Heft 20/14

Duell der Pointen: Hazel Brugger versus Viktor Giacobbo

Aufgezeichnet von Barbara Achermann; Fotos: Dan Cermak

Duell der Pointen: Hazel Brugger versus Viktor Giacobbo
Duell der Pointen: Hazel Brugger versus Viktor Giacobbo
Duell der Pointen: Hazel Brugger versus Viktor Giacobbo
Duell der Pointen: Hazel Brugger versus Viktor Giacobbo
Duell der Pointen: Hazel Brugger versus Viktor Giacobbo
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Zwei Generationen treffen aufeinander: Links im Bild Viktor Giacobbo (62) und rechts Slampoetin Hazel Brugger (20)

Hazel Brugger: «Deine Gäste langweilen mich oft»
Viktor Giacobbo: «Völlig okay, wenn du das sagst»

Hazel Brugger:

«Ich habe oft und sehr gern schlechte Laune»

Hazel Brugger:

«Ich bin extrem und komme dennoch gut an. Das überrascht mich irgendwie»

Viktor Giacobbo:

«Ich mache politische Satire, weil mich häufig etwas nervt»

Ein Duell der Generationen und Pointen zwischen Slampoetin Hazel Brugger (20) und Viktor Giacobbo (62), dem Übervater der Schweizer Kabarettistenszene.

Hazel Brugger geht wie ein Bauer. Man darf das schreiben, es sind ihre Worte. Wenn sie auf die Slambühnen dieses Landes trampelt, dann mit Plattfüssen, hängenden Schultern, im immer gleichen schwarzen Pulli. Eben noch war sie eine liebenswürdige Gymnasiastin, jetzt ist sie eine Kriegerin im Dienste des dunklen Humors, bewaffnet mit einer messerscharfen Zunge. Sie beschimpft ihre Zuschauer, droht, sie seien «Sexistenschweine», wenn sie nicht für sie stimmen.
Im Poetry Slam entscheidet das Publikum, wer gewinnt – und häufig ist das tatsächlich Hazel Brugger, mit morbiden Texten wie «Bevor man gezeugt wird, ist das Leben noch in Ordnung» und bösen Ratschlägen wie «Geht doch in den Osten, dort herrscht eine Bombenstimmung».

Doch, doch, sie ist eine Frau, auch wenn sie nicht wie eine Dame klingt. Ihre Weiblichkeit, so erzählt sie, entdeckte sie, «als ich der Handarbeitslehrerin die Häkelnadel in den Augapfel rammte und sagte, sie solle mich gefälligst mit der Laubsäge Totenkopfunterlagen basteln lassen». Sie spielte «Völkermordball», und quälte Tiere – aber dazu später. Hazel Brugger ist ein grosses komisches Talent, und einer der Ersten, die das bemerkt haben, ist Viktor Giacobbo. Heute sind die beiden zwar befreundet, aber längst nicht immer einer Meinung. Es sei denn, sie reden über Küchenmaschinen.

Hazel Brugger: Für uns beide gibt es ja eigentlich nur ein einziges Gesprächsthema: den Vitamix.
Viktor Giacobbo: Wenn wir dereinst sterben, werden unser beider Vitamix weiterleben.
Brugger: Mit Garantieschein. Der Vitamix ist ja auch mehr als nur ein Küchengerät.
Giacobbo: Ihn als Gerät zu bezeichnen, wäre definitiv eine Untertreibung. Er sieht zwar unspektakulär aus, aber was da alles unter der Haube steckt.
Brugger: 36 000 Umdrehungen pro Minute, 2 PS, 1340 Watt. Wir schicken uns ja auch ständig Smoothie-Selfies …
Giacobbo: … und die sind weitaus obszöner, als was man sonst so vom Hörensagen kennt.
Brugger: Mein gesamter persönlicher Narzissmus steckt in diesem Gerät.
Giacobbo: Und ich werde aggressiv, wenn man ihn mit einem Pürierstab vergleicht.
Brugger: Als wir uns kennen lernten, hatten wir beide noch keinen Vitamix.
Giacobbo: Du warst ja auch noch minderjährig, erst 17 Jahre alt. Als ich dich zum ersten Mal sah, musste ich an die junge Zoë Jenny denken, die Autorin des «Blütenstaubzimmers»; ein hübsches Mädchen mit langen blonden Haaren. Aber bereits mit dem ersten bösen Blick in den Saal hast du das Publikum in die Schranken gewiesen.
Brugger: Penetriert.
Giacobbo: Schon nach ein paar Sätzen war mir klar: Die muss in der Sendung «Giacobbo/Müller» auftreten.

