Philosophin Katja Gentinetta über Populismus

«Ideologien lassen keine Schattierungen zu»

Interview: Céline Geneviève Sallustio und Helene Aecherli; Foto: Benjamin Hofer

Islamisten und populistische Parteien – ihren Glaubenssätzen liegt ein Schwarzweiss-Denken zugrunde. Die politische Philosophin Katja Gentinetta erklärt, worin der Erfolg solcher Ideologien liegt.

annabelle: Katja Gentinetta, politische sowie religiöse Ideologien gründen meistens in einem Schwarzweiss-Denken. Warum?
Katja Gentinetta: Unsere Realität ist vielfältig. Ideologien jedoch stehen über der Realität und haben auf ihre Wahrheit einen Absolutheitsanspruch. Ausserdem sind mit politischen und religiösen Ideologien höhere Ziele verbunden – meist eine Utopie in der fernen Zukunft –, und um diese zu erreichen, müssen die Ideologen verkürzen, vereinfachen, scharfzeichnen. Für Schattierungen hat es da keinen Platz. Dieses Ziel muss ausserdem so verführerisch dargestellt werden, dass Menschen alles ausblenden, was nicht dieser Ideologie entspricht. Oder, um es mit Hannah Arendt zu sagen: Ideologien zeichnen sich dadurch aus, dass sie den permanenten Sieg über die Realität zu erringen versuchen.

Auf der einen Seite sind etwa die Islamisten, auf der anderen rechtspopulistische Parteien wie die deutsche AfD. Worin liegen ihre Gemeinsamkeiten?
Beide, Islamisten und Populisten, haben sehr klare Vorstellungen davon, wie ihre ideale Gesellschaft aussehen soll. Allerdings muss zwischen einer religiös-fundamentalen Organisation und einer politischen Partei, die demokratisch legitimiert ist, klar unterschieden werden. Während sich Letztere im Rahmen des Rechtsstaats bewegen, anerkennen die Islamisten diesen genau nicht; sie orientieren sich explizit an ihren eigenen Rechtsvorstellungen.

Auch die SVP setzt bei Kampagnen oft auf einfache Muster. Wir erinnern uns an die Plakate zur Ausschaffungsinitiative mit den weissen und schwarzen Schafen. Warum finden solche Plakate so viel Anklang?
Weil sie Zuspitzungen vornehmen. Es ist ja keineswegs so, dass alle Ausländer kriminell wären. Dennoch entspricht es der Realität, dass Ausländer im Verhältnis mehr Delikte begehen als Schweizer. Dieser Funke Wahrheit wird auf dem Plakat grob pauschalisiert. Mit anderen Worten: Solche Plakate finden Anklang, weil sie für scheinbar einfache Probleme einfache Lösungen suggerieren.

Haben Mitteparteien also deshalb Mühe, weil sie zu differenziert denken?
Gemässigte Parteien, die in erster Linie Sachpolitik betreiben, nehmen Grauschattierungen auf, ziehen Nebenwirkungen in Betracht, wägen Vor- und Nachteile ab und schlagen differenzierte Lösungen vor. All dies ist jedoch schwieriger zu vermitteln.

Inwiefern ist Schwarzweiss-Denken das Erfolgsgeheimnis von US-Präsident Trump oder vom türkischen Präsidenten Erdogan?
Beide arbeitet mit tatsächlich bestehenden Problemen, vor allem wirtschaftlichen. Dabei machen sie klare Schuldzuweisungen; sie lassen keinen Zweifel daran, wer gut, wer böse, wer Opfer und wer Täter ist – es sind die Amerikaner und Türken respektive die Ausländer und Migranten. Damit suggerieren auch sie einfache Lösungen für einfache Probleme. Je ängstlicher die Menschen sind, desto empfänglicher sind sie dafür.

Wie stark setzen auch Linkspopulisten auf derartige Pauschalisierungen?
Indem sie ihrerseits durch ihre rote Brille schauen: Für sie gibt es grob gesehen die bösen Kapitalisten und die ausgebeuteten Arbeitnehmer. Auch dieses Denkschema gibt keinesfalls die Komplexität unserer Wirtschaft wider. Denn wo bleiben in diesem Bild die Selbstständigen, die Freelancer, die Kleinunternehmer oder die individuellen Arbeitsverträge?

Welche Faktoren begünstigen solche vereinfachten Denkmuster?
Angst und Hoffnungslosigkeit sind sicher zwei wichtige Faktoren. Und ganz grundsätzlich, in schwierigen Zeiten aber besonders, hat der Mensch das Bedürfnis nach Orientierung. Das Schwarzweiss-Denken bietet eine solche Orientierung. Das ist manchmal nützlich, meist aber verkürzt.

Und wie verhält es sich bei Verschwörungstheorien?
Mit Verschwörungstheorien begeben sich Menschen gänzlich auf ein «schwarzes» oder «weisses» Feld. Jeder Versuch, gegen diese Verschwörungstheorie zu argumentieren, nehmen die Anhänger als Beweis dafür, dass jemand ihnen diese «Wahrheit» ausreden möchte. Verschwörungstheorien blenden die Realität komplett aus. Sie basieren letztendlich auf einem Glauben. Mit Fakten ist ihnen kaum beizukommen.

