Warum mich mein Geburtstag stresste

Die Angst vor der grossen Dreissig

Text: Sara Lisa Schäubli; Foto: Amazon 

  • Szene aus der erfolgreichen Serie «Fleabag»

    «Die Protagonistin war mir in meinem dreissigsten Lebensjahr eine wahre fiktive Freundin»

Die Angst vor der Dreissig liess unsere Autorin in Selbstzweifel versinken. Bis sie verstand: Das Sprichwort «Lieber spät als nie» kann ganz schön den Druck aus der Lebensplanung nehmen. 

Es war vor ein paar Monaten, als ich zum ersten Mal gemerkt habe, wie mürbe mich die sich nahende Dreissig machte. Ich hatte eine Bekannte getroffen. Wir standen draussen unter dem Vordach einer Zürcher Bar, hielten uns an unseren Drinks fest und arbeiteten die klassischen Wir-haben-uns-lang-nicht-gesehen-Standardfragen ab. «Und sonst, wie läufts?», «Beschissen», sagte ich. «Wieso das?», «Ich werde dreissig». Sie nickte nur wissend und nahm einen grossen Schluck.

Die Überzeugung, dass dreissig werden hart ist, ist weit verbreitet. Kein Wunder, wird doch Mitt-Zwanzigern von allen Seiten eingeflüstert, dass es eine grosse Zahl sei. Dabei ist sie sogar noch viel mehr als das. Denn am runden Geburtstag hängen, wie sich für mich herausstellte, existenzielle Fragen: Was zur Hölle mache ich mit meinem Leben? Habe ich bis jetzt überhaupt irgendetwas erreicht? Sollte ich nicht schon viel weiter sein? Was soll bloss aus mir werden, wenn es so weitergeht? Willkommen auf dem Selbstzweifel-Karussell.

Kurz vor meinem dreissigsten Geburtstag ist mir auf diesem Selbstzweifel-Karussell so schlecht geworden, dass ich Hilfe gesucht habe. Meiner Therapeutin schilderte ich die Situation mit folgendem Bild: Mein Leben gleicht einem über Wasser gebauten Haus, es stützt sich auf mehrere Pfähle ab. Stützen sind zum Beispiel ein solides Einkommen, eine funktionierende Beziehung, ein gesunder Körper und eine gesunde Psyche sowie ein Auffangnetz aus Freunden und Familie. Wenn nur ein Pfahl kollabiert, kann ich ihn reparieren, ohne dass das ganze Haus absäuft. Je mehr Stützen jedoch morsch sind, desto bedrohlicher ist die Lebenskrise.

Eine solche ausgewachsene Lebenskrise hat die Protagonistin in der tragisch-komischen Fernsehserie Fleabag. Die britische Produktion gewann 2019 insgesamt sechs Emmys und wurde von etlichen Fernsehkritikern in die Liste der besten Serien des letzten Jahrzehnts aufgenommen. Darin geht es um Fleabag, die Anfang dreissig ist und deren beste Freundin sich gerade umgebracht hat. Um den Schmerz zu betäuben, vögelt sie mit jedem, der nicht bei drei auf dem Baum ist. Daneben führt sie erfolglos ein Café und schlägt sich mit ihrer manipulativen Patin rum, die sich sofort nach dem Tod ihrer Mutter den Vater unter den Nagel gerissen hat. Dass sie am Ende der ersten Staffel mit breiten Mascara-Streifen im Gesicht durch die Strassen irrt, verwundert nicht weiter.

Mir war sie in meinem dreissigsten Lebensjahr eine wahre fiktive Freundin. Das Gefühl, dass auch ich ziellos durch die Strassen irre, habe ich vor allem in puncto Karriere. Für fast alle beruflichen Meilensteine in meinem Leben habe ich zwei Anläufe gebraucht. Unter Voraussetzungen wie diesen ist es schlichtweg unmöglich, vor dreissig erfolgreich zu sein – und das war lang mein erklärtes Ziel. Oder um mich mit den Worten anderer zu beschreiben: Ich bin langsam. Erfolg, das wäre, auf einer dieser 30-unter-30-Listen aufzutauchen. Dort erhalten unter 30-jährige Menschen ein Krönchen für ihre Leistungen und der ganze Rest Minderwertigkeitskomplexe à discrétion.

Dass es Bücher gibt wie «Late Bloomers» von Forbes-Herausgeber Rich Karlgaard, der die gesellschaftliche Besessenheit mit frühem Erfolg anprangert, macht etwas Mut. Leserinnen und Leser werden zum Beispiel daran erinnert, dass Joanne Rowling den ersten Harry-Potter-Band mit über dreissig publiziert hat. Ganz nach der Devise «lieber spät als nie» taugen für das Buch aber auch nur Menschen, die zwar verhältnismässig spät, aber eben trotzdem erfolgreich wurden. Niemand kennt den Namen einer Arbeiterbiene.

Als Mini-Rebellion gegen die Leistungsgesellschaft habe ich mich für zukünftige Smalltalks ganz einfach entschieden, nicht mehr nach dem Job zu fragen. Alternative Gesprächsanfänge gibt es genug, zum Beispiel: «Was ist das Beste, das dir in letzter Zeit passiert ist?».

Für mich ist es, meinen Dreissigsten hinter mich gebracht zu haben. Hoffentlich habe ich jetzt Ruhe – zumindest bis vierzig.

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