Brugger: Mein erster Eindruck von dir war, dass du kleiner bist, als ich mir vorgestellt hatte.
Giacobbo: Du hast halt schon damals nur Highheels getragen.
Brugger: Haha. Im Gegensatz zu mir kannst du ja perfekt auf Stögis gehen.
Giacobbo: Toller Text, den du in der Sendung vorgetragen hast. Der mit dem Schwan.
Brugger: Ich quäle den Schwan, indem ich ihm Brot in die Augen schmeisse. Ich finde, Schwäne sind die Arschlöcher unter den Tieren, weil sie so emotional undurchlässig sind. Man weiss nie, was sie gerade denken. So, jetzt dürfen die Leser ihre Moralkeule schwingen. Ich schnitze sie nur.
Giacobbo: Du könntest doch keinem Tier etwas zuleide tun.
Brugger: Ich war mit acht Jahren am Tochtertag in Bessys Kleintierklinik in Watt und durfte helfen, einem Berner Sennenhund vor der Knieoperation das Bein zu rasieren. Ich erinnere mich noch heute an den Duft der Jodsalbe. Von da an wollte ich Tierärztin werden.
Giacobbo: Ich habe gelesen, dass dir der Schweizer Humor zu wenig militant ist. Weshalb?
Brugger: Ich wünschte mir, dass man noch weiter ginge und extremer wäre. So wie in den amerikanischen, britischen oder australischen Sendungen, die ich schaue. Beispielsweise «Dog Bites Man», «Review» oder «Peep Show». In der australischen Fernsehserie «Summer Heights High» geht es um einen Theaterlehrer, der sich gegen integrative Klassen wehrt und partout nicht will, dass Kinder mit Behinderung in seinem Musical mitmachen. Die ganze Probenzeit verwendet er dafür, dem Rektor zu beweisen, dass ein Kind mit Downsyndrom die Klasse störe. Das Kind ist aber eigentlich total nett, und so muss der Lehrer ständig selber Sachen kaputt machen und dann behaupten, die Behinderten waren es. Ich kenne keinen treffenderen Kommentar über Probleme mit Ignoranz an Schulen.
Giacobbo: Wir haben in der Sendung noch nie einen Komiker zensiert. Auch dich nicht, Hazel.
Brugger: Stimmt. Aber es ist schon krass, wie die Briten schon vor vierzig Jahren öffentlich über Scherze von Monty Python gelacht haben, die den meisten Schweizern heute noch zu extrem wären. Kurz vor der Matura schauten wir in der Schule den Film «Dr. Strangelove» von Stanley Kubrick. Die meisten Klassenkameraden fanden es unpassend, dass man über den Atomkrieg eine Satire macht.
Giacobbo: Für mich ist extrem sein noch keine Qualität. Frech sein ist einfach, lustig sein schwierig. Super ist natürlich, wenn beides zusammenkommt. Das erreicht man nicht immer.
Brugger: Ich interessiere mich halt einfach nicht für tagespolitische Jokes, deshalb schaue ich mir «Giacobbo/Müller» nicht an. Auch die Gäste langweilen mich oft. In meiner Sendung damals war der «Bachelor», und der hat mich hinter der Bühne dermassen gestört angeschaut. Weisst du noch?
Giacobbo: Das war ein untypischer Gast.
Brugger: Auch was die Politiker so tratschen, finde ich peinlich.
Giacobbo: Völlig okay, wenn du das sagst, Hazel. Aber ich wurde eben ganz anders sozialisiert. 1968, als ich in etwa in deinem Alter war, musste der Humor politisch sein. Noch heute gilt: Wenn man nicht selber Politik macht, wird mit einem Politik gemacht. Und für viele Junge ist unsere Show ja auch ein Türöffner in die Politik.
Brugger: Das kann ich mir gut vorstellen.

