US-Richterin Ruth Bader Ginsburg

Ein Leben für die Gerechtigkeit

Text: Jacqueline Krause-Blouin; Fotos: Getty Images, Ascot Elite

Ruth Bader Ginsburg
Felicity Jones
On The Basis of Sex
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Eine blitzgescheite, scharfzüngige Lady: US-Richterin Ruth Bader Ginsburg.

«Ich bin ihr grösster Fan»: Schauspielerin Felicity Jones als RBG im Film «On the Basis of Sex».

Felicity Jones in der Rolle der Ruth Bader Ginsburg, die 1956 an der Eliteuniversität Harvard eine von neun Frauen unter 500 Männern war.

Vor Ruth Bader Ginsburg (85), legendäre Richterin am US-amerikanischen Supreme Court, zittert das männerdominierte Establishment. Felicity Jones spielt sie im Film «On the Basis of Sex» – wir haben mit der britischen Schauspielerin über die Coups der kämpferischen Juristin gesprochen.

Es gibt ja wahrlich viele liebenswerte ältere Damen. Aber welche davon ist auch ein total angesagtes Tattoomotiv? Von welcher betagten Lady gibt es Tassen und T-Shirts mit ihrem Gesicht drauf? Dafür muss man schon einiges geleistet haben, Dinge, die über den Vorsitz des lokalen Bridgeclubs hinausgehen. Die Queen hat das geschafft, und auch Madonna hat das Potenzial, eine Kultomi zu werden, vorausgesetzt, sie schwört rechtzeitig dem Botox ab. Aber eine seriöse Juristin? Nun, jedenfalls arbeiten derzeit gleich zwei Filme daran, das Image der Richterin Ruth Bader Ginsburg als genau das zu zementieren: als lebende Legende und frenetisch gefeierte Pop-Ikone.

Die heute 85-jährige Demokratin ist noch immer eines der gefürchtetsten Mitglieder des Supreme Court, des amerikanischen Obersten Gerichts, und macht auch keine Anstalten, sich jemals pensionieren zu lassen. Wie könnte sie auch, jetzt, wo die Demokraten sie so dringend brauchen? Würde Bader Ginsburg in Donald Trumps Amtszeit zurücktreten, bestünde die Gefahr, dass der US-Präsident einen weiteren konservativen Richter nominieren würde. «Sie ist ein Rapper!», sagt Felicity Jones, die Schauspielerin, die die Richterin in der Filmbiografie «On the Basis of Sex» verkörpert. Nun ja, ein 1.55 Meter kleiner Rapper, der Spitzenkragen trägt. Aber es stimmt, «Justice Ginsburg» kämpft gegen Ungerechtigkeit und stellt sich gegen das System, deswegen wird diese vermeintlich süsse Oma inzwischen nur noch «Notorious RBG» genannt, in Anlehnung an den berüchtigten Rapper der 1990er-Jahre The Notorious B.I.G. Die Anwältin ist eine Ikone der Politik und seit einiger Zeit auch eine der Popkultur. Gern zitiert, auch auf T-Shirts oder Babystramplern, wird der von ihr nicht gerade sparsam benutzte Satz «I dissent» – ich widerspreche.

In «On the Basis of Sex» wird das Leben und Wirken der heute 85-Jährigen nun nachgezeichnet. Einer der ersten Eindrücke ist eine Aufnahme von sehr vielen, sehr weissen Männern in Anzügen, die Aktentaschen schwingend über den Campus flanieren, während der Song «10 000 Men of Harvard», die Hymne der Eliteuni, eingespielt wird. Es ist 1956, das Jahr, in dem Ruth Bader Ginsburg ihre ersten Schritte auf dem berühmten Campus macht, allerdings im Deuxpièces. Die 23-Jährige ist damals bereits Mutter einer 14 Monate alten Tochter und eine von neun Frauen in einer Klasse von 500 Studierenden. Da die Uni sich sehr progressiv fühlt, nun auch Frauen zuzulassen, wird zur Feier des Tages zum Dinner beim Dekan geladen. Begrüsst werden die neun Frauen mit der Frage: «Warum glaubt ihr, dass ihr das Recht auf einen Studienplatz habt, der eigentlich besser an einen Mann gegangen wäre?» Betretenes Schweigen. Nur Bader Ginsburg wagt eine sarkastische Antwort: «Mein Mann ist Anwalt und ich möchte ihn besser verstehen, damit ich ihm eine gute Ehefrau sein kann.» Felicity Jones liefert Sätze wie diesen im antrainierten Brooklyn-Akzent mit einer Pfeilspitzen-Präzision, dass man laut «Jawohl!» schreien möchte.

