Meinung

Ausmisten – auch im Kopf

Text: Kerstin Hasse; Foto: Netflix 

Marie Kondo

Aufräumkönigin Marie Kondo hat mit ihrer Netflixserie die letzten Ordnungsmuffel vom Zauber des Ausmistens überzeugt. Das ist ja schön und gut, findet unsere Autorin. Noch besser aber wäre es, wenn man dabei gleich das eigene Konsumverhalten auf weniger ist mehr schalten würde.

Marie Kondo hat uns alle infiziert. Spätestens seit wir die Netflixserie der japanischen Aufräumkönigin gebingt haben, herrscht deshalb grosses Ausmisten in den Wohnungen und Häusern dieser Welt. Aufräumen, das ist ganz gross im Trend. Marie Kondos Philosophie besteht unter anderem aus der Grundsatzfrage: «Bereitet mir dieses Teil Freude?», die man sich bei jedem Gegenstand – ob Seidenbluse oder Samthocker - fragen soll.

Wie es scheint, macht vor allem so manches Modeteil meiner Social-Media-Bubble keine Freude mehr. Ich wurde in den letzten Tagen auf Instagram überrollt von persönlichen Kleiderflohmärkten. Eine Ausverkauf-Story reihte sich an die andere. Alle wollen ihr Zeug loswerden, egal ob Schuhe, Schmuck, Taschen oder Kleider.

Grundsätzlich ist das ja eine prima Idee. Wahrscheinlich sind all unsere Kleiderschränke ein bisschen zu voll gestopft. Und Frau Kondo hat recht: Es kann auch für unsere Seele eine durchaus befreiende Sache sein, einfach mal auszumisten.

Was mich ein bisschen irritiert, ist, wie Leute mit den ausgemisteten Dingen umgehen. Ist es wirklich nötig, die abgetragenen H&M-Shirts oder getragenen Zara-Schuhe noch für einen Zwanziger im Internet zu verkaufen, wenn das Teil im Original schon kaum mehr kostete? Wäre es nicht auch eine Option, all die Pullis und Shirts und Hosen, die, wie es scheint, noch in tadellosem Zustand sind, zu spenden? Muss daraus wirklich wieder Kapital geschlagen werden, das wieder in neue Konsumartikel gesteckt wird? Wäre doch auch schön, nicht sich selber Freude mit dem Verkaufserlös zu bereiten, sondern anderen Menschen, die weniger haben. Ich glaube, das täte der Seele auch ganz gut.

Was mich zudem irritiert: Viele dieser Bloggerinnen und Social-Media-Girls versehen ihre Schuhe und Kleider mit dem Label «ungetragen». Verstehen Sie mich nicht falsch, mir sind auch schon Fehlkäufe passiert. Mir geht es aber darum, Marie Kondo nicht nur in die eigenen vier Wände, sondern auch in den eigenen Kopf und das eigene Konsumverhalten einzuladen. Das heisst: Einfach mal beim Einkaufen innehalten. Sich überlegen, ob dieser schwarze Pulli wirklich sein muss oder ob man nicht einen ähnlichen schon zu Hause hat. Nachfragen, ob vielleicht nicht die beste Freundin ein Kleid für die Hochzeit ausleihen könnte. Nicht jedem Fast Fashion Trend hinterherrennen, der einem nach ein paar Monaten bereits verleidet ist. Oder ab und zu in einen Secondhandshop spazieren und den Teilen, die andere ausgemistet haben, ein neues Leben schenken.

Marie Kondo wird gehypt, weil sie uns alle dazu bringt, Freude am Aufräumen und Ausmisten zu haben – und das ist bewundernswert. Sie hat aber vor allem einen Nerv getroffen in einer Gesellschaft, die schlicht und einfach viel zu viel Kram besitzt. Und das ändert sich nicht mit einer Aufräumaktion, sondern dann, wenn wir alle ein bisschen genügsamer durchs Leben gehen.

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