Giacobbo: Den Schweizer Humor, den du kritisierst, den gibt es sowieso nicht. Humor macht nicht an der Landesgrenze halt. Die Szene in der Schweiz ist vielfältig, und der britische Humor war auch nicht immer schwarz. Benny Hill beispielsweise war eine Slapstickfigur, und Monty Python haben nur die Intellektuellen geschaut, spätabends, versteckt im Nachtprogramm.
Brugger: Ich bin extrem und komme dennoch gut an. Das überrascht mich irgendwie. Aber vermutlich lachen einige auch einfach, weil ich etwas Unerwartetes sage, und die analysieren das dann gar nicht genauer. Das beste Kompliment, das ich je bekommen habe, war von einem Mann nach einem Slam in Berlin. Er sagte: Wenn man dir zuhört, hat man das Gefühl, man wäre bei einer erfahrenen Prostituierten, die den Männern in die Eier tritt, und zwar bis genau zu dem Punkt, wo die Eier zwar total schmerzen, aber noch gesund sind. Ich bin auf der Bühne zwar Hazel, aber eine übertriebene Hazel. Neben der Bühne würde ich nie so krass reden.
Giacobbo: Es macht Spass, wenn das Publikum nicht genau weiss, was echt ist und was nicht. Ich behaupte in der Sendung, dass ich einen Commodore C64 zuhause habe, und freue mich natürlich, wenn sich Leute nach der Show nach meinem alten Compi erkundigen. In Wirklichkeit bin ich sehr Gadget-affin.
Brugger: Meine Texte sind zwar nicht autobiografisch, aber da ist doch sehr viel von mir drin. Ich meine das so, wenn ich sage: Wer sein Kind Hazel nennt, vergisst es auch an der Autobahnraststätte.
Giacobbo: Hazel ist ein geiler Name.
Brugger: Er ist krass. Und mein Leben als Slammerin ist irgendwie schizophren. Auf der Bühne bin ich unantastbar, aber die Hazel in meinen Texten ist unsicher, weil sie nicht weiss, wie sie mit all den Eindrücken umgehen soll, die auf sie einwirken, sie macht sich viele absurde Gedanken. Sie sagt, dass sie glaubt, dass ihr Freund während dem Sex daran denkt, wie er die Fernbedienung aus einer Sofaritze zerrt.
Giacobbo: Ha.
Brugger: Diese Szene bedeutet ja eigentlich, dass ich mich beim Sex als Möbel fühle. Ich versinke deswegen aber nicht in Melancholie, es treibt mich an. Aber lassen wir das mit dem traurigen Clown.
Giacobbo: Eine Tageszeitung wollte kürzlich ein Interview mit mir zum Thema trauriger Clown machen. Ich sagte ab, weil dieser Begriff dermassen abgewirtschaftet ist.
Brugger: Ich habe oft und sehr gern schlechte Laune.
Giacobbo: Mein Motor ist der Ärger, manchmal auch die Streitlust. Ich mache politische Satire, weil mich häufig etwas nervt, ein Ereignis, eine Partei, die Medien.
Brugger: Neben dem traurigen Clown ist auch der Klassenclown ein Klischee. Wobei, das hat schon was. Ich habe während meiner ganzen Schulzeit versucht, nicht das zu machen, was man von mir wollte. Mein Kampf mit den Lehrern war für die anderen natürlich unterhaltsam. Einmal mussten wir über Goethes «Werther» eine Prüfung schreiben, und die Lehrerin fragte, was für eine Rolle die Natur im Text spielt. Weil ich die Frage derart banal fand, habe ich die Antwort in Spiegelschrift geschrieben. Sie war not amused, worauf ich entgegnete, sie betone doch stets, dass wir schreiben dürfen, wie wir wollen.