Als wir die 35-jährige Schauspielerin an einem regnerischen Morgen im Pariser Hotel Le Bristol zum Interview treffen, sitzt sie akkurat in Prada gekleidet und mit einer Tasse Tee in der Hand auf einer Chaiselongue. Die Britin dreht als Erstes das Interview um, möchte über den Babybauch der Autorin sprechen und wissen, ob der Kindsvater denn in Zukunft auch zuhause bleibe oder wie man sich das vorgestellt habe. Ein zentrales Thema in «On the Basis of Sex», denn Ruth Bader Ginsburgs Ehemann Martin «Marty» Ginsburg war genauso revolutionär wie die Richterin selbst. Revolutionär hiess in Martys Fall: Rollentausch. Er kümmerte sich, während seine Frau beruflich eingespannt war, mehrheitlich um Haushalt und Kinder. Jones ist davon sichtlich beeindruckt. «Es war eine sehr moderne Beziehung, die von einer längeren Reise Ruth Bader Ginsburgs nach Schweden geprägt war. Dort hatte sie zum ersten Mal eine gelebte Geschlechterparität gesehen und sich entschieden, nach diesem Modell in den USA leben zu wollen», sagt die Schauspielerin, die während der Vorbereitungen für den Film eine enge Beziehung mit der Richterin eingehen durfte. «Marty wagte es im Amerika der Fünfziger, Männlichkeit neu zu definieren. Er blieb oft zuhause bei den Kindern, weil er fand, dass die beruflichen Anliegen seiner Ruth wichtiger für die Welt waren als seine eigenen.» Der perfekte Ehemann also? Jones wiegelt ab: «Natürlich machte es die Sache einfacher, dass Marty ebenfalls sehr angesehen war und sich vom Erfolg seiner Frau nicht bedroht fühlte. Ein Problem, das uns ja leider heute noch jeden Tag begegnet – Beziehungen von erfolgreichen Frauen zerbrechen oft, weil der Erfolg der Frau einfach zu viel für das männliche Ego ist.» Auch deswegen sei dieser Film sehr wichtig, denn Männer bräuchten mehr solche Vorbilder und nicht nur Actionhelden, romantisierte Loser oder Ganoven. «Wenn Männer sich mehr für die Familie verantwortlich fühlen, ermöglicht das den Frauen, auch Karriere zu machen. Marty und Ruth waren in der Hinsicht absolute Pioniere.»

Ein Newsflash ist diese Ansicht von Felicity Jones ja nicht gerade, und man könnte denken, dass einem 2018 ein Film wie «On the Basis of Sex» höchstens noch ein nostalgisches Gefühl ins Herzchen zaubert. Süss, diese altmodischen Ansichten! Schliesslich liegt die Handlung über sechzig Jahre zurück. Und ja, es gibt heute zum Glück bedeutend mehr Frauen in Harvard, 2016 waren rund 36 Prozent aller Jurastudierenden der Eliteuni weiblich. Nur bleibt einem das gönnerhafte Lachen dann doch sehr schnell im Hals stecken, wenn man sich weltweite Statistiken über Lohngleichheit oder die Anzahl Frauen in Führungspositionen ansieht. Auch Jones, selbst Abgängerin einer Eliteuni, hat dazu viel zu sagen: «Aktuelle Studien belegen, dass wir Frauen arbeiten und trotzdem noch immer den Grossteil der Hausarbeit erledigen. Es deprimiert mich, dass sich die Dinge nicht so schnell ändern, wie sie sollten. Gleichberechtigung bedeutet ja nicht, dass wir Frauen nun, nur weil wir jetzt theoretisch alles tun dürfen, auch einfach alles tun müssen. Wir haben beim Dreh sehr schnell gemerkt, wie verdammt relevant das Thema selbst jetzt noch ist. Ich muss ja nicht erwähnen, dass wir noch immer keine Lohngleichheit haben, obwohl alle so tun, als sei das eine Selbstverständlichkeit.»

Felicity Jones runzelt die Stirn und schüttelt leicht genervt, aber immer noch sehr ladylike, ihre mit Haarspray fixierten Wellen. Ihr Unbehagen ist gerechtfertigt, denn eigentlich, so fühlt es sich zumindest an, haben wir ja alle das Problem verstanden und das Gefühl, dass wir endlich über andere Dinge debattieren sollten. Man ist fast schon müde von der Gleichstellungsthematik, weil man es nicht fassen kann, dass sich die Sache noch nicht von selbst erledigt hat. Aber solang sich die richtige Einstellung nicht in nackten Zahlen niederschlägt,wird eben weitergekämpft, und somit könnte das Timing von «On the Basis of Sex» kaum besser sein: Letzten Herbst wurde mit Brett Kavanaugh ein republikanischer Richter, der eine Frau sexuell belästigt haben soll, für den Supreme Court vereidigt. Von den sexistischen Misstritten des Mannes im höchsten Amt der USA ganz zu schweigen. Und wir Schweizer leben in einem Land, in dem es auf Bundesebene noch immer keinen einzigen Tag bezahlten Vaterschaftsurlaub gibt.

