Virtual-Reality-Experiment

3 Minuten im Körper meiner Oma

Text: Anna Böhler; Foto: Anna Böhler, Unsplash

Wie fühlt es sich an, in der Haut eines andern zu stecken? Dieser Frage geht eine VR-Simulation in der Ausstellung «Kopfwelten» im Technorama auf den Grund. Wir haben den Selbstversuch gewagt.

Wie leicht lässt sich unser Hirn von äusseren Faktoren täuschen? «Kopfwelten», die neue Ausstellung im Technorama, dreht sich rund um die menschliche Wahrnehmung und wie diese getäuscht werden kann. Mit Hilfe einer VR-Brille kann man sich etwa in die Haut des Gegenübers hineinversetzen. Dieses «Sich-Hineinversetzen» funktioniert, indem das Bild der Kamera auf dem Kopf von Person A auf die Brille von Person B projiziert wird. Mein Grosi und ich wollten das ausprobieren.

Wird meine Empathie positiv beeinflusst?

Das Thema Wahrnehmung interessiert mich enorm – und ganz besonders möchte ich herausfinden, wie es sich anfühlt, mit einem älteren Menschen den «Körper zu tauschen». Hat ein Körpertausch zur Folge, dass man sich auch ohne VR-Brille zukünftig besser in andere hineinversetzen kann? Wird meine Empathie positiv beeinflusst?

Ich hole sie mit dem Auto ab und wir fahren nach Winterthur. Dort angekommen, melden wir uns beim Empfang – der Ausstellungsleiter Armin Duff holt uns ab und führt uns in den Ausstellungsbereich «Kopfwelten». Der Raum ist dunkel und überall stehen Kinder – ganz coronakonform – für die verschiedenen Elemente der Ausstellung an. Dementsprechend hoch ist auch der Lärmpegel, aber der wird uns gleich nicht mehr stören.

Mein Grosi ist nicht Teil der Generation Digital und so dauert das Installieren der Brille und der Kopfhörer etwas länger als für gewöhnlich. Herr Duff erklärt uns geduldig, wie wir mit unseren Augen etwas in der virtuellen Welt anwählen können. Zuerst muss man Deutsch als Sprache festlegen und danach noch auf ein Häkchen starren, um die Auswahl zu bestätigen und fortzufahren. Das Anwählen bereitete meiner Oma Mühe, denn sie konnte nicht, wie bei ihrem iPhone, einfach draufklicken, sondern musste die Maus mit ihrem Blick führen. Und die Mühe abnehmen konnte ihr niemand, weil die Einstellungen zurückgesetzt werden, sobald man die Brille auszieht.

Ich fühle mich wie ein Avatar im Computerspiel Sims

Etwa zehn Minuten und unzählige Seufzer später sind wir startklar und beginnen das Gedankenexperiment. Eine sanfte Stimme leitet uns über die Kopfhörer an und gibt Anweisungen, wie wir uns zu bewegen haben. Im Hintergrund läuft irgendeine Melodie – ich fühle mich ein bisschen wie ein Avatar im Computerspiel Sims. Durch die virtuelle Brille scheint die Realität weit entfernt. Der Lärm und die Menschen um mich herum sind in dieser Welt nicht existent.

«Drehen Sie langsam Ihre Hände nach aussen.» Gesagt – getan: Ich staune, als ich die Hände meiner Grossmutter sehe, die sich analog zu meinen Händen zu bewegen scheinen. Ich erschrecke ein wenig im ersten Moment, meine Grossmutter hat im Gegensatz zu mir sehr grosse Hände, sie ist eine grosse Frau und bestimmt 15 Zentimeter grösser als ich.

Mein Hirn lässt sich einfach täuschen

Je länger ich meine Hände und Arme anschaue, desto fester bin ich davon überzeugt, es seien meine. Schliesslich bewegen sie sich so, wie ich mich gerade bewege. Mein Hirn lässt sich einfach täuschen, denke ich. Ich nahm immer an, das sei schwieriger. «Nun legen Sie Ihren rechten Fuss auf Ihren linken Oberschenkel»; das Bild stockt. Ich sehe meine eigenen Beine wieder. Meine Oma ist nicht mehr so gelenkig und schafft es nicht, ihren Fuss bis zum Knie zu heben. Eine beklemmende Erkenntnis geht mir durch den Kopf: «So wird es mir auch gehen im Alter.»

Die Illusion verfliegt für einen Moment, kommt aber gleich wieder zurück, als die Wand, die zwischen uns steht, weggefahren wird. Ich sehe mich selbst. Nicht auf einem Foto, nicht in einem Spiegel, sondern so, wie noch niemals zuvor: von aussen, so wie mich jemand anderes sieht. Ich habe mich mein Leben lang gefragt, wie ich wohl von aussen aussehe und ob meine Selbstwahrnehmung mit der objektiven Wahrnehmung eines Fremden übereinstimmt.

Obwohl ich an diesem Morgen finde, meine Haare sehen schrecklich unzähmbar aus, finde ich sie von hier betrachtet auf einmal ganz in Ordnung. Die Stimme in meinem Ohr kommandiert, ich solle mich nach vorn lehnen und mir selbst die Hand schütteln. Nach kurzen Orientierungsschwierigkeiten treffen unsere Hände aufeinander und die Täuschung ist zurück – mein Hirn denkt, es schüttelt mit der Hand meiner Grossmutter meine eigene. Und das war es dann auch schon. «Das Experiment ist beendet» oder ähnlich, heisst es. Ich erschrecke, denn ich glaubte, das sei erst die Aufwärmphase gewesen.

Wir ziehen Brille und Kopfhörer aus und ich frage mein Grosi, wie es für sie war. «Eindrücklich, dieses Experiment.» Auch sie war überrascht davon, wie realistisch der eigene Anblick ist. Für sie war die Handhabung jedoch etwas kompliziert und sie meinte «Man muss sich halt wirklich langsam bewegen, sonst funktioniert es nicht.»

Einmal in eine andere Haut schlüpfen

Die Idee des VR-Experiments ist es, den Besuchern die Möglichkeit zu geben, die Perspektive zu wechseln. Armin Duff erklärt: «Das Erlebnis hat aber auch eine Wirkung auf der Ebene der Empathie. Es kann zeigen, wie es ist, wenn man zum Beispiel sein Bein nicht hochheben kann oder die eigenen Hände zittern.» Es gehe aber auch darum, dass man die Möglichkeit hat, sich zum Beispiel in eine Person mit einer Behinderung hineinzuversetzen.

Meiner Meinung nach eignet sich das Experiment für alle, die einmal in eine andere Haut schlüpfen möchten. Am besten macht man die Erfahrung mit jemandem, der einen Kontrast zur eigenen physischen Erscheinung darstellt, etwa Alt mit Jung oder Dick mit Dünn. So ist die Erfahrung am eindrücklichsten. Auch wenn das Programm etwas länger dauern dürfte, denke ich, dass der Effekt auch schon nach diesen wenigen Minuten eintritt – man kann sich durch dieses verrückte Experiment tatsächlich vorstellen, wie es ist, die Person auf dem Stuhl gegenüber zu sein.

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