Die aktuelle Rassismus-Debatte wird eng entlang der Schwarzweiss-Dichotomie geführt. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Die Unterscheidung von Schwarz und Weiss gehört, wie jene zwischen Mann und Frau, zu den frühesten und generellsten Dichotomien in unseren Gesellschaften. Und diese sind immer verbunden mit der Unterstellung, dass die einen klüger, intelligenter, fleissiger sind, regieren und herrschen können, die andern hingegen dumm, faul sind und nur für minderwertige Arbeiten gut genug. Inzwischen hat sich das zum Glück geändert. Wir wissen heute, dass diese Unterstellungen faktisch falsch sind, dass es also keine A-priori-Eigenschaften gibt, die entlang dieser Dichotomien nachweislich wären. Das heisst: Schwarze und Frauen wie auch Menschen anderer Herkunft sind ebenso intelligent wie Weisse und Männer. Deshalb ist es die Aufgabe der Schulen, der Arbeitgeber und überhaupt der Gesellschaft, das Potenzial der einzelnen Personen zu erkennen, ihnen entsprechende schulische und tertiäre Bildung zukommen zu lassen und ihnen berufliche und Karrieremöglichkeiten zu eröffnen – freilich immer unter dem bei uns geltenden Leistungsprinzip.

Inwiefern birgt dieses Schwarzweiss-Paradigma eine erneute Gefahr der Ausgrenzung?
Die Gefahr eines gestärkten Bewusstseins der Gleichheit der Menschen besteht zum einen darin, überhaupt keine Unterschiede mehr gelten zu lassen – und das bedeutet auch, Potenzial und Leistung nicht mehr ehrlich und neutral bewerten zu können. In den USA lief diese Bewegung unter dem Namen «affirmative action»: der bewussten Bejahung und damit Förderung von Minderheiten, was auch zu Unrecht auf Kosten der angestammten Amerikaner gehen konnte. Die andere Gefahr besteht darin, und hier spreche ich nun explizit als Frau, bei Minderheiten Haltungen und Praktiken, wie beispielsweise die Unterstellung der Frau unter den Mann, gutzuheissen mit dem Hinweis, dass sie kultureller Natur sind. Damit verraten wir allerdings unsere eigenen Werte. Letztlich zeigt dieses Beispiel nur, wie wichtig unser Verständnis von individuellen Rechten – nicht Empfindlichkeiten – ist.

Insofern lässt sich die Rassismus-Debatte also gut mit der Feminismus-Debatte vergleichen.
Absolut!

Wie sehr gilt es, das Anderssein des Gegenübers zu berücksichtigen, um die Gemeinsamkeiten zu sehen? Es gibt Aktivistinnen, die betonen, es gehe weniger darum, Menschen schwarzweiss zu sehen, sondern mehr darum, über die Hautfarbe hinaus für die «equal rights of citizenship» zu kämpfen. Was sagen Sie dazu?
Das Erkennen der Differenzen und vor allem auch die Anerkennung des Anderen in seinem Anderssein war als Antwort auf die eindeutig postulierte Dominanz der «weissen Männer» wichtig – eine philosophische Strömung, die sehr stark durch den Feminismus begründet wurde. Heute aber muss es darum gehen, neben den Differenzen vor allem ein gemeinsames Verständnis von Zusammenleben zu etablieren. Und dabei geht es richtigerweise nicht um individuelle Eigenschaften, sondern vielmehr um gesellschaftliche Normen und Pflichten sowie politische Rechte. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass diese für Individuen, nicht für Kollektive gelten, seien diese religiöser oder kultureller Natur. Das ist der Weg zur Integration, zu der das Anerkennen und Willkommenheissen genauso gehören wie das Sich-Eingliedern und Zum-Ganzen-Beitragen.

Welche gesellschaftlichen Konsequenzen erhoffen Sie sich durch das kollektive Erleben des Lockdowns? Oder müssen Sie nüchtern feststellen: Es wird weitergehen wie zuvor?
Das «Einfach-weiter-wie-Zuvor» wird es meines Erachtens vielerorts nicht mehr geben. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass weniger tatsächlich mehr sein kann. Weniger Mobilität, weniger Events, weniger Freizeitmöglichkeiten heisst auch: mehr Zeit, mehr Ruhe, mehr Entspannung. Ich kann mir gut vorstellen, dass ein Teil davon hängen bleibt – etwa, indem Fernreisen weniger werden. Auch das Homeoffice hat sich auf unvorhergesehen rasche Weise als reelle Alternative zum täglichen Gang ins Büro etabliert. Und Videokonferenzen dürften künftig einen ansehnlichen Teil der Geschäftsreisen ersetzen. Umgekehrt werden wir kaum von unserem Wohlstand lassen wollen, wenn dies nicht zwingend ist. Der Mensch strebt grundsätzlich vorwärts, das gehört zu seiner Natur. Das kann auch heissen, dass mehr in Qualität investiert wird, die Ansprüche an anständiges Geschäftsgebaren steigen, Regionales weiter an Bedeutung gewinnt und alles in allem achtsamer konsumiert wird.

Zur Person

Katja Gentinetta hat in Zürich und Paris Philosophie, Germanistik und Geschichte studiert. Die promovierte politische Philosophin ist Universitätsdozentin, Publizistin, Co-Moderatorin der «NZZ Standpunkte» und Wirtschaftskolumnistin der «NZZ am Sonntag». Nach verschiedenen Führungsfunktionen ist sie heute als Verwaltungs- und Stiftungsrätin sowie als Mitglied des Aufsichtsrats des IKRK auf strategischer Ebene tätig. Sie hat mehrere Bücher zu gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Fragen verfasst, zuletzt «Worum es im Kern geht» (NZZ-Verlag 2017), und referiert regelmässig im In- und Ausland.

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