Feministische Männer

«Ich versuche, nicht selbstgefällig zu sein»

Text: Marie Hettich, Bild: ZVG

In unserer dreiteiligen Mini-Serie stellen wir Männer vor, die sich hierzulande feministisch engagieren. Den Abschluss macht Valentin Kilchmann (29), der beim Verein Männer.ch verantwortlich für Betrieb und Kommunikation ist.

«Meine Sozialisation als Mann zeigt sich regelmässig in der Beziehung mit meiner Freundin. Zum Beispiel, als sie mich kürzlich fragte, warum ich eigentlich nie selbst auf die Idee komme, unsere Pflanzen zu giessen. Das ist eine Dynamik, die in heterosexuellen Beziehungen sehr oft vorkommt: Die Frau macht dieses und jenes und der Mann bekommt das alles gar nicht wirklich mit. Er hat oftmals keine Ahnung, wie viel Arbeit hinter solchen Dingen steckt.

Für mich als Feminist ist Selbstreflexion das Allerwichtigste. Ich versuche, nicht selbstgefällig zu sein, und Kritik, die auf typisch männliche Verhaltensmuster abzielt, zu akzeptieren und mir Gedanken darüber zu machen. Trotzdem reagiere ich oft noch defensiv. Man nimmt es schnell persönlich, wenn man auf seine erlernten Verhaltensmuster angesprochen wird, obwohl sie vordergründig gar nicht so viel mit einem zu tun haben.

Der Konsum von Alkohol oder sonstigen Drogen ist auch ein gutes Beispiel: Ich habe früher recht viel gekifft, was meine Exfreundin sehr gestört hat. Ich fand, das ist meine Sache, sie soll sich da raushalten. Mittlerweile sehe ich das anders. Ich möchte einen Weg finden, Männlichkeit zu leben, die nicht toxisch ist. Und deshalb versuche ich, es ernst zu nehmen, wenn mich jemand fragt, ob es sein könnte, dass ich Alkohol oder Marihuana als Ventil benutze.

Beim Verein Männer.ch, wo ich seit rund einem Jahr arbeite, machen wir vor jeder grossen Sitzung – etwa zwei, drei Mal im Monat – eine sogenannte Befindlichkeitsrunde. Da sagt dann jeder, der möchte, was ihn gerade so umtreibt. Vor ein paar Jahren hätte ich dieses Gschpürsch-mi-fühlsch-mi-Ding noch mega komisch gefunden – schon allein, weil es so ineffizient scheint, erstmal eine halbe oder Dreiviertel-Stunde lang über persönliche Befindlichkeiten zu reden.

Aber ich muss sagen, dass es mir psychisch extrem guttut. Die Runde schafft den Raum, überhaupt mal in sich reinzuspüren. Es ist erstaunlich, wie oft ich selbst gar nicht auf die Idee komme. Ich habe mich dadurch definitiv besser kennengelernt – auch meine destruktiven Muster. Und mir wurde so richtig bewusst: die Frage zu ergründen, wie es einem eigentlich geht, kann sehr gut mit dem Mannsein vereinbart werden.

Während meines Soziologie-Studiums und auch während meiner politisch aktiven Zeit bei den Jusos war Feminismus für mich ein Frauenthema. Ich hatte lang das Gefühl, als Mann soll ich diesbezüglich meine Klappe halten. Auch meine Mutter hat mir das Bild vermittelt, der Feminismus sei ein Kampf, den Frauen für Frauen führen.

Im Februar 2019 habe ich mir in Basel eine Podiumsdiskussion mit Markus Theunert, dem Gründungspräsidenten von Männer.ch, angehört. Dort wurde mir klar, dass sich Männer durchaus in einem feministischen Feld positionieren können – ohne den Diskurs übernehmen zu wollen.

Erst seit ich mich beruflich jeden Tag mit Männlichkeitsfragen auseinandersetzte, ist mir bewusst, wie sehr das Thema meine Biografie prägt. Auf dem Pausenplatz in der Primarschule hatte ich zum Beispiel nie Lust, Fussball zu spielen. Auch Raufereien oder Schneeballschlachten waren nicht mein Fall, aber ich habe immer gemerkt, wie das von mir erwartet wurde. Irgendwann war ich dann der skinny Skater-Dude in Baggyjeans. So konnte ich das harte Jungs-Ding umgehen und gehörte trotzdem dazu – das war mir extrem wichtig.

Die starren Männlichkeitsbilder lösen sich zum Glück langsam auf. In meiner Generation ist es gar nicht mehr so wichtig, zu fragen, was das Mannsein für einen bedeutet – das gilt eher als antiquiert. In meinem Umfeld geht es vielmehr um die Auflösung der Geschlechterunterschiede, als darum, sich als ‹guten Mann› zu positionieren. Trotz allem habe ich gemerkt, dass mir Männlichkeit doch wichtiger ist, als ich mir zugestanden habe. Wenn man so tut, als würde es keine Rolle spielen, findet keine Auseinandersetzung statt. Und das ist nie gut.»

*Mit «Frauen» oder «Feministen» sind alle Personen gemeint, die sich als solche identifizieren.

 

Teil 1 der Mini-Serie mit dem 23-jährigen Artan Islamaj können Sie hier lesen.

Teil 2 der Mini-Serie mit dem 53-jährigen Philipp Meier können Sie hier lesen. 

Marie Hettich ,
Redaktorin
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