Heft 20/13

Editorial von Silvia Binggeli: Im Zweifelsfall ein Einzelfall

Foto: Nadine Ottawa

Editorial von Silvia Binggeli: Nume nid gsprängt

Silvia Binggeli, Chefredaktorin annabelle, schreibt über Vorurteile und damit verbundene Erinnerungen aus ihrer Kindheit.

Es war milde gesagt eine Herausforderung für alle Beteiligten, als meine Mutter erstmals mit mir im Dorf spazierenging. Zwei Tatsachen erschwerten den Auftritt: unverheiratet und mit dem Kind eines Afrikaners! Das Fremde war plötzlich bedrohlich nahe. Die Nachbarn kamen und stellten überraschende Fragen: Welche Sprache wird das Kind einmal sprechen? Wird es mit seinen dunklen Augen etwas sehen? Sollte mir wegen so viel Skepsis eine schreckliche Kindheit bevorstehen? Nein. Denn meine unerschrockene Mutter lehrte mich, stark und stolz zu sein. Zudem ging es nicht lange, bis die Nachbarn mich doch noch willkommen hiessen. Nicht etwa, weil der Blick im engen Dorf durch meine Anwesenheit generell offener geworden wäre. Aber man hatte beschlossen, wenigstens erst einmal genauer hinzuschauen. Zum Glück. Mich hat meine eigene Erfahrung gelehrt: Es gibt nicht «das Negerli», nicht «den Macho», «den Hippie», «die Buddhistin», «die Katholikin». Und es gibt auch nicht «die Muslimin». Mit Vorurteilen ist es so eine Sache. Sie entstehen meist aus einer diffusen Angst vor dem Unbekannten. Verbote sind der falsche Weg, dieser Angst zu begegnen. Das gilt auch für ein Verbot des Kopftuchs. Muslimische Frauen tragen es aus unterschiedlichen Gründen. Und sie legen es aus ebenso unterschiedlichen Gründen ab. Die 52-jährige Emel Zeynelabidin hat sich nach 34 Jahren gegen den Hijab entschieden. Unserer Reporterin Helene Aecherli erzählte sie, wie es dazu kam. Und sie formulierte den entscheidenden Satz: «So beschämend der Kopftuchzwang für den Islam ist, so beschämend ist das Kopftuchverbot für die Politik.» Lesen Sie ihre Geschichte. Und schauen Sie hin. Denn Einzelfälle sind wir zum Glück letztlich alle.

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