Märchenerzählerin im Interview

«Märchen sind uralte Wahrheiten»

Redaktion: Frank Heer; Fotos: Danel Valance

«Märchen sind uralte Wahrheiten»
«Märchen sind uralte Wahrheiten»
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Sophia Berger (79) ist Märchenerzählerin. Um «Rotkäppchen» und «Schneewittchen» macht die Bernerin aber lieber einen Bogen.

annabelle: Sophia Berger, glauben Sie an Märchen?
Sophia Berger: Ja, natürlich. Glauben hat etwas mit Wahrheit zu tun, mit etwas Echtem, und Märchen sind schliesslich uralte Wahrheiten. Wenn ich mich in meinem Leben nicht immer in die Märchen hätte vertiefen können, ich glaube, ich hätte öfter den Mut verloren. Märchen sind Nahrung für mich.

Warum bringen wir Märchen immer mit Unwahrheiten zusammen? Wenn jemand an Märchen glaubt oder Märchen erzählt, dann ist meistens eine Lüge gemeint.
Das stimmt. Obwohl das Wort Märchen ja von der Mär abstammt – was ursprünglich Kunde oder Bericht bedeutete. In Luthers Weihnachtslied «Vom Himmel hoch» heisst es: «Der guten Mär bring ich so viel, davon ich sing’n und sagen will.» Da ist eine Wahrheit gemeint, eine Botschaft. Erst mit der Zeit änderte sich die Bedeutung, das Wort wurde als Synonym für eine unwahre Geschichte verwendet.

Die Pädagogik hat sich mit den Märchen oft schwer getan: Wohin mit all den Hexen, bösen Wölfen und Rabenmüttern? Brauchen unsere Kinder diese Geschichten überhaupt noch?
Ich glaube schon. Sicher, die von den Gebrüdern Grimm aufgeschriebenen Märchen sind von der Moral der damaligen Zeit geprägt. Trotzdem liegt in diesen Geschichten ein wahrer Kern. Ich denke an «Hans im Glück», eine meiner Lieblingsmärchenfiguren: Ein Bub tauscht einen schweren Goldklumpen gegen alles Mögliche ein, bis er am Schluss mit leeren Händen dasteht und so glücklich und frei von Last ist wie kein anderer Mensch unter der Sonne. Das ist doch eine schöne Botschaft, an die man glauben kann.

Sind alle Märchen gute Märchen, nur weil sie ein Kulturgut sind?
Das muss jeder für sich beantworten, ich erzähle einfach nur jene Geschichten, die mir gefallen. Nichts gegen «Rotkäppchen» und «Schneewittchen», aber wenn ich aus der Sammlung Grimm vorlese, dann wähle ich Märchen aus, die kaum bekannt sind.

Welche?
Zum Beispiel «Der Frosch und der Löwe», ein Zaubermärchen, das nur im zweiten Teil der Erstauflage von 1815 erschienen war.

Sind Träume mit den Märchen verwandt?
Es gibt ein persisches Märchen, «Peri und Ifrit», darin geht es um den Traum von der ewigen Liebe. Um ein Paar, das nur in seinen Träumen zueinanderfindet. Ein sehr schönes Bild dafür, dass wir ständig darauf aus sind, unsere Träume unbedingt verwirklichen zu wollen. Dabei sind Träume doch bereits eine Realität für sich. Und je mehr wir versuchen, sie wahr werden zu lassen, umso mehr machen wir sie kaputt.

Die Magie geht verloren?
Ja, und darin sehe ich auch meine Aufgabe als Märchenerzählerin: dass ich das Zauberhafte, das Unerklärliche, die Faszination an allem Fabelhaften aufrecht-- erhalte. Die Wahrheiten der Märchen liegen am Rand unserer Realität. Wenn ich etwas begreifen will – etwas Schwieriges, Verletzendes, Angstmachendes, eine scheinbar unlösbare Aufgabe –, dann muss ich mich an den Rand begeben: Schuhe binden, e chli öppis zum Überleben in den Rucksack, und los gehts auf unbekannten Wegen. Tiefe Einsichten, wahre Wahrheiten kommen nicht als Geschenk um die Ecke und nicht, bevor ich meine Leistungsgrenzen erforscht habe.

Sie haben in der Vergangenheit als Heilpädagogin mit geistig behinderten Menschen gearbeitet. Da hat man es auch mit anderen Realitäten und Wahrheiten zu tun, oder?
Ja, da sind wir sogenannt normal Begabten gefordert. Es geht bei der Arbeit mit Behinderten immer darum, herauszufinden, was da ist – und nicht, was nicht da ist. Nicht die Defizite zählen, sondern das Vorhandene.

Gibt es Kulturen, die keine Märchen haben?
Als ich vor mehr als zehn Jahren anfing, palästinensische Märchen auf Berndeutsch zu erzählen, wurde ich gefragt, ob ich das auch mit jüdischen Märchen tun könnte. Ich sagte, klar, gern, gute Idee, und machte mich auf die Suche – bis ich merkte, dass es praktisch keine jüdischen Märchen gibt. Ob das etwas mit der Diaspora zu tun hat? Ich weiss es nicht, die Suche war auf jeden Fall spannend. Ich fand alle möglichen Varianten jüdischer Erzählkunst – Sagen, Weisheiten, Schwänke – aber klassische Märchen? Ich habe nur ein einziges entdeckt, «Die Wahrheit und das Märchen», wobei ich mir auch hier nicht sicher bin, ob es vielleicht doch eher eine Legende ist. Ich bin halt keine Märchenforscherin, nur Märchenerzählerin …

Bei den Arabern wurden Sie schneller fündig?
Und wie, man denke nur an «Tausendundeine Nacht»! Da gibt es Märchen, die man fast identisch auch in der Sammlung Grimm findet, etwa das Inzest-Thema in «Allerleirauh». Die arabischen Märchen sind unseren nicht unähnlich. Ebenso die russischen, die tibetischen oder die skandinavischen. Die afrikanischen sind etwas anders. Ich habe eritreische Märchen ins Berndeutsche übersetzt, aber ich muss gestehen, dass ich nur wenig vom Inhalt begreife. Wenn ich diese Geschichten erzähle, fragen mich die Leute anschliessend: Worum geht es hier genau? Dann antworte ich: Gute Frage, ich weiss es auch nicht so recht.

Was sind Ihre ersten Erinnerungen an Märchen?
Die Mutter in der Stube, vor ihr das Märchenbuch auf dem Tisch, darunter die Lismete. Sie hatte immer auf Berndeutsch erzählt, «Jorinde und Joringel», «Allerleirauh», «Die vier kunstreichen Brüder» …

Gibt es Figuren, die Ihnen Angst machten?
Ich bin viel zu unbedarft für Angst. Vielleicht liegt es daran, wie ich aufgewachsen bin. Mit viel Geborgenheit, Musik, Kunst, Büchern und Offenheit für alles Menschliche. Verständlicherweise gibt es Kinder, die bei gewissen Märchen Angst bekommen. Aber ich denke, dass man Kinder auch mit den dunklen Seiten eines Märchens konfrontieren darf.

Schlüpfen Sie beim Erzählen in Rollen? Verstellen Sie die Stimme, wie das Trudi Gerster machte?
Nie. Für mich steht die Geschichte im Vordergrund, nicht meine Person. Ich kenne das aus Marrakesch, dort sitzen auf dem Marktplatz, dem Djemaa el Fna, die Märchenerzähler. Die spielen kein Theater, sie erzählen einfach. So wie früher, als die Menschen noch ums Feuer hockten.

Sind Ihre Zuhörer hauptsächlich Erwachsene?
Mittlerweile schon, ja. Hier in Bern engagiere ich mich seit Jahren in der Flüchtlingshilfe. Es klingt jetzt komisch, aber irgendwann merkte ich, dass ich mit diesen Leuten gleich umgehen muss wie mit den Behinderten: Ich muss dort anknüpfen, wo uns etwas verbindet. Also kamen die Märchen zum Einsatz. Ich erzählte ihnen Märchen aus unserem Kulturkreis, und sie erzählten mir Märchen aus ihrem Kulturkreis. So bin ich erst auf die tibetischen, später auf die eritreischen Märchen gestossen.

Märchen als Brückenpfeiler?
Unbedingt! Einmal – sorry, kleiner Umweg – erzählte ich einem zum Tod verurteilten Mexikaner in einem texanischen Gefängnis ein chinesisches Märchen. Auf Englisch. Der machte Augen!

Hatten Sie es speziell für ihn ausgesucht?
Nein. Das war eine spontane Aktion bei meinem ersten Besuch. Wir sassen uns gegenüber, Larry und ich, uns trennte eine dicke Sicherheitsscheibe, und ich dachte, worüber soll ich mit diesem Mann jetzt reden? So erzählte ich ihm «Die blaue Rose» durchs Besuchertelefon. Larry lebt übrigens noch immer. Ich habe ihn schon fünf Mal besucht.

Woran glauben Sie nicht?
Potz tuusig! An Hierarchien, an den Monotheismus, an Parteien und auch nicht daran, immer konsequent sein zu müssen.

Das Märchen vom Froschkönig beginnt so: «In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat …» Wenn Sie einen Wunsch äussern dürften, der in Erfüllung geht, was wäre es für einer?
Uiuiui, das ist schwierig! Vielleicht, frei zu sein von Wünschen und Erwartungen? Der Weg zu diesem Ziel ist allerdings risikoreich – und sehr laaaaaaaaaang.

 

— Sophia Berger ist 1938 in Bern geboren und in Langnau aufgewachsen. Sie liess sich erst zur Primarlehrerin, dann zur Heilpädagogin ausbilden. Zurzeit arbeitet sie an einer Übersetzung palästinensischer Volksmärchen ins Berndeutsche. 2016 wurde ihr der Schweizer Märchenpreis verliehen. Sophia Berger lebt in Bern. speakbird.ch

Frank Heer

Der Kultur-Redaktor und Reporter schätzt an seinem Job vor allem die Lizenz zum Fragen, weil er überzeugt ist, dass jeder Mensch eine gute Geschichte zu erzählen hat.

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