Giacobbo: Ich war nie der Klassenclown, habe aber gern die Leute imitiert. Es hat mir geholfen, die sportlichen Defizite im Handball wettzumachen. Ich bin halt auch nicht besonders behütet aufgewachsen, da half es, eine freche Schnorre zu haben. Mein Vater war Metzger, und meine Mutter hat als Verkäuferin gearbeitet. Ich war ein sogenanntes Schlüsselkind.
Brugger: Gab es damals schon Schlüssel?
Giacobbo: Ja, die waren riesig. Ich trug immer einen um den Hals.
Brugger: Deshalb bist du so klein geblieben. Oder darf man darüber keine Witze machen?
Giacobbo: Kein Problem, ich werde dich einfach verklagen … Man darf über alles Witze machen. Jokes zu machen, hat etwas Grundaggressives. Du hast diesen Biss, aber generell haben das Frauen weniger als Männer. Das heisst aber nicht, dass sie weniger lustig sind.
Brugger: Eine normale Frau opfert sich nicht für einen Lacher, beschmutzt sich nicht mit einer Pointe. Das ist zu viel Risiko. Es könnte ja sein, dass keiner lacht. Eine Frau ist auch viel weniger oft in der Situation, dass sie die ungeteilte Aufmerksamkeit hat. Ein Mann fühlt sich in dieser Rolle wohler.
Giacobbo: Männer haben häufig Angst vor witzigen Frauen.
Brugger: Kenne ich. Sie sagen dann so Zeugs wie: Busle, du bist einfach zu schlagfertig für eine Frau. Halte doch bitte mal den Mund. Aber solche Jungs kapieren halt die meisten Witze erst gar nicht. Der ideale Witz baut eine Erwartungshaltung auf und zerstört sie sogleich.
Giacobbo: Das Tolle am Witz ist ja, dass er anarchisch ist. Wenn du lachen musst, dann musst du einfach lachen. Das ist ein Reflex, egal was deine Moral dazu sagt. Vielleicht denkst du im Nachhinein sogar, darüber hätte ich nicht lachen dürfen. Man darf über alles Witze machen, aber man muss auch mit den Reaktionen umgehen können. Es gibt Leute, die sehen nur das Reizwort – Hitler oder Neger –, aber nicht den Kontext. Es gibt andere Themen, über die ich keine Jokes mache, weil ich es einfach nicht witzig finde. Zum Beispiel als Christoph Mörgeli seinen Autounfall hatte. Das hat jetzt zufällig einen getroffen, den viele Leute hassen. Darüber einen Witz zu machen, fand ich deshalb gar nicht so lustig.
Brugger: Schau mal, mein neuer Pulli. Hab ich extra für dieses Gespräch angezogen.
Giacobbo: Ein Sarg mit der Überschrift «Cozy Time».
Brugger: Der Tod ist die gemütlichste Zeit überhaupt. Deshalb frage ich mich: Was hält mich eigentlich davon ab, mich umzubringen? Ich studiere ja jetzt Philosophie und erwarte mit dem Bachelor eine Antwort auf diese Frage.
Giacobbo: Das erwarte ich als Steuerzahler auch. Ich bezahle schliesslich keine teuren Studiengänge, ohne dass da was Gescheites dabei rauskommt. Ich selber bin ja Mitglied bei Exit. Ich habe die Wahl, mich einigermassen hygienisch umzubringen, ohne dass mich jemand von der Schiene kratzen muss. Das beruhigt mich ungemein.
Brugger: Ich wäre auch gern Mitglied bei Exit. Das ist wie ein Roamingpaket bei der Swisscom, das gibt einem einfach ein gutes Gefühl. Man zahlt eine Pauschale und kann dann unbeschwert drauflostelefonieren oder drauflossterben.

— Am 9. Dezember moderieren Viktor Giacobbo und Hazel Brugger gemeinsam die satirische Show «Crowdtalking» im Casinotheater Winterthur

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