Meinung

Black Lives Matter: Was lernen wir aus unseren Fehlern?

Text: Kerstin Hasse; Foto: GettyImages 

Jetzt ist nicht der Moment, um es besser zu wissen, sondern um zuzuhören, Fehler einzugestehen und dazuzulernen, schreibt unsere Autorin. 

Die Ex-Chefredaktorin der französischen «Vogue», Carine Roitfeld hat gestern ein Bild gepostet. Es zeigt sie mit dem Model Anok Yai, Roitfeld umarmt Yai von hinten, die Caption dazu lautet: «Miss you.» Weiter unten kommentierte Roitfeld ihr eigenes Bild: «Anok ist keine schwarze Frau, sie ist meine Freundin, die ich vermisse.» In der Zwischenzeit hat Roitfeld den Post gelöscht. 

Unzählige Userinnen kommentierten sowohl unter Roitfelds Post, als auch unter einem Beitrag des Blogs Diet Prada, dass schwarze Frauen und Männer keine Bild-Props seien, die man benutzt, um ein politisches Statement zu machen. «Ist heute der Umarme-deinen-schwarzen-Freund-Tag?», fragte ein User. Kolonialismus wurde Roitfeld vorgeworfen, Ignoranz und Arroganz. «Natürlich ist sie eine schwarze Frau», schrieb eine andere Userin. «Das zu ignorieren, ist nicht der Sinn der Proteste.» 

 

Nie war es – scheinbar – einfacher, sich im Kampf gegen Rassismus solidarisch zu zeigen als im Moment. Ein schwarzes Quadrat auf das eigene Profil laden und voilà: Man beweist seinen Followern, seinem Freundeskreis und der ganzen Welt, dass einem Rassismus nicht egal ist.

Doch der Roitfeld-Moment beweist: Damit ist es nicht getan. Denn zu oft fehlt Menschen, die privilegiert genug sind, dass sie keinen Alltagsrassismus erleben müssen, die Sensibilität für eben diesen. Und deshalb muss man lernen, zuzuhören. Man muss lernen, dass Fehler gemacht werden, zu diesen stehen und vor allem versuchen, sie nicht zu wiederholen. Im Moment kann man im Internet sehr viel falsch machen. Deswegen sollte man die Debatte aber nicht scheuen. Die Frage ist viel mehr, ob man aus seinen Fehlern lernt.  

Roitfeld hat ihren Post gelöscht. Das ist schade. Denn eigentlich hätte sie einen weiteren Post verfassen oder das Gespräch mit ihrer Freundin Anok Yai suchen sollen. Sie hätte ihren 1.7 Millionen Followern erklären sollen, wie sie zu diesem Bild steht, nachdem sie die Kommentare gelesen hat. Sie hätte den Diskurs suchen sollen, anstatt so zu tun, als wäre nichts passiert. Nicht, um sich beleidigen zu lassen, sondern, um zu zeigen, wie komplex und vielschichtig diese Diskussion ist. Wäre es mit einem schwarzen Viereck getan, würden im Moment in Amerika keine Gebäude brennen, es würden keine Panzer durch Vororte fahren und es würden keine Menschen auf offener Strasse wehrlos ihr Leben verlieren. 
Immerhin: In der Kommentarspalte von Diet Prada stellt sich Roitfeld der Kritik und verspricht Besserung. Leider verbindet sie auch diese Bemühung sogleich mit einer Ausrede: «Ich hoffe, dass meine nächste Arbeit und meine ständige Unterstützung aller Communities euch in Zukunft wieder zufriedenstellen werden! Meine Arbeit aus vierzig Jahren kann nicht gelöscht werden durch einen unangebrachten Post.» 

Es bringt uns allen nichts, wenn sich die Fronten verhärten. In der #MeToo-Debatte haben irgendwann einige Männer die Hände verworfen und sich beschwert, «dass man ja nichts mehr sagen darf». Das hat mich als Frau genervt und frustriert, denn: Diese Männer hörten nicht mehr zu. Das ist nicht das Problem der Frauen? Hm, na ja, vielleicht eben schon. Weil ein gesellschaftlicher Wandel nur dann möglich ist, wenn man ihn gemeinsam angeht – über Geschlechter und Hautfarben hinweg. 

Wenn alle, die ein Quadrat posteten, sich dazu verpflichten, jetzt aufmerksam zuzuhören, dann können wir gemeinsam Alltagsrassismus entlarven. Überall dort, wo er Tag für Tag passiert. Überall dort, wo ihn manche bis anhin übersahen, überall, wo ihn einige bewusst ignorierten.

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Von Stephanie Hess