Gebrochene Herzen

«Menschen mit Liebeskummer haben ähnliche Symptome wie Trauma-Patienten»

Text: Charlotte Theile; Foto: Alamy, Christian Brecheis

Lena Dunham Break-up
  • «Nie war es so einfach, sich einen Ersatzfix für unseren gefühlten Drogenentzug zu holen,
    wie auf Instagram und Co. Wer hat sich noch nie einen Fake-Account bei Instagram angelegt, um Stories
    zu stalken?», fragt Autorin Michèle Loetzner

Die Münchner Journalistin Michèle Loetzner hat ein Buch geschrieben, dessen Titel wie die Erfüllung eines Traums tönt: «Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen». Doch anders als man vermuten könnte, ist es kein Ratgeber geworden – sondern eine Zusammenstellung der wichtigsten wissenschaftlichen Studien über diese Wochen, die sich wie die schwersten des Lebens anfühlen können. Loetzner, die sich bewusst an Frauen richtet, ist überzeugt: Wenn wir verstehen, was mit uns passiert, fällt es uns leichter, mit dem Schmerz umzugehen.

annabelle: Michèle Loetzner, eine Freundin von mir hat den Liebeskummer ihres Lebens. Könnte ich ihr das Buch von Ihnen schenken und davon ausgehen, dass in 99 Tagen alles vorbei wäre?
Michèle Loetzner: Ich würde jetzt wahnsinnig gern sagen: ja. Aber das wäre gelogen und damit würde ich mich und mein Buch in eine lange Liste von Ratgebern einreihen, die versprechen, dass man mit im Mondschein geernteten Karotten oder Ähnlichem Liebeskummer einfach loswerden kann. Es gibt für diese Art von sozialem Schmerz weder ein Patentrezept noch eine Faustregel, wie lang er dauert. Jeder, der etwas anderes sagt, lügt. Was es aber schon gibt: wissenschaftliche Erkenntnisse, die einem diese schlimme Zeit erleichtern. Wenn man nämlich erst mal versteht, was da biochemisch und hormonell in einem abläuft und wie man darauf Einfluss nehmen kann, wird der ganze Loslösungsprozess einfacher. 

Sie haben sich ausführlich mit der wissenschaftlichen Seite des Liebeskummers beschäftigt. Was haben Sie da herausgefunden?
Auf der soziologischen Seite war für mich besonders spannend, warum wir Liebeskummer bagatellisieren. Da gibt es konkrete Verbindungen zur Trauma-Forschung, die ja vor allem im medizinischen Bereich stattfindet. Liebeskummer-Patienten haben oft ähnliche körperliche Symptome wie Trauma-Patienten: Man kann nicht schlafen, nicht essen, leidet unter Angstzuständen. Wenn einem diese Tragweite klar ist, wird einem das Ausmass eines gebrochenen Herzens erst mal so richtig bewusst. Auch die Parallelen zum Suchtverhalten sind interessant: Die Trennung vom Partner fühlt sich für viele an wie Drogenentzug. Und jeder, der schon mal versucht hat, sich das Rauchen abzugewöhnen, kann nachvollziehen, was das für eine Macht ist, die da von uns Besitz ergreift.

Wenn Liebeskummer mit Trauma vergleichbar ist: Was passiert da konkret im Kopf und im Herzen?
In kurzen Worten: ein völliges Ungleichgewicht von Hormonen. Die lange Antwort ist komplizierter und findet auch nicht ausschliesslich im Kopf oder im Herz statt, sondern im ganzen Körper. Alles, was wir über Hormone heute wissen, ist ein Bruchteil von dem, was wir noch erforschen müssen. Wir schütten zum Beispiel im Liebeskummer vermehrt das Stresshormon Cortisol aus – es bereitet uns auf den Kampf vor.

Das tönt nach Steinzeit.
Genau. Wenn man von einem wilden Tier angegriffen wird, macht dieses Hormon auch Sinn. Wer aber dauerhaft so angespannt ist, dem knallen irgendwann die Sicherungen durch. Dazu kommt, dass wir weniger Glückshormone ausschütten, die uns normalerweise davor bewahren, aus dem Tritt zu kommen. Das alles wird dadurch verschlimmert, dass wir eine Ursache für unser Leid ausmachen: die Trennung. Wir assoziieren diesen körperlichen Ausnahmezustand damit und reden uns ein, dass es uns nur wieder gut geht, wenn der Partner zurückkommt. Nur er ist das Medikament gegen unsere Schmerzen. Durch diverse CT-Scans weiss man, dass wir bei sozialen Schmerzen, also beispielsweise Liebeskummer, im gleichen Hirnareal Aktivitäten sehen wie bei physischen Schmerzen, also etwa einem gebrochenen Bein. Der Schmerz ist also «echt»

Warum wird Liebeskummer so oft nicht ernst genommen?
Die Bagatellisierung ist ein menschlicher Reflex. Wir reden klein, womit wir selbst nichts mehr zu tun haben wollen, weil es uns zu sehr an den eigenen Schmerz erinnert. Damit schaffen wir Distanz zu unseren eigenen Gefühlen.

In Ihrem Buch geht es ja explizit um eine heterosexuelle Frau, die von ihrem Ex schlecht behandelt wurde. Ist das so ein häufiger Fall?
Ich würde gar nicht sagen, dass sie schlecht behandelt wurde. Aber man selbst zieht oft diese Schlüsse, wenn einem Ungerechtigkeiten widerfahren. Und so eine ungewollte Trennung kategorisieren wir als Ungerechtigkeit. Das Buch richtet sich in erster Linie an Frauen. Männer bekommen dank des Patriarchats schon genug Aufmerksamkeit und stellen deshalb die Norm für vieles dar. Erst seit wenigen Jahren gibt es beispielsweise den Forschungsbereich der Gendermedizin. Heute weiss man unter anderem, warum so viel mehr Frauen als Männer am Broken-Heart-Syndrom sterben. Das ist, sehr vereinfacht gesagt, nichts anderes als ein Herzinfarkt. Und die Kardiologie hat sich über viele Jahrzehnte nur mit Männern beschäftigt. Kardiologische Operationen sind an Frauen viel schwerer zu vollziehen, weil sie zum Teil kleinere und stärker gebundene Gefässe haben. 

«Mein Buch ist keine Abrechnung mit Männern. Im Gegenteil: Ich mache immer wieder deutlich, wo Männer durch die aktuellen Strukturen benachteiligt werden»

Leiden Frauen anders als Männer?
Ja – kürzer, aber intensiver. Da gibt es überraschend viele und sehr differenzierte Studien dazu, zum Beispiel von der Binghamton University in New York. Männer leiden länger und verdrängen, weil ihnen von unserer Gesellschaft immer noch nicht richtig erlaubt wird zu trauern und zu leiden. Deshalb gibt es auch mehr männliche Langzeit-Singles als Frauen. Da hat sich das Patriarchat sozusagen selbst ins Knie geschossen, wenn Sie so wollen.

Ihr Buch ist ein feministisches Buch, richtig?
Richtig.

Wie bringt man Journalismus und politische Überzeugung zusammen?
Indem man objektiv recherchiert. Mein Buch ist ausserdem keine Abrechnung mit Männern. Im Gegenteil: Ich mache immer wieder deutlich, wo Männer durch die aktuellen Strukturen benachteiligt werden.

Wie gut kennen Sie sich persönlich mit Liebeskummer aus?
Natürlich wurde mir auch schon das Herz gebrochen. Ich bin ja nicht aus Beton. Beruflich weiss ich nach diesem Buch wahrscheinlich wesentlich mehr als die meisten. Was absurd ist, denn über Liebeskummer weiss man eigentlich schon lang sehr viel. Wir beschäftigen uns nur nicht besonders gern damit. Da sind wir wieder bei der Trauma-Forschung. Liebeskummer anderer triggert die Erinnerung an unseren eigenen. 

Was war der beste Liebeskummer-Tipp, den Sie je bekommen haben?
Meinen Tag hedonistisch zu strukturieren. Wie das genau aussehen kann, erkläre ich im Buch.

Was hilft gar nicht, wenn es einem schlecht geht?
Noch mal mit dem Ex reden. Das macht alles nur noch schlimmer – vor allem kurze Zeit nach der Trennung.

Wieso gibt es so viele miserable Bücher über Liebeskummer?
Weil viele Autoren denken, ihre persönliche Wahrheit lässt sich auf alle anderen übertragen. Wir gehen aber alle anders mit Trauer, Verlust und Zurückweisung um. Deshalb habe ich für mein Buch alles gesammelt und gesichtet, was es zu dem Thema gibt. Die Leserin kann sich dann selbst rauspicken, was für sie passt.

Heute sind wir ständig und überall miteinander vernetzt – auch nach einer Trennung. Welche Rolle spielen Instagram und Co. im Trennungsschmerz?
Eine grauenvoll sadistische! Nie war es so einfach, sich einen Ersatzfix für unseren gefühlten Drogenentzug zu holen, wie auf Instagram und Co. Wer hat sich noch nie einen Fake-Account bei Instagram angelegt, um Stories zu stalken? Oder auf Whatsapp nachgesehen, ob der Ex online ist? Und daraus dann absurde Schlüsse gezogen, die einen um den halben Verstand und den ganzen Schlaf gebracht haben? Social Media verlängern das Leiden enorm. Konsequenterweise müsste man den oder die Ex blockieren, aber wer hat schon so viel Disziplin? Ich schaffe es ja nicht mal, eine Tüte Chips nur zur Hälfte aufzuessen. 

Bringt es etwas, sich die schönsten Rachefantasien auszumalen?
Rachefantasien geben einem das Gefühl von Kontrolle zurück, und unter dem Verlust leiden wir ganz besonders. So eine Rachefantasie kann einem ganz gut durch den Tag helfen. Also go for it! In die Tat umsetzen sollte man sie aber nicht. Warum, erkläre ich im Buch ausführlich. 

Woran merkt man, dass der Liebeskummer vorbei ist?
Wenn man abends feststellt, dass man den ganzen Tag nicht an den oder die Ex gedacht hat. Dann ist er zumindest in grossen Teilen überwunden. Die ganze Wahrheit ist natürlich komplizierter. Oft denken wir ja noch Jahre später aus dem Nichts an diese schlimme Zeit und sofort ziept es im Herzen wieder. Da hilft es, die Perspektive zu wechseln: eigentlich doch ganz schön, dass man mal jemanden getroffen hat, der einen so berührt hat, oder? Warum sollte das also nicht noch mal passieren? Heute könnte der Tag sein, an dem man sich neu verliebt. 

«Liebeskummer bewältigen in 99 Tagen» (272 Seiten, ab 31.90 Franken) von Michèle Loetzner ist vor Kurzem bei Dumont erschienen. Ein Gespräch über das Buch findet sich ausserdem im Trennungs-Podcast Breakup. In der Folge «Ciao, Heartbreak!» reden Loetzner und Charlotte Theile über die besten Wege aus dem Liebeskummer, toxische Beziehungen und politisches Engagement.

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