Meinung

Die Bikinimodels und ich

Text: Miriam Suter; Foto: H&M

H&M Badeanzug
  • «Bei H&M fand ich ein Modell, das mir gefiel – und noch mehr als das: Das Model hatte sichtbare Cellulite, Tattoos und – revolutionär! – ein kleines Bäuchlein. Ihre Figur sah fast so aus wie meine. Und ich dachte: Verdammt, genau so etwas will ich sehen.»

Unsere Gastautorin hat sich auf die Suche nach einem neuen Bikini gemacht – und dabei etwas ganz anderes gefunden: Ein scheues Versprechen einer besseren Zukunft.

Kürzlich wollte ich mir ein neues Bikini kaufen. Meine letzte Suche ist bereits eine Weile her: Einerseits, weil ich sehr faul bin und gerade Bikinis und Badeanzüge viel Zeit bei der Anprobe und der Wahl des richtigen Modells beanspruchen. Andererseits, weil ich eigentlich versuche, mir erst dann ein neues Kleidungsstück zu kaufen, wenn ein altes kaputt ist. Ich habe zuhause zwei Bikinis, die ich seit Jahren trage und die noch einwandfrei sind, aber als Freelancerin findet man nur zu gern Gründe, um die Arbeit hinauszuschieben, und so klickte ich mich vor ein paar Wochen durch die neusten Modelle der Online-Versandhäuser. Bei H&M fand ich ein Modell, das mir gefiel – und noch mehr als das: Das Model hatte sichtbare Cellulite, Tattoos und – revolutionär! – ein kleines Bäuchlein. Ihre Figur sah fast so aus wie meine. Und ich dachte: Verdammt, genau so etwas will ich sehen. Ich will wissen, wie gut das Bikini an mir, an meiner Figur aussehen könnte – nicht an jemandem, der 20 Kilo weniger wiegt als ich. Damit ich dieses Bedürfnis tatsächlich realisieren konnte, brauchte es nicht viel: ein kleines Speckröllchen über einer Bikinihose reichte aus.

Dass sich Brands immer mehr vom klassischen Schönheitsideal wegbewegen, ist nichts Neues. Bereits 2017 gab das Versandhaus Asos bekannt, dass es seine Bilder nicht mehr mit Photoshop bearbeitet. Seither haben die Models beispielsweise sichtbare Dehnungsstreifen oder kleine Speckröllchen am Bauch. Anscheinend hat die erneut erstarkte Feminismuswelle nun endlich auch Einfluss auf die Bildsprache der Werbung. Auch auf Twitter findet das grossen Anklang: «Nach zehn Jahren Skinny Girls wurde es auch Zeit», heisst es da in einem Tweet mit einem Asos-Bikini.  Auf dem Bild posiert das Model im Sitzen, über ihrer Bikinihose ist tatsächlich eine kleine Hautfalte zu sehen. Und auch der Versandhändeler Hollister wird für die Körpervielfalt seiner Bikinimodels gelobt.

Und Asos ist bei weitem nicht allein: Vor zwei Jahren brachte das legendäre «Sports Illustrated» ein Cover heraus mit dem 56-jährigen Model Nicola Griffin, Beth Ditto lancierte ihre Kollektion ab Grösse 42 – die Grösse, bei der gängige Marken normalerweise aufhören, überhaupt zu produzieren – und die H&M-Tochterfirma & other Stories beschränkte sich schon 2015 in ihrer Werbekampagne nicht nur auf Vielfalt in Sachen Kleidergrösse, sondern zeigte Bilder von Models mit Achselhaaren und Operationsnarben. Dass wir nun immer mehr Bilder von Frauen jenseits von Grösse 34 sehen, ist nicht nur bitter nötig, es ist auch ganz einfach ein Abbild der Realität: In den meisten Ländern Europas liegt die durchschnittliche Kleidergrösse bei Frauen irgendwo zwischen 40 und 44.

Einige Tage später – das Bikini war bereits auf dem Weg zu mir – spazierte ich durch Zürich. Ich wartete ich an einer Tramhaltestelle, vor mir hing ein Plakat mit Werbung der neuesten Sommerkollektion und, natürlich, Bikinis. Getragen von vier weissen, bildhübschen, sehr schlanken junge Frauen. Und ich war wieder betrübt: Speckröllchen my Ass. Oder eben nicht. Nicht falsch verstehen: Ich habe nichts dagegen, dass man in der Werbung Bilder von schlanken Frauen sieht, im Gegenteil, auch das bedeutet schliesslich Körpervielfalt. Aber wenn dieser Figurtyp der einzige ist, mit dem ich mich identifizieren soll, dann fehlt mir etwas. Es löst etwas anderes aus in mir, wenn ich eine Frau mit meiner Figur auf einem Werbeplakat sehe. Es sagt mir: Dein Körper existiert, er darf existieren, er darf sogar ein schönes Bikini tragen – und nun gib uns dein Geld. Klar, dass wir in einer kapitalistischen Welt leben und es unterm Strich bei Werbung immer um Geld und Profit geht, kann auch ein Plakat mit einem Model mit Grösse 42 nicht wettmachen. Aber sie kann etwas anderes: Dafür sorgen, dass ich bei meiner nächsten Portion Pasta nicht denke, dass ich die eigentlich nicht essen sollte, weil ja bald Sommer ist und jesses, dann könnte man auch mal meinen Bauch sehen, und der darf nicht zeigen, dass ich gern Pasta esse. Sie kann dafür sorgen, dass ich meine Kurven sexy und sinnlich finde, wenn ich das nächste Mal im Bikini in den Spiegel sehe. Und deshalb wünsche ich mir, dass es nicht mehr der Sonderfall ist, dass irgendwo ein Speckröllchen auftaucht. Dass ich nicht erstaunt bin, wenn ich eine Model mit Dehnungsstreifen sehe – sondern dass das schlicht und einfach normal ist. Dass sich alle Frauen in den Werbekampagnen und Online-Shops wiedererkennen. Sowohl meine Freundin, die auch in ihren schlanksten Zeiten nicht in ein Triangelbikini gepasst hätte, weil sie wunderbare Rundungen hat, die Support brauchen, als auch die Freundin, die vor allem in der Petite-Abteilung shoppt, weil sie zierlich ist. Ich wünsche mir für den nächsten Sommer nicht nur endlich wieder einmal Ferien am Meer, sondern auch noch mehr Körpervielfalt, noch mehr unterschiedliche Frauen in allen Grössen und Hautfarben auf Werbeplakaten, im Internet, in der Badi und am Fluss. Und mehr Pasta natürlich.

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