Sex-Arbeit in der Schweiz

«Wir Schweizer haben ein beschönigtes Bild von der Prostitution»

Text: Anna Böhler; Bilder: Getty Images, Tom Haller 

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Aline Wüst recherchierte zwei Jahre lang über Prostitution in der Schweiz. Ihr Buch «Piff, Paff, Puff» ist seit August erhältlich.

«Viele Frauen erzählen eine ähnliche Geschichte. Ein Mann, den sie liebten und der ihnen Hoffnung auf ein gemeinsames Leben machte», so Aline Wüst.

Über Sexarbeit wird in der Schweiz zu wenig differenziert gesprochen. Journalistin Aline Wüst sprach für ihr neues Buch «Piff, Paff, Puff» mit Prostituierten, Freiern und Bordellbesitzern: Ihre Sicht auf die Sexarbeit in der Schweiz deckt sich nicht mit jener der Öffentlichkeit.

Sex zu verkaufen ist in der Schweiz legal, sobald eine Person 18 Jahre alt ist. Hat sie keinen Schweizer Pass, braucht sie eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Sie hat Steuern und Abgaben für AHV, EO und dergleichen zu bezahlen. Prostitution sei ein normaler Beruf, heisst es in der neutralen Schweiz. Und was als normal angesehen wird, bedarf keiner weiteren Diskussion. «Wir Schweizer haben ein beschönigtes, oftmals falsches Bild von der Prostitution», sagt Aline Wüst in die Linse ihres iPhones. Im Videochat erzählt die Journalistin und Buchautorin von ihrer Sicht auf die Sexarbeit in der Schweiz. Aline Wüst begann vor zwei Jahren mit ihrer Recherche im Rotlichtmilieu. Das Ergebnis ihrer Recherche fasste sie in ihrem Buch «Piff, Paff, Puff» zusammen, das seit Mitte August erhältlich ist.

Was die Prostitution klar unterscheidet von anderen Berufen: Nicht alle wählen ihn aus freien Stücken. Die Realität ist, dass ein Grossteil der Sex-Arbeiterinnen in der Schweiz zu ihrer Arbeit gezwungen wird. Entweder durch einen Zuhälter oder durch drohende Armut. Loverboys – ein harmloser Begriff für eine gefährliche Masche. Loverboys sind Männer, die sich verletzliche Frauen suchen, ihnen dann über einen längeren Zeitraum Liebe vortäuschen und eine gemeinsame Zukunft versprechen und sie dann schliesslich zum Anschaffen schicken.

«Viele Frauen erzählen eine ähnliche Geschichte»

«Viele Frauen erzählen eine ähnliche Geschichte. Ein Mann, den sie liebten und der ihnen Hoffnung auf ein gemeinsames Leben machte», erklärt Aline Wüst. Sie sieht viele Parallelen zur häuslichen Gewalt: Die Frau wird geschlagen, danach zeigt der Täter Reue, die Frau schöpft Hoffnung, dass sich alles ändert. Dann wird er wieder gewalttätig und alles beginnt von vorn. Und am Schluss sucht die Frau die Schuld bei sich selber. Es ist für das Opfer sowohl bei der häuslichen Gewalt wie auch bei Loverboy-Zuhältern unglaublich schwierig, dieser Gewaltspirale zu entkommen.

Den Prostituierten fehle es laut Wüst an Selbstvertrauen, sie haben Angst, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Der Journalistin gelang es, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. «Eine Schweizerin, die Opfer eines Loverboys wurde, wendete sich an die Opferhilfe. Diese war dafür nicht zuständig und leitete sie weiter an eine spezialisierte Fachstelle», erzählt sie. Als die Frau jedoch die Website besuchte, wollte sie keine Hilfe mehr suchen. Die Fachstelle vertrat ebenfalls die Meinung, dass Prostitution ein normaler Beruf sei. Das fehlende Verständnis für Frauen, die nicht freiwillig als Prostituierte arbeiten, schreckte die Betroffene ab. «Was sie erlebte, fühlte sich nicht normal an. Wie sollte sie sich jemandem öffnen, der sie nicht versteht?», so Wüst.

Die existierenden Hilfsorganisationen holen viele Frauen nicht ab

Die existierenden Hilfsorganisationen holen viele Frauen nicht ab, meint Aline Wüst. Man müsse deren Spektrum erweitern, endlich darüber aufklären, dass nicht alle Prostituierten ihren Job freiwillig machen. «Wir brauchen ein Kompetenzzentrum für diese Frauen: psychologische Betreuung, Beratung bei finanziellen Problemen, Hilfe beim Ausstieg, Perspektiven für eine Zukunft ausserhalb des Sexgewerbes», so Wüst. Viele der Frauen hätten Angst, dass sie einem 08/15-Beruf nicht standhalten könnten. Wenn Wüst mit den Sex-Arbeiterinnen über deren Zukunft sprach, fiel ihr eines immer wieder auf: Auf jeden Wunsch, den die Frauen formulieren, folgt ein «Aber es kommt ja doch nie so, wie ich es mir wünsche».

Bezahlter Sex macht süchtig – auf beiden Seiten, wie Wüst erklärt. Wenn die Frauen vor dem ersten Mal bereits gewusst hätten, was es mit ihnen anrichten wird, hätten es wohl viele nie getan, sagt sie. Mehrere Frauen erzählten Wüst, dass sich das Rotlichtmilieu wie eine «Klaue» um sie legte, nachdem sie das erste Mal hinter sich hatten. Die Freier sind süchtig nach dem scheinbar bisschen Liebe und Zuneigung, das sie sich kaufen.

Triebbefriedigung als Konsumgut – man kann sich heute alles kaufen und nachhause liefern lassen. Vielleicht geht es auch einfach darum, für einen Moment etwas Besonderes zu sein. Denn wer ist schon nicht gern besonders?

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