Meinung

Ach so authentisch!

Text: Annik Hossmann; Foto: GettyImages

  • «Vom Thai-Curry über die Busfahrt in Südamerika bis hin zu Bevölkerungsgruppen: alles und alle werden mit dem Wert «authentisch» gemessen», schreibt Annik Hosmann. 

Die Aussprache des Wortes Authentizität ist längst nicht sein einziger Knackpunkt, es ist vor allem seine Anwendung. Vom Thai-Curry über die Busfahrt in Südamerika bis hin zu Bevölkerungsgruppen: alles und alle werden mit dem Wert «authentisch» gemessen. Geradezu inflationär wird der Begriff auf Instagram verwendet. Immer mehr Influencer und Blogger wollen sich nur noch wirklich authentisch zeigen und ebensolchen Content kreieren. Und immer stärker scheint auch der Anspruch der Nutzer, einen echten Einblick in das Leben dieser mehr oder weniger bekannten Menschen auf Instagram zu erhalten; schmutzige Wäscheberge, Tränen und Dehnungsstreifen inklusive. Schön und gut, dass nicht nur die tollen Seiten des Lebens gezeigt werden. Aber, wie Lena Dunham einmal richtig sagte, viele würden «authentisch» mit «verzweifelt» oder «chaotisch» verwechseln.

Tatsächlich scheint auf Instagram vor allem Unperfektes als authentisch zu gelten – etwa dann, wenn es um den Frauenkörper geht. Das unausgesprochene Diktat: Liebe deine Fehler bedingungslos, und zwar bitte öffentlich (dabei können sie einem ja auch einfach egal sein). In diesem Zusammenhang geht die britische Journalistin Pandora Sykes noch einen Schritt weiter und schreibt im Essay mit dem treffenden Titel «The Authentic Lie» von einer zunehmenden Fetischisierung dieser Mängel. Sie stellt somit die Frage, was ein authentischer Körper überhaupt ist. Nur einer mit Dehnungsstreifen? Sind also schlanke Frauenkörper nicht authentisch? Dass wir in der Werbung, in Magazinen und auch auf Social Media mehr Diversität bezüglich Körperformen sehen müssen, ist unbestritten. Aber ein unperfekter Körper ist nicht einfach automatisch authentischer als ein scheinbar(!) perfekter. Und was ist erst mit einem chirurgisch optimierten Körper?

Genau hier zeigt sich die Komplexität und die problematische Verwendung des Begriffs «authentisch»: Er wird oft mit «echt» gleichgesetzt. Laut Duden ist das zwar richtig (authentisch: «echt; den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig»), nur ist die Bedeutung in Bezug auf Menschen deutlich komplizierter. Denn eine Frau mit operierten Brüsten wäre im Umkehrschluss keine echte Frau. Nur: Authentizität ist kein messbarer Faktor. Nicht authentisch gleich unecht gleich schlecht, die oft suggerierte Gleichung auf Instagram, geht nicht nur nicht auf, sondern ist schlicht falsch. Es gibt nicht nur eine authentische Art. Und sowieso: Kann jemand, der ständig betonen muss, dass – Achtung, Achtung – nun authentische Einblicke in sein Leben oder die Arbeit folgen, authentisch sein? Wohl kaum.

Influencer, Schauspieler oder Musikerinnen scheinen in einer konstanten Bringschuld ihrer Follower zu stehen. Neben ihrem (nicht perfekten) Körper sollen bitte auch Bilder vom Kind, Tipps für die Haarpflege, das Label jedes Kleidungsstücks geteilt werden. Und zudem sollten sie eine Meinung zu allem haben. Pandora Sykes findet, dass eine Person nicht authentischer ist, wenn sie ihre politische Meinung oder Haltung zu bestimmten Themen kundtut, als wenn sie nichts sagt. Sykes hat recht. Vielleicht gibt es ja Dinge, die man für sich behalten will, weil man gut auf den Kommentar Fremder verzichten kann. Ist das nun nicht authentisch? Nein. Nicht jeder hat das gleiche Mitteilungs- bedürfnis – und schliesslich ist man nur dann authentisch, wenn man sich selbst ist.

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