Aber auch das liberale Hollywood ist vor Sexismus- Problemen, die nichts mit sexueller Belästigung zu tun haben, nicht gefeit. Jones greift erneut an: «Die Showbranche ist das familienfeindlichste Business der Welt. Schauen Sie sich nur die Arbeitszeiten an! Diese unglaublich langen Tage und Nachtdrehs wurden in der Annahme angesetzt, dass jemand, also die Frau, zuhause auf die Kinder aufpasst und der Mann so lang wegbleiben kann, wie es ihm passt. Warum gibt es keine Kitas oder Stillräume an Filmsets? Als Schauspielerin ist es noch immer dein Problem, wenn du Kinder zu versorgen hast. Schaffst du es nicht, bekommt eben eine andere die Rolle.»

Felicity Jones hat im letzten Jahr den Filmregisseur Charles Guard geheiratet. Das Paar hat keine Kinder, allerdings kursieren derzeit Gerüchte, dass die Britin schwanger sei. Bevor der Filmdreh überhaupt startete, wurde Felicity Jones bereits scharf angegriffen. Sie sei eine furchtbare Wahl für die Rolle, nicht jüdisch und dann auch noch keine Amerikanerin. «Richterin Ginsburg ist eine innig geliebte Figur in den USA. Ich verstehe, dass man niemand anderen als sie sehen will», sagt Jones mit ernstem Gesicht. «Andererseits bin ich eine Schauspielerin und mein Job ist es, mich so gut wie möglich zu verwandeln. Meine Herkunft sollte dabei keine Rolle spielen. Die einzige Frau, die Ruth Bader Ginsburg perfekt spielen könnte, ist Ruth Bader Ginsburg. Ich bin ja selber ihr grösster Fan. Sie ist eine Superheldin, sie hat zwar kein Cape, aber sie hat ihr Gehirn.» – Und eine unglaubliche Disziplin. Selbst heute, im Alter von 85 Jahren, soll ihr Schreibtisch weniger als einen Meter von ihrem Bett entfernt stehen, damit sie mitten in der Nacht über ihren Akten brüten kann. Ruth Bader Ginsburg hat in ihrer Karriere wahrlich viele beachtliche Fälle gewonnen und auf diversen Ebenen den Weg für die Gleichberechtigung ausgebaut. Beim Recht auf Abtreibung spielte sie eine genauso wichtige Rolle wie bei der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in allen fünfzig Staaten. «On the Basis of Sex», dessen Drehbuch von Bader Ginsburgs Neffen geschrieben wurde, fokussiert aber auf einen ganz besonderen Fall von 1972: Dem alleinlebenden Charles Moritz, der jahrelang seine kranke Mutter gepflegt hat, wird ein Steuervorteil abgesprochen, der Frauen ganz selbstverständlich gewährt wird. Laut Gesetz ist das Pflegen von Angehörigen damals alleine Frauen vorbehalten. Eine Ungerechtigkeit, die Bader Ginsburg geschickt für grössere Zwecke zu nutzen weiss. Die Anwältin ist in der Lage, die vorliegende Diskriminierung eines Geschlechtes zu beweisen, somit einen Präzedenzfall zu schaffen und unzählige andere vorliegende Diskriminierungen, mehrheitlich natürlich gegen Frauen, nach und nach aufzuheben. Es ist interessant, dass Hollywood sich genau diesen Fall ausgesucht hat, einen Fall, in dem es einen Mann braucht, um Frauenrechte zu ändern. Auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machte sie ebenfalls ein Mann, nämlich ihr Mann, Marty Ginsburg, mit dem sie sich für den Kampf zusammentat. Die Richterin selbst soll zur Filmszene, in der sie vor Gericht erst eine gefühlte Ewigkeit lang um Worte ringt, um dann schliesslich ihr historisches Plädoyer vorzutragen, gesagt haben: «Das ist das Einzige, was der Film faktisch falsch gemacht hat. Ich habe keine Sekunde nach Worten gesucht. Ich wusste sehr genau, was ich sagen wollte.»

Felicity Jones glaubt, dass der Fall vor allem ausgewählt wurde, um auch die berufliche Beziehung zwischen dem Ehepaar Ginsburg aufzuzeigen. «Es war der einzige Fall, in dem Marty und Ruth zusammengearbeitet haben. Er war deshalb so kraftvoll, weil nicht einer den anderen dominierte oder ein Ego gegen das andere kämpfte. Die Ehe der Ginsburgs war eine symbiotische Partnerschaft, beruflich wie privat, und dieser Fall illustriert das. Darüber hinaus ist RBG besonders gut darin, andere zu inspirieren und ihnen zu verstehen zu geben, dass Veränderung nichts ist, vor dem man Angst haben sollte.» Was der Fall ausserdem exemplarisch zeigt, ist, dass Männer und Frauen zusammenarbeiten müssen, um wirkliche Veränderