Restaurant-Test

Bon appétit, tristesse: Restaurant-Tester Julian Schütt isst traurig

Text: Julian Schütt; Foto: Gian Paul Lozza

Bon appétit, tristesse: Restaurant-Tester Julian Schütt isst traurig
  • Loch am Tisch, nicht Loch im Magen: Julian Schütt sehnt sich nach lustvoller Gesellschaft

Gibt es etwas Traurigeres als das Januarloch? Ja, das Januarloch für einen Gastrokritiker, findet unser Autor. Und so sehnt sich Restaurant-Tester Julian Schütt nach lustvoller Gesellschaft.

Nicht mal meinen Feinden wünsche ich, dass sie im Januar Gastrokritiker sein müssen. Es ist eine Strafe. Das Januarloch ist ein Appetitleck. Die Menschen geben sich ganz ihrer Postweihnachtsvöllerei-Depression hin und halten jeden für krank, der ihnen weiterhin von zarten Rebhuhnpralinés und Hirschfilets an Schokoladensauce vorschwärmt.

Alle Welt scheint nur noch von der Lust erfasst, abzunehmen. Die Vielfalt und Geschmacksintensität der Frischprodukte nimmt ab, und damit die Essfreude. Die Zahl der Gäste in den Restaurants nimmt wegen der allgemeinen Diätepidemie ab und damit die Motivation der Köche.

Sonst wollen alle immer mit mir tauschen, nicht aber im Januar. Dem Gastrokritiker wird dann zu verstehen gegeben, dass er völlig überflüssig ist. Die Warze der ganzen Nahrungskette. Es will mich auch niemand begleiten, was mich schon zu verschiedenen Verzweiflungstaten trieb.

Ich erinnere mich, aus Not und Trotz heraus sogar einmal ein Plädoyer fürs Alleinessen begonnen zu haben. Ich war stolz auf die berühmten Vor-bilder, die ich fand: Casanova tats, Balzac, Rossini und Nietzsche sowieso, sie alle dinierten gern solo. Als ich aber einer Kollegin von meinem Vorhaben erzählte, antwortete sie lakonisch: «Dann lieber fasten. Sex zu zweit ist auch lustiger als allein.»
 

Einsamer Esser: Julian Schütt ist auf sozialer Diät

Das sass. Die Begeisterung fürs einsame Geniessen verging so rasch, wie sie gekommen war. Natürlich hatte auch meine Kollegin keine Zeit, mit mir in einem Restaurant darüber zu fachsimpeln, warum es in der Küche nicht anders ist als im Leben: Auch der Bärenkrebs kommt besser zur Geltung, wenn ihn plötzlich eine zarte Kalbsmilke begleitet.

Mir schien, mein Umfeld habe an Silvester den Vorsatz gefasst, künftig jede Einladung von mir auszuschlagen. Wenigstens im vermaledeiten ersten Monat des Jahres. Diese Kaltfront der Ablehnung führte dazu, dass ich seither im Januar am liebsten auch fasten würde. Aber man lässt mich ja nicht als Gastrokritiker. Denn bei meinem Job hätte das neben einem Gewichts- auch einen Gesichtsverlust zur Folge. Ein Gastrokritiker hat die edle Pflicht, zu essen und in die Breite zu gehen, um ernst genommen zu werden.

Schon als Bub dachte ich, in dieser Hinsicht besonders talentiert zu sein und zu nichts anderem zu taugen als zur Fettleibigkeit. Die Eltern, die sich selber einer unauffälligen Statur erfreuten, fürchteten das offenbar auch. Als sie für den runden Stubentisch neue Stühle anschafften, waren die so breit, dass wir Kinder bequem zu zweit darauf hätten sitzen können.

Mir war immer klar, in unseren Familiengenen schlummert eine gefährliche Hefe, und irgendwann wird ausgerechnet mein Körper wie ein Teig aufgehen. Besuchte uns unsere Grossmutter über Weihnachten, erschien sie mir wie die Inkarnation meiner Ängste. Die sonst so massiven Stühle wirkten plötzlich fragil und taten mir richtig leid, wenn die Grossmutter sich darauf niederliess und kaum mehr erhob.

Einerseits diente sie mir als Abschreckung und war schuld daran, dass ich Sport zu treiben begann. Anderseits ist sie aber auch schuld, dass ich Gastrokritiker wurde. Bei ihr lernte ich, was Geniessen heisst. Sie brauchte allerdings keine Spitzenlokale. Wenn sie ihre Zigaretten und anständig schweren Wein hatte, war sie glücklich. Dazu schöne Bratenstücke, Vollfettkäse, währschaften Christstollen, hin und wieder Rollmöpse und ein gutes Buch. Nur um Himmels willen nichts Gesundes! Ja keine Bewegung zu viel! Als ich zu Weihnachten einmal einen Fussball bekam und auch noch wagte, mich über dieses Geschenk zu freuen, starrte sie mich an, als sei ich endgültig missraten.

Und irgendwie bin ich das auch als Gastrokritiker. Ich will einer sein, ohne wie einer auszusehen. Ich will mich in ungesund vollen Zügen durch alle interessanten Speisekarten dieses Landes schlemmen, ohne aber dumme Kommentare über meine Körperfülle zu riskieren.

Entsprechend skeptisch mustert mich die Branche. Mancher denkt sich wohl hinter vorgehaltenem Bauch: Man muss nicht nur in Würde altern, man muss auch in Würde füllig werden können. Ein Berufskollege warf mir im Halbspass einmal vor, ich würde meine Restaurantkolumnen auf der Finnenbahn schreiben. Wie recht er hatte: Beim Joggen mäste ich oft meine Einfälle, die mir während eines Fünfgängers kommen. Auch dick essen zu gehen, ist für mich letztlich Sport.

Aber es ist im Januar eben leider eine Individualsportart. Man sitzt allein an einem Zweier- oder gar an einem runden Familientisch in einem Gourmetstübli, in dem höchstens halbseidene Geschäftsleute sitzen oder laute Russen, die ihre Weihnachtstage später und anhaltender feiern. Und wenn die Russen mich zwischen all den Trinksprüchen überhaupt wahrnehmen, wie ich so kontaktlos vor mich hin speise, starren sie mich an, wie das einst meine Grossmutter tat, als ich den Fussball geschenkt bekam.

In solchen Momenten denke ich, dass auch der liebe Gott auf Diät gewesen sein muss, als er den Gastro-kritiker schuf. Doch Erbarmen darf unsereiner nicht erwarten. Unsere Vergehen wiegen zu schwer. Wir haben sogar stramme Linke auf dem Gewissen, haben sie angefixt mit unserer gastronomischen Leidenschaft. Die Sozialdemokraten wussten früher noch, dass man isst, um zu leben. Alles andere galt als grossbürgerliche Dekadenz. Inzwischen scheinen sie eher zu leben, um zu essen. Begegne ich ihnen in Medien oder zufällig in einem Restaurant, schnappe ich so viel Hochleistungskulinarik auf, dass ich den Eindruck gewinne, die künftige Politik werde am Herd entschieden.

Von den bürgerlichen Gegnern werden sie als Salonsozialisten diffamiert. Futterneid von Leuten, die vermutlich nicht einmal wissen, wo sich in ihrer Küche die Pfannen befinden, und die es schlecht ertragen, dass eine linke Gesinnung sowohl die Genussorgane als auch den Body-Mass-Index günstig beeinflusst. Jedenfalls sehen SP-Gourmets wie Moritz Leuenberger oder Elmar Ledergerber immer bewundernswert fit aus. Da kann ich nicht mithalten.

Nicht verschweigen will ich, dass dieser Januar ausnahmsweise erfreulich begann. Tatsächlich hat sich ein mutmasslicher Feind meiner Kolumne gemeldet. Er will mich kennen lernen. An einem Ort seiner Wahl. Menu surprise. «Sie sagen ja dauernd», schrieb er mir, «spannende Gerichte würden von Gegensätzen leben.» Die einzige Bedingung ist, dass ich hinterher keine Gastrokritik mache. Essen zu dürfen, ohne arbeiten zu müssen, und das im Katermonat Januar: Wenigstens meine Feinde verstehen mich.

Julian Schütt

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