Kein Kinderspiel

Brennpunkt-Kindergarten: Chancengleichheit ist eine Utopie

Text: Barbara Achermann; Fotos: Flurina Rothenberger

Kein Kinderspiel Brennpunkt-Kindergarten
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Vertrauen fassen braucht Zeit: Der 4-jährige Roj am dritten Kindergartentag mit Lehrer Michael Dierdorf

Die Grundausrüstung für den Kindergarten: Znüibox und Znünitäschli

Der Abschied fällt nicht allen Kindern leicht. Laut einer Studie haben mehr als die Hälfte der Kinder beim Übertritt in den Kindergarten Probleme

Jedes Kind wird individuell gefördert. Erst wenn es Interesse zeigt, entspricht das Angebot seinem Entwicklungsstand.

Lehrerin Nina Horner: «Ein Traumjob!»

Rituale im Kreis geben dem Tag Struktur

«Ich bin dran.» Die Kinder sollen Konflikte wenn möglich selber lösen

Einige Kinder leben in den Notwohnungen neben dem Kindergarten

Den Kindern kann man viel zutrauen: Kletterpartie im Herbstwald

Sie gehen jede Woche in den Wald

Weinen bei der Hinfahrt, lachen bei der Rückfahrt

Im Spiel lernen die Kinder, dass man sich an Regeln halten muss

«Nein, so nicht.» Lehrer Dierdorf schreitet ein

Es wird stets viel diskutiert. «Aber bitte auf Deutsch!»

Wem es zu laut ist ...

...  der zieht einen Lärmschutzkopfhörer an

Im freien Spiel lernen die Kinder am meisten

«Möchtest Du auch einen Kaffee?»

Mal sehen, ob da ein Schmetterling schlüpft

Jedes Kind sucht aktiv jene Erfahrungen, die es braucht, um sich zu entwickeln

Nach dem Kindsgi noch kurz zu Aldi was Einkaufen

Roj ist selbständiger geworden und spricht immer besser Deutsch

Armdrücken mit Lehrer Dierdorf: Roj ist angekommen

Am Stadtrand von Basel gibt es einen sogenannten Brennpunkt-Kindergarten. Was hier wohl brennt? Wir haben die Kinder – zum Beispiel den vierjährigen Roj aus Syrien – ein Jahr lang begleitet.

Ende August 2015. Der vierjährige Roj * redet kein Wort Deutsch, aber sein ganzer Körper spricht. Er drückt seine Stirn an die Stirn des Lehrers. Der fragt: «Geht es dir gut?» Roj stampft mit dem Fuss. Sie sitzen eine Weile schweigend nebeneinander. Dann streicht ihm der Lehrer über den Nacken, nimmt seine Hand und zieht ihn sanft in die Garderobe. Roj geht seit drei Tagen in den Kindergarten. Er kommt aus Syrien, hat Wimpern wie Fächer und drei Zahnlücken. Sein Lehrer heisst Herr Dierdorf. Roj nennt ihn Dido.

Gut achtzig Prozent der Kinder in Rojs Schulkreis haben nicht Deutsch als Muttersprache. Deshalb heisst der Chindsgi an der Belforterstrasse offiziell Brennpunkt-Kindergarten. Lehrer Michael Dierdorf schaut suchend um sich und fragt: «Brennt es hier irgendwo?» Kollegin Nina Horner lacht und sagt: «Also ich sehe nichts.» Die beiden sind Anfang dreissig und leiten den Kindergarten gemeinsam. Ein Traumjob, finden sie.

Es ist in der Schweiz viel von Integration die Rede, doch kaum jemand redet dabei über die Kindergärten. Dabei entscheidet sich häufig gerade hier, ob Integration gelingt oder nicht, ob die schulische Laufbahn erfolgreich verläuft oder desaströs und ob man sich irgendwann heimisch fühlen wird oder für immer fremd. Vielfach sind die Lehrpersonen die ersten Schweizer, mit denen die Kinder eine Beziehung eingehen. Und diese ist prägend. Selbst für die deutschsprachigen Kinder ist der Eintritt in den Kindergarten ein Meilenstein. Eine Studie der Schweizer Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm zeigt, dass mehr als die Hälfte der Kinder in der Übergangszeit Probleme hat. Stresssymptome gelten als normal.

Tatsächlich verläuft auch für manches Kind von der Belforterstrasse die erste Woche wie im Fiebertraum. Wenn sie nachhause kommen, erzählen sie kaum etwas. «Was habt ihr gespielt?», wollen die Eltern wissen. Die Antwort: «Weiss nicht.» Abends schlafen sie bereits um sechs Uhr erschöpft ein oder liegen aus Nervosität noch um Mitternacht wach im Bett. Manche weinen, weil sie in den Kindergarten müssen, andere, weil sie am Wochenende nicht hingehen dürfen. Der Kindergarten liegt am Stadtrand von Basel, nur hundert Meter von der französischen Grenze entfernt, zwischen einem grossen Parkplatz und Notwohnungen für Flüchtlinge, an der Strassenecke ein kaputter Plastikstuhl und anderer Abfall. Es ist eine Gegend mit tiefen Mieten und vielen Sozialwohnungen. Der Kindergarten bildet eine Art Refugium mit seinen hohen Bäumen, den Gemüsebeeten und dem niedrigen Holzhaus in der Mitte. Für die Kinder wird er im Lauf des Jahres zum Schutzraum. Hier werden sie sich auch mal langweilen oder überfordert fühlen, aber stets in der Gewissheit, dass sich Frau Horner und Herr Dierdorf um sie kümmern.

Kurz nach acht betritt Saida zusammen mit ihrer Mutter die Garderobe. Die Kinder fürchten sich vor der grossen Frau, denn sie trägt einen schwarzen Ganzkörperschleier, selbst die Augen sind bedeckt. Ein Bub ruft «Monster», sie sagt freundlich «Bonjour», Frau Horner grüsst zurück. Saida zieht ihr Kopftuch über den Haaransatz, hängt die Jacke auf und stellt die Schuhe ordentlich hin, Lea schmeisst alles auf den Boden. Manche Kinder können bereits schreiben und die Uhrzeit lesen, andere verhalten sich noch wie Kleinkinder, sie machen in die Hose oder stehen wie erstarrt und warten darauf, dass ihnen jemand die Jacke auszieht. Laut dem Kinderarzt Remo Largo unterscheiden sie sich in ihrem Entwicklungsalter um mindestens drei Jahre.

Die Kinder dürfen sich ein Spiel oder eine Bastelarbeit aussuchen. Benjamin trägt einen Lärmschutzkopfhörer über seinen blonden Locken, schaut aus dem Fenster und drückt Knete durch eine Knoblauchpresse. Um ihn herum ist es laut und chaotisch. Frau Horner bleibt ruhig, denn sie weiss: Noch sind die Neuen überfordert. Sie schreitet nicht ein, als drei Mädchen in einem Zelt um die Wette kreischen oder als eines dem anderen den Stift aus der Hand reisst. Doch als Luca Roj grob auf den Boden stösst, fasst ihn Frau Horner am Arm, wartet, bis er ihr in die Augen schaut, und sagt dann ruhig, aber bestimmt: «Das machen wir im Kindergarten nicht.» Erziehungswissenschafterin Stamm sagt, eine gute Kindergärtnerin interveniere nur selten und angepasst an die Situation, etwa wenn ein Kind ausgegrenzt oder geschlagen werde. «Die Botschaft sollte lauten, du bist stark und kannst Probleme selber lösen. Denn letztlich ist das Ziel der Erziehung ja die Autonomie des Kindes.»

Benjamin produziert noch immer Knet-Spaghetti. Bülent und Mansur spielen «Memory» und kommentieren die Karten.

Mansur: Schau, eine fette Lady on the Motorrad.

Bülent: Ich hab Huhn.

Mansur: Ohaa, eine Schmetterling! Voll schön.

Bülent: Nimm der Memme von Fisch. Blödkopf Eichhörnchen.

Bülents Sprache war auch schon heftiger. Er sagte «what the fuck» oder «bitch», und die anderen Kinder redeten es ihm nach. Bis Frau Horner und Herr Dierdorf ihn spontan nachhause begleiteten, an der Tür klingelten und den Eltern mitteilten, dass sie solche Wörter im Kindergarten nicht dulden. Von da an wurde es besser. Elternarbeit braucht Zivilcourage, Herr Dierdorf und Frau Horner sprechen die Eltern an, wenn die Kinder unausgeschlafen sind, von brutalen Filmen erzählen oder wenn sie Schuhe tragen, die zwei Nummern zu klein sind.

Um halb zehn läutet Herr Dierdorf mit der Glocke. Die älteren Kinder wissen, was das bedeutet: aufräumen, Arme verschränken, still sein und dann in den Kreis kommen. Die jüngeren lernen die Regeln, indem sie sie nachmachen. Im Kindergarten gibt es zahlreiche kleine Rituale, die den Alltag strukturieren. Das gibt Halt und ein Gefühl von Geborgenheit. Herr Dierdorf sagt: «Je klarer wir am Anfang den Rahmen abstecken, desto freier können wir die Kinder später spielen lassen.»

Im Garten spielen vier Jungs Fussball, Sophie und Roj hauen mit Hockeyschlägern auf eine Spinne ein, und Lea bettet Frau Horner auf eine Gartenbank. Die Lehrerin soll ihr Baby spielen. «Lea hat noch keinen Boden», sagt Frau Horner, «sie braucht viel Aufmerksamkeit.» Weil ihre Mutter sehr jung ist, lebt das Mädchen seit einigen Monaten bei ihren Grosseltern. Die Haut unter ihren Augen ist dünn und lila, und wenn sie lacht, zieht sie die Nase kraus. Sie spricht Baseldeutsch, ihr Lieblingsessen ist Käse mit Nudeln, ihr Lieblingswort Lea, ihr Lieblingsspiel Lego und ihr Lieblingsmensch? «Weiss nid.»

Maria nimmt die Hand von Herrn Dierdorf und flüstert: «Ich will nachhause.» Er reibt ihre Finger und sagt: «Die sind ja ganz kalt.» Melek kommt dazu.

Melek: Mein Vater ist in Dortmund.

Herr Dierdorf: Was macht er denn da?

Melek: Rauchen.

Wieder läutet Herr Dierdorf mit der Glocke, zwölf Uhr, der Kindergarten ist aus. Lea hüpft zu ihrer Oma, zieht ihr ein Päckchen Gummibärli aus der Jackentasche und springt in Richtung Aldi davon.

Im November sind die Kürbisse aus dem Gemüsebeet verschwunden, es gab Suppe zum Znüni. Frau Horner sagt: «Jetzt können wir die Früchte unserer Arbeit ernten. Die Kinder kennen nun unsere Spiele, Lieder, Rituale und Regeln.» Sie begrüsst Lea. «Hattest du eine Schoggimilch zum Zmorge? Komm, wir gehen dein Gesicht waschen.»

Roj, das Flüchtlingskind aus Syrien, sucht die Nähe von Herrn Dierdorf, lehnt sich an ihn, fasst seinen Arm, seine Hand, drückt ihm aber auch die Faust auf den Mund, wenn er etwas nicht versteht. Er spricht jetzt ein paar Wörter Deutsch, spielt aber fast ausschliesslich mit den syrischen Zwillingen. Der schüchterne Benjamin und der wilde Luca sind beste Freunde geworden – sie sind die einzigen Schweizer Buben.

Herr Dierdorf und Frau Horner sind Bildungsprofis. Sie lesen die Kinder und fördern sie individuell. Frau Horner zeigt einem Kind, wie man einen Farbstift richtig hält, und einem anderen ein kompliziertes Spiel mit Nummern und Mustern. Herr Dierdorf erklärt drei streitenden Buben, wie sie die Klötze gerecht untereinander aufteilen können und wie man eine Brücke konstruiert. Zwei ignorieren ihn, einer baut nach. Herr Dierdorf weiss, so wie man Kleinkindern die Windel nicht vorzeitig abgewöhnen kann, kann man auch Kindergartenkindern unmöglich Dinge beibringen, für die sie nicht bereit sind. Erst wenn ein Kind Interesse zeigt, entspricht das Angebot seinem Entwicklungsstand.

Herr Dierdorf und Frau Horner berühren die Kinder häufig am Arm oder an der Schulter. Sie sind nicht überschwänglich herzlich, aber wenn ein Kind Trost braucht, nehmen sie es auf den Schoss. Manchmal auch, wenn eines besonders blöd tut. Dann halten sie es fest und sagen: «Mach mal eine Pause hier bei mir.» Wird es sehr laut, dann pfeift Frau Horner durch die Finger und fragt: «Hattet ihr Seich-Suppe zum Frühstück?» Luca und Benjamin kichern, die anderen haben den Spruch nicht verstanden. Notfalls erklärt sie mit Zeichen oder mit ihren paar Brocken Kurdisch und Spanisch, was sie will: «Soy el chefe!» Sie traut den Kindern viel zu, lässt sie auf Bäume klettern, mit scharfen Messern schneiden und im Turnen gegeneinander kämpfen – aber sie müssen sich dabei stets an die Regeln halten. Vor allem aber hinterfragt sich Frau Horner laufend selber: War es richtig, dass ich Bülent rausgestellt und Lea schon wieder eine Extrawurst erlaubt habe? Kommt Saida zu kurz? Tatsächlich ist das Mädchen mit dem Kopftuch derart unkompliziert und selbstständig, dass man es kaum wahrnimmt.

Basteltanten, so nannte man Kindergärtnerinnen früher. Der gesellschaftliche Konsens lautete: Ein bisschen hüten, das kann doch so schwierig nicht sein. Erst in jüngster Zeit wurde der Beruf aufgewertet, weil man mehr Kenntnisse über die frühkindliche Entwicklung hat und weiss, dass bereits vor dem Schuleintritt die Weichen für das Leben gestellt werden. In manchen Kantonen sind die Löhne nicht entsprechend angepasst worden, die Ausbildung hingegen wurde überall professionalisiert: Wer im Kindergarten unterrichten will, muss an der Fachhochschule studieren. Ein grosses Umdenken fand zuletzt mit dem Kindergartenobligatorium statt. Jetzt nehmen auch die Eltern den Kindergarten ernst – manche allzu sehr. «Ihr spielt ja nur!», lautet der häufigste Vorwurf ehrgeiziger Eltern.

Die Annäherung des Kindergartens an die Schule sei zwar wichtig, sagt Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm, doch schiesse man aktuell über das Ziel hinaus. «In manchen Kindergärten werden Lektionen abgehalten und Arbeitsblätter gelöst. Fürs freie Spielen bleibt dann kaum mehr Zeit. Dabei wissen wir aus der Forschung, dass die Kinder beim freien Spielen am meisten lernen.»

Herr Dierdorf und Frau Horner teilen diese Meinung. Immer am Donnerstag gehen sie mit den Kindern in den Wald. Melek weint, weil sie in der Zweierreihe nicht mit ihrem Zwillingsbruder gehen darf, Lea weint, weil sie lieber ein Buch anschauen möchte, und Aram weint, weil seine Mutter vergessen hat, die Wurst einzupacken. Benjamin murmelt: «Jetzt haue ich ab, ich muss zu meinem Freund.» Im Bus drückt Luca zweimal den Stoppknopf. Dann muss er neben Frau Horner sitzen.

Im Wald heult niemand mehr. Die Kinder klettern auf Tannen, spielen Krieg mit Stecken, sammeln Regenwürmer und wickeln sie in Blätter ein. Jakub steht etwas abseits und starrt minutenlang ins Laub. Frau Horner fragt, ob er auch mal auf einen Baum raufmöchte. Er schüttelt den Kopf: «Wie viele Blätter liegen hier am Boden? Neun Milliarden?» Jakub interessiert sich mehr für Mathematik als fürs Klettern. Er kann rechnen wie ein Drittklässler – multiplizieren und dividieren – und träumt sogar von Zahlen. Im Kindergarten hat er schon mehrere Dutzend Uhren gemalt und jede auf eine andere Zeit eingestellt. Kinder seien keine Gefässe, die sich mit beliebigem Inhalt füllen lassen, schreibt der Kinderarzt Remo Largo. Vielmehr suche sich jedes Kind aktiv jene Erfahrungen, die es braucht, um sich zu entwickeln.

Benjamin hat ein Mini-Schlangenbrot mitgebracht. Daneben brutzeln sechzehn Würste, sieben davon halal. Frau Horner geht mit einem Mädchen hinter einem Baum pinkeln. «Ziehst du deine Kleider am Morgen selber an?», fragt sie. Das Mädchen bejaht. «Dann nimm doch morgen eine neue Unterhose aus dem Schrank.»

«Halihalo, do ane cho!», rufen Roj, Melek und Mansur im Chor. Im Bus zurück geben sich Luca und Nabila ein Küsschen auf den Mund, machen Furzgeräusche und strecken sich gegenseitig die Zunge raus.

Nabila: Mir wackeln schon zwei Zähne.

Luca: Mir drei.

Sie kichern.

Luca: Papi Kuh ist immer stärker als Mami Kuh. Wenn sie ein Kleines machen, bückt sie sich, und er steht auf sie drauf.

Nabila: Wollen wir miteinander heiraten?

Luca: Dann müssen wir abmachen. Morgen Nachmittag.

Nabila: Geht nicht.

Im Februar ist die Wiese vor den Notwohnungen ein brauner Acker mit Flecken nassen Schnees. Aus dem Beet vor dem Kindergarten stossen Tulpen. Für den Fasnachtsumzug hat die Klasse einen Elefanten gezimmert, so gross wie drei Kinder. Der hängt jetzt an der Decke, und manchmal stösst sich Herr Dierdorf den Kopf daran. Dann kichern die Kinder. Roj macht ganze Sätze und redet sogar mit seinen syrischen Freunden Deutsch. Der schüchterne Benjamin ist frecher geworden, der stürmische Luca ruhiger. Die Kinder verweilen länger bei ihren Spielen als noch im August. Bülent und Mansur gehen Arm in Arm zu Herrn Dierdorf und fragen, ob sie bitte Chrälleli haben dürfen. Aram malt ein Schloss aus der Vogelperspektive, Saida hilft Disa, mit Klötzen ein Muster zu legen.

Einzelne Kinder machen auch Rückschritte: Lea, das Mädchen mit der jungen Mutter, hat in letzter Zeit viel geweint und zu allem Nein gesagt. Es gab eine Sitzung mit Oma und Opa, der Sozialarbeiterin, der Heilpädagogin und einem Familienbegleiter. Während die anderen Kinder im Morgenkreis sitzen, liegt sie am Boden und stapelt Puzzleteile. Auch mit Emins Eltern gab es ein Gespräch. Er hat sich im Kindergarten schon zweimal die Hose vollgemacht. Herr Dierdorf und Frau Horner sind besorgt, denn er kann sich nicht konzentrieren, schaut Frau Horner kaum mehr in die Augen, erzählt vom Computergame «GTA», das er zuhause spielt. Im Spiel verprügelt er Polizisten, erwürgt Menschen. Manchmal macht es den Anschein, als vermische er Realität und Fiktion. Als Herr Dierdorf den Kindern im Kreis erzählt, dass im Kindergarten eingebrochen wurde, sagt Emin: «Räuber gibt es nicht in echt, das ist nur eine Geschichte.»

Später spielt er mit Melek Lego.

Emin: Ich war der Boss.

Melek: Nein, ich bin der Boss.

Emin: Okay, wir beide sind Boss. Ich gehe raus, die Räuber töten.

Melek: So, der ist tot.

Emin: Ich klaue ein Ferrari-Auto. Mach Fenster kaputt und geh ins Auto rein. Mein cooles Auto spuckt Feuer, mein Ramboschnelles Auto der Welt. Du musst es bewachen.

Melek: Nein, ich gehe einkaufen.

Emin: Okay, ich geh mit mein Bruder abhängen.

Sophie steht draussen vor dem Fenster und isst Schnee. Lehrer Dierdorf winkt sie rein. «Was hast du in der Logopädie gelernt?», fragt er. «Wösch», sie macht eine lange Pause, konzentriert sich und sagt dann: «Maschine.» Ausser Sophie gehen auch Bülent und Jakub in die Logopädie. Jakub, Lea und Emin besuchen die Heilpädagogik, Luca die Psychomotorik und Roj einen Deutschförderkurs.

Kinder würden heute übertherapiert, kritisiert Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm. «Man sucht die Schwächen, anstatt die Stärken zu fördern.» Diese Defizitorientierung habe in jüngster Zeit zugenommen. Herr Dierdorf und Frau Horner sehen das anders. Sie finden, dass die Kinder von diesen Angeboten profitieren. Zudem sind sie froh, wenn manche, die besonders viel Betreuung benötigen, auch mal abwesend sind.

Bülent haut Herrn Dierdorf auf den Po: Komm Fussball spielen. Herr Dierdorf: So komme ich nicht spielen. Das weisst du doch.

Im Mai blüht kniehoher Raps auf der Wiese vor den Notwohnungen, und alle wundern sich, wie der da hingekommen ist. Frau Horner macht manchmal einen Mittagsschlaf in der Puppenecke. Sie ist schwanger. Der Vater von Melek und Mansur bringt die Zwillinge eines Morgens mit Freudentränen in den Augen. Seine Familie hat eine B-Aufenthaltsbewilligung erhalten. Aram, der anfänglich gebrochen Deutsch sprach, interessiert sich jetzt für Reime. Auf dem grossen Parkplatz sind die Bagger aufgefahren, es werden Wohnungen gebaut. Herr Dierdorf hofft auf mehr Durchmischung. Er sagt: «Ein Quartier wie dieses dürfte es in der Schweiz gar nicht geben.» Man wisse doch eigentlich genug über die Banlieues von Frankreich und Belgien. Er stellt fest, dass manche Kinder beim Reden kaum mehr Fortschritte machen – einzelne sogar leichte Rückschritte. «Wir bräuchten in der Klasse einfach mehr Kinder mit Deutsch als Muttersprache. Gute Sprachvorbilder ziehen die anderen weiter.» Aus der Forschung weiss man, dass mit einer ausgewogenen Mischung aus fremd- und muttersprachlichen Kindern die besten Resultate erreicht werden. Rein rechnerisch wäre diese 50-50-Aufteilung in Basel möglich. Nur einen Kilometer weiter südlich, im gehobenen Neubadquartier, gibt es Kindergärten mit ein bis zwei fremdsprachigen Kindern.

Kurz vor zehn zieht Herr Dierdorf die Vorhänge: «Psst. Wir feiern den Geburtstag von Saida.» Er macht ein Ritual mit Kerzen, Tüchern, Wasser und Farbe. So wie er es selber als Kind in der Steinerschule erlebt hat. Doch feierliche Stimmung kommt nicht auf. Lea braucht unbedingt und sofort ein Taschentuch. Benjamin schnalzt ununterbrochen mit der Zunge. Emin kneift Bülent. Wenn Herr Dierdorf allein unterrichtet, bricht er auch mal eine Übung im Kreis ab. Erzählt er eine Geschichte, saugen Einzelne jedes Wort auf, doch die meisten vermögen nicht zu folgen. Denn alles, was über Sprache und übers Gehör funktioniert, ist für diese Klasse schnell eine Überforderung. «Man kann es nie allen recht machen», sagt Herr Dierdorf, und man hört das Bedauern in seiner Stimme.

Im Juni ist die Wiese verschlammt, und die Schnecken plagen das junge Gemüse. Die Schweiz redet über Hochwasser, und auch im Kindergarten ist es ungemütlich. Fernando macht Radau. Er ist neu in der Klasse, spricht kein Wort Deutsch, bringt Türme zum Einstürzen und Mädchen zum Weinen. Mit Fernando beginnt die Arbeit für Frau Horner wieder bei null. Sie hat bemerkt, dass er im Verkaufslädeli etwas zur Ruhe kommt. Lea versucht derweil, einen Gepard mit lila Filzstift auszumalen. Immer wenn Frau Horner sich neben sie setzt, malt sie ein wenig weiter. Sobald sie aufsteht, lässt Lea den Stift fallen.

Frau Horner zeichnet mit dem Finger einen Kuchen auf den Tisch. «Jedes Kind hat ein gleich grosses Stück von unserer Aufmerksamkeit verdient. In Wahrheit essen sie sich aber gegenseitig den Kuchen weg.»

Das Schweizer Bildungssystem will gleiche Chancen für alle. Doch ein Jahr Brennpunkt-Kindergarten macht klar: Chancengleichheit ist eine Utopie. Es ist schlicht nicht möglich, in 22 Wochenstunden alles wettzumachen, was ausserhalb des Kindergartens läuft. Deshalb ist häufig nicht das Talent entscheidend für späteren Erfolg oder Misserfolg, sondern der soziale Status der Eltern. Allen Schwierigkeiten zum Trotz schaffen Frau Horner und Herr Dierdorf eine Umgebung, in der sich die Kinder aufgehoben fühlen und Neugierde entwickeln. Manche vom ersten Tag an, andere erst nach ein paar Wochen oder Monaten, wenn nicht mehr alles unverständlich und verstörend fremd ist. Flüchtlingskind Roj, der Anfang Schuljahr komplett verloren war und über Monate an Herrn Dierdorf klebte, bewegt sich heute selbstständig im Kindergarten. Sein Wortschatz ist noch immer limitiert, aber er hilft sich jetzt selber, fragt andere Kinder, umschreibt die Dinge. Und so hat im Verlauf des Jahres auch sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit stark abgenommen. Oder um bei Frau Horners Bild zu bleiben: Er isst jetzt weniger Kuchen.

Während sich Roj allmählich entwickelt hat, machen manche Kinder auch unverhofft einen Sprung. «Fertig!», ruft Lea. Ohne dass es jemand bemerkte, hat sie ihren lila Gepard fertig ausgemalt. «Megatoll», ruft Frau Horner, und Herr Dierdorf gibt ihr einen Handschlag.

* Namen aller Kinder geändert

Barbara Achermann

Barbara Achermann ist Redaktorin und Reporterin im Ressort Reportagen. Sie möchte Geschichten erzählen, die in die Tiefe gehen und die man auch noch Wochen später gern liest.

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