Wie ist es eigentlich

Wenn man Attentäter gesund pflegt

Aufgezeichnet von Frank Heer

Ein Mann aus Gaza riss im Juli 1989, auf dem Weg von Jerusalem nach Tel Aviv, das Steuer eines vollbesetzten israelischen Linienbuses an sich und lenkte ihn über eine Klippe. Sechzehn Menschen starben, es gab viele Schwerverletzte. Dass ich selber nicht in diesem Bus sass, war reines Glück. Ich fuhr diese Strecke mehrmals pro Woche, weil ich in Tel Aviv einen Weiterbildungskurs in Physiotherapie absolvierte. Der Anschlag war ein trauriger Höhepunkt der ersten Intifada, dieser über fünf Jahre dauernden gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und der israelischen Armee.

Seit Juli 1988 arbeitete ich am Hadassah-Universitätsspital Ein Kerem in Jerusalem, wo nicht nur die Opfer von Anschlägen behandelt wurden, sondern auch die Täter. Ich erinnere mich an einen jungen Araber, der mit einem Messer auf jüdische Passanten eingestochen und zwei davon tödlich verletzt hatte. Bei seiner Festnahme zog er sich Prellungen und Brüche am Oberkörper zu. Meine Aufgabe als Physiotherapeutin bestand darin, seinen Bewegungsapparat zu mobilisieren. Der Mann wurde rund um die Uhr von einem Polizisten bewacht. Nach einer Woche erfolgte die Verlegung in ein Gefängnis. Ich sehe seinen leeren Blick bis heute vor mir: Er schien voller Hass, selbst für die Menschen, die ihm halfen. Ein anderer Palästinenser, siebzehn Jahre alt, kam mit schwersten Verbrennungen auf die Intensivstation. Da er sich weigerte, den Unfallhergang zu schildern, ging man davon aus, dass der Junge entweder Handlanger bei einem missglückten Bombenattentat gewesen war oder selbst beabsichtigt hatte, einen Anschlag durchzuführen. Neunzig Prozent seiner Haut waren verbrannt, es ging um Leben und Tod. Jeden Morgen nahmen wir seine Bandagen ab, pflegten die Wunden und verbanden sie von Neuem. Ich hatte mit ihm die ersten Schritte auf dem Gang gemacht, um das Gewebe elastisch zu halten. Seine Schmerzen müssen unerträglich gewesen sein, ständig platzten die Wunden, alles war voller Blut, doch er zeigte keine Emotionen. Sein Stolz war mir fast unheimlich.

Es scheint paradox, wenn Opfer und Terroristen unter dem gleichen Dach behandelt werden. Doch die medizinische Ethik macht hier keine Unterschiede. Ärzte und Therapeuten sind nicht dazu da, zu richten, sondern die richtigen medizinischen Entscheide zu treffen. Emotionen wie Wut oder Trauer haben bei unserer Arbeit nichts verloren. Auch für den 17-jährigen Palästinenser wurde alles getan, um ihn zu retten. Aus unversehrten Hautzellen wurde neues Gewebe gezüchtet und auf den verbrannten Leib transplantiert. Für die damalige Zeit war das eine ungeheure Leistung. Nach sieben Monaten durfte der Junge nachhause; mangels Beweisen blieb ihm das Gefängnis erspart. Dankbarkeit konnten wir von ihm keine erwarten.

Wenn ich zurückdenke, so glaube ich, dass es meinem jugendlichen Idealismus geschuldet ist, dass ich meine Arbeit psychisch unversehrt überstanden habe. Meine Zeit am Ein-Kerem-Spital dauerte nur zwei Jahre, doch sie war eine Lebenshochschule für mich. Bereits die erste Arbeitswoche zeigte mir, was künftig mein Alltag sein würde: Jugendliche hatten in Ramallah einen Molotowcocktail in einen israelischen Jeep geworfen, und die verletzten Soldaten lagen bei uns auf der Station. Was ich sah, als ich das Zimmer der Opfer betrat, übertraf meine Vorstellungskraft: Der Fahrer war durch die Verbrennungen derart entstellt, dass kaum mehr ein Gesicht auszumachen war. Noch auf der Schwelle drehte ich mich um und ging zurück in den Gang. Ich brauchte einen Moment für mich, denn ich wusste, dass mir zwei Möglichkeiten blieben: Entweder ich würde die Versetzung in ein anderes Spital beantragen – oder dem Schrecken ins Auge sehen. Ich entschied mich für Letzteres.

Rita (60), Physiotherapeutin, Zürich

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