Mehrfachdiskriminierung

«Ich spüre, dass der Schweizer Feminismus inklusiv sein will»

Interview: Vanja Kadic; Foto: ZVG

  • Sabrina Bur: «Wenn man Mehrfachdiskriminierung erlebt, dann ist es etwas, das immer da ist und mitwirkt.»

Mitten in der «Black Lives Matter»-Bewegung jährte sich am Sonntag der Frauenstreik. Wie inklusiv ist eigentlich der Feminismus in der Schweiz? Sabrina Bur gründete im vergangenen Jahr den Verein Diversum mit, ein Netzwerk für Menschen, die sich als Person of Color (PoC) identifizieren und über ihre Rassismuserfahrungen austauschen wollen. Mit annabelle sprach Bur über Mehrfachdiskriminierung, die sie als Schwarze Frau erlebt. Und erklärte, warum der Feminismus in der Schweiz grosses Potenzial hat.

annabelle: Sie haben mit zwei Freundinnen den Verein Diversum gegründet. Was ist das Ziel des Netzwerks?
Sabrina Bur: Es ist uns ein Bedürfnis, unsere Community zu vernetzen und den Austausch zu fördern. Durch die «Black Lives Matter»-Bewegung ist dafür noch mehr Raum entstanden. Davor war das nicht so: Rassistische Erfahrungen wurden ignoriert, davon wollten viele nichts hören. Mit dem Verein haben wir versucht, dieses Schweigen aufzubrechen und einen Dialog zu führen. Zumindest unter denen, die davon betroffen sind.

Heisst das, dass sich Betroffene vor der «Black Lives Matter»-Bewegung nicht über ihre rassistischen Erfahrungen ausgetauscht haben?
Ich glaube, es kommt stark drauf an, an welchem Punkt man bei der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema ist. Ich kann von mir selbst reden: Als weiss sozialisierte Woman of Color hatte ich lang das Gefühl, dass ich viel Sexismus erlebe. Über Rassismus habe ich gar nie nachgedacht. Dann bemerkte ich, dass meine feministischen Freundinnen ganz andere Erfahrungen gemacht haben – und dass es bei mir noch eine weitere Schicht gibt.

Gab es einen Auslöser, der Ihnen klarmachte, dass Sie als Frau und Black Person of Color von einer Mehrfachdiskriminierung betroffen sind?
Für mich war es ein langsamer Prozess. Es hat Klick gemacht, als ich anfing, mehr über Rassismus zu lesen. Vorher wusste ich, dass etwas da ist, das ich nicht einordnen kann und das mich von anderen unterscheidet. Aber ich konnte es nicht benennen. Meine Freundinnen, die sich mit dem Thema bereits mehr auseinandergesetzt hatten, sagten mir: Das, was du empfindest, ist wahr. Du bildest dir das nicht ein. Also das direkte Gegenteil von dem, was man als Betroffene sonst hört: «Ach, das war nicht so gemeint» oder «Du hast dir das nur eingebildet».

Was löste diese Erkenntnis in Ihnen aus?
Es braucht viel Zeit, um diese Gefühle zu verorten. Da ist viel Trauer und Wut. Und Unglaube. Es ist einfacher für einen selbst, wenn man es nicht so wahrnimmt. Es ist einfacher, wenn man sich selbst davon überzeugt, dass es die Person schon nicht so gemeint hat und es nicht so schlimm ist. Es ist schwierig zu akzeptieren, dass die Gesellschaft, in der ich lebe, nicht acht auf mich gibt.

Wie erleben Sie Mehrfachdiskriminierung im Alltag?
Wenn man Mehrfachdiskriminierung erlebt, dann ist es etwas, das immer da ist und mitwirkt. Es gibt Momente, wo sie sich manifestiert, aber es ist etwas, das man die ganze Zeit spürt.

Was für Momente sind das?
Wenn ich zum Beispiel eine Werbung sehe, die auf Zürich bezogen ist und von zwanzig abgebildeten Menschen keine einzige Frau und keine Person of Color dabei ist. In solchen Momenten fühle ich mich nicht repräsentiert. 

Am Sonntag jährte sich der Frauenstreik. Dieser sensibilisierte die Gesellschaft vor allem für Geschlechterthemen. Aber ist der Feminismus in der Schweiz auch inklusiv?
Der Feminismus in der Schweiz ist in der Entwicklung und hat grosses Potenzial, inklusiv zu sein und alle anzusprechen. Gleichzeitig ist noch viel Luft nach oben. Es ist wichtig, dass von den bestehenden Gruppierungen aus noch mehr passiert. Wenn sich Frauen einfach so zusammenschliessen, vergisst man viele von ihnen: alte Frauen, dicke Frauen, Frauen, die zu People of Color zählen. Ich glaube aber, dass sich im vergangenen Jahr viel getan hat.

Inwiefern?
Ich habe das Gefühl, dass Raum geschaffen wird und sich etwa Kollektive bilden und Vereine zusammenschliessen. Ich spüre, dass der Schweizer Feminismus inklusiv sein will – ich glaube, jetzt geht es noch darum, wie man das schafft.

Wie gelingt es uns, dass sich im Feminismus alle einbezogen fühlen?
Das Wichtigste ist es, die eigenen Privilegien zu reflektieren und sich mit Vorurteilen und Stereotypen auseinanderzusetzen. Nur so findet man einen Umgang mit anderen Menschen, der nicht verletzend ist. Das passiert nicht mal absichtlich – aber es passiert, wenn man etwas als selbstverständlich ansieht, das für eine andere Person alltäglichen Schmerz bedeutet.

Haben Sie ein Beispiel?
Man kann es ein bisschen so ansehen, als würde man einem Mann erklären wollen, wie es ist, eine Frau zu sein. Man versucht ihm zu erklären, dass Situationen unangenehm sind. Er wird es nie selbst erleben, aber kann versuchen, es zu verstehen. Er muss sich damit auseinandersetzen, dass die Frau nicht die gleichen Privilegien hat wie er und anders behandelt wird. Erst dann verändert sich etwas. Man geht automatisch anders auf Betroffene zu, wenn man weiss, welche Bürde sie tragen.

Was ist der nächste Schritt?
Man muss bestehende Strukturen aufweichen, indem man die betroffenen Leute gezielt einlädt und Raum für sie schafft. People of Color und andere Mehrfachdiskriminierte müssen das Gefühl bekommen, dass man für sie mitgedacht hat. Ist dies nicht der Fall, bedeutet das für Betroffene viel Arbeit: Die Person muss sich erst den Weg ebnen. Wir sind darauf angewiesen, dass alle gemeinsam mitziehen – denn allein schaffen wir es gar nicht.

Sehen Sie die «Black Lives Matter»-Bewegung als Chance für einen inklusiveren Feminismus?
Das ist die grosse Hoffnung. Ich habe das Gefühl, dass es durch die Bewegung einen grossen Aufwind gegeben hat. Noch vor einem halben Jahr interessierte sich kaum jemand für das Thema Inklusion, das verändert sich nun. Bei Schwarzen Menschen hat es mit Sicherheit etwas ausgelöst.

Was hat es ausgelöst?
Ich würde es als ein Erwachen beschreiben. Es ist dieses Gefühl von: Es ist nicht okay, was passiert. Du stehst mir jeden Tag auf den Fuss und das tut mir weh. Mir ist egal, ob du es mit Absicht machst, und du musst schauen, dass es aufhört. Es geht um das Gefühl, dass ich als Betroffene meinen Schmerz äussern darf. Darum, dass ich mir das nicht einbilde – und dass meine Gefühle valid sind.

Sabrina Bur (29) ist Mitgründerin des Vereins Diversum und arbeitet als Lehrerin. Sie lebt in Zürich

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