Hafturlaub

Brief aus dem Gefängnis: Der sechste Tag

Text: Dalma Aebischer; Foto: Gabi Vogt

Brief aus dem Gefängnis: Der sechste Tag
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Ein Aufenthaltsraum

Der Speiseraum

Die Stoffwerkstatt, in der die Frauen kreativer Arbeit nachgehen können

Eine Zelle in der Strafanstalt Hindelbank

Dalma Aebischer sitzt eine mehrjährige Haftstrafe in der Strafanstalt Hindelbank ab. Sie berichtet für uns regelmässig aus dem Gefängnisalltag.

Gestern Abend, nach dem Einschluss um 20 Uhr, schlief ich ein, als würde ich ins Koma fallen – so erschöpft war ich von meinem ersten fünfstündigen Ausgang. Er markiert, dass ein Sechstel meiner Strafe um ist. Erst jetzt habe ich ein Anrecht auf Urlaub. Allein schon die Vorbereitungen dauerten drei Stunden: Haarkur, Ganzkörperpeeling, Nagelpflege. Einen Moment lang befürchtete ich, nicht rechtzeitig fertig zu werden, und geriet in Panik. Würden die Menschen draussen erkennen, dass ich aus dem Knast komme? Würden meine Kleider nach Zigarettenqualm stinken? Jeder Knacki raucht in der Zelle. Gegen den Mief helfen auch keine Duftkerzen, wir sind olfaktorisch gebrandmarkt.

Als sich die Tore der Anstalt für mich öffneten, wusste ich erst einmal nichts mit mir anzufangen. Ich ging bis zum Weizenfeld, setzte mich hin und rauchte eine Zigarette. In der Ferne sah man die Autostrasse, geradeaus den Kirchturm – dessen Glocken ich in meiner Zelle immer höre. Die Freiheit fühlte sich leicht an, aber ich brauchte einen Moment, um mich an sie zu gewöhnen. Der Weg vom Gefängnis bis zum Bahnhof ist lang, er führt durch das Dorf Hindelbank. Ich hatte keine Eile.

Mit dem Bummelzug fuhr ich nach Bern. Die Stadt war erfrischend, ihre Lebendigkeit weckte Stimmungen in mir, für die es im Gefängnis keinen Platz gibt. In einer Passage am Hauptbahnhof veranstaltete eine Tanzschule einen Tangounterricht. Ältere Paare gaben sich der melancholischen Melodie hin. Ich schlenderte durch die Strassen, liess mich treiben, trank einen grossen Latte macchiato bei Starbucks und ass eine Portion Pommes frites bei Burger King. Vergnügt betrachtete ich die Schaufenster, bis die Zeit um war. Zurück am Gefängnistor, hörte ich Hundegebell. Ich grinste frech in die Überwachungskamera, doch bei der anschliessenden Ganzkörperkontrolle verging mir das Lachen wieder.

Die Freiheit wartet auf mich, sie ist geduldig. Für jede von uns wird einmal der letzte Tag im Gefängnis anbrechen.

Dalma Aebischer (Name geändert) wurde wegen qualifizierter Freiheitsberaubung und Entführung sowie Erschleichung einer Falschbeurkundung verurteilt.

Ein Porträt über sie und die Hintergründe ihrer Tat finden Sie hier.

Die älteren Briefe aus dem Gefängnis finden Sie hier:

Nr. 1. Der erste Tag

Nr. 2: Arbeit

Nr. 3: Tischordnung

Nr. 4: Knastkost

Nr. 5: Alltag in der Zelle

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Brief aus dem Gefängnis: Der fünfte Tag

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