sogwirkung, würden immer mehr Migranten anziehen, den Schleppern in die Hände spielen.

«Wir stehen am Beginn einer neuen Ära», so Aelbrecht. Humanitäre Einsätze würden grundsätzlich infrage gestellt, von Politikern aber auch von einer breiten Öffentlichkeit. «Manchmal macht man uns zu Sündenböcken, missbraucht uns für politische Kampagnen, versucht, uns zu manipulieren, und verbietet uns den Zutritt zu Krisenregionen.» Es werde immer schwieriger, ihre eigenen Leute zu schützen. War ein rotes Kreuz auf einem Dach früher ein Schild, ist es heute eine Zielscheibe. «In letzter Zeit fragen wir uns: Wird medizinische Hilfe überhaupt noch respektiert? Wenn westliche Koalitionen in Syrien Spitäler bombardieren, wer sind dann die Wächter der humanitären Gesetze?»

Nachdem MSF von einem Tag auf den anderen aus den Vertriebenencamps im Bundesstaat Rakhine in Burma rausgeworfen worden war, suchte Aelbrecht das Gespräch mit der Übergangsregierung. Sie schrieb über zwanzig Briefe, in denen sie um ein Treffen bat, und konnte schliesslich mit hohen Delegierten reden. «Wenn ich in den Verhandlungen dies oder jenes versucht hätte. Ich hätte ...», sie bricht ab, nimmt noch einen Schluck aus der Cola-Flasche. «Die sagten eigentlich nie Nein. Das ist diese südostasiatische Kultur.» Die Gespräche verliefen harzig, der Zutritt zu den Camps blieb für MSF verschlossen. Monate später durften sie wieder rein, dann hiess es wieder raus. Bis heute. Vielleicht, so mutmasst Aelbrecht, hätte sie den Behörden ein Ultimatum stellen sollen. «Hätten wir damit drohen können, dass wir uns ganz aus dem Land zurückziehen?», fragt sie sich im Nachhinein. Sie schüttelt den Kopf und gibt sich damit gleich selber die Antwort. Wenn sie etwas gelernt habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten, dann das: «Im Krieg geht es immer nur um Macht.»

Dorthin zu gehen, wo die grösste Not ist, so lautet der Leitsatz von MSF. Tatsächlich aber muss die Organisation manchmal auch Eingeständnisse machen, damit sie Zugang zu den Bedürftigsten erhält. Etwa eine Krankenstation errichten, die es nicht zwingend braucht und in der man nur ein Dutzend Leute am Tag behandelt, damit man Zugang zu Vertriebenenlagern mit Tausenden Patienten bekommt.

Was MSF von vielen anderen Hilfsorganisationen unterscheidet, ist die selbstkritische Haltung. Entscheidungen werden hinterfragt, Misserfolge öffentlich debattiert. Es gibt ganze Bücher darüber, in denen die Organisation die eigene Arbeit unter die Lupe nimmt. Vermutlich geniesst sie in der Schweiz auch deshalb eine so hohe Glaubwürdigkeit. Pro Kopf spendet kaum ein Land mehr Geld an MSF als die Schweiz.

Helfen ist kompliziert. MSF hat sich auf die Fahne geschrieben, neutral zu sein. Doch bewahrt sie dieser Grundsatz nicht vor Dilemmas. Im Südsudan fragte sich Aelbrecht: «Entbinden wir die Regierung von ihrer Verantwortung für das Gesundheitssystem?» Und «Verlängern wir mit unserem Einsatz den Krieg? Weil wir Menschen retten, damit sie weiterkämpfen können?» MSF behandelt jeden, unabhängig von seiner Herkunft oder Religion, auch bewaffnete Kämpfer. Es ist ein ethischer Konflikt, den jeder Helfer aushalten muss und der einzelne auch mal an den Rand der Verzweiflung bringt. In ihrer Rolle als Generaldirektorin müsse sie neutral sein, betont Aelbrecht. Aber sie persönlich habe ein Problem damit. «Es herrscht Krieg, die Nahrungsmittel sind gleich um die Ecke, aber sie werden absichtlich nicht verteilt, damit die Menschen verhungern. Wie kann man da neutral bleiben?» In solchen Situationen ist sie wütend auf die Täter. Diese negativen Emotionen geben ihr aber auch die Energie, um weiterzumachen. «Wenn mich das Leid nicht mehr berührt, muss ich aufhören.»

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Wir feiern Schweizer Macherinnen! Zum 80. Geburtstag von annabelle 2018 stellten wir in der Jubiläumsausgabe achtzig herausragende Frauen vor. Nun geht die Serie weiter, denn es gibt noch so viele Schweizerinnen, die uns inspirieren und begeistern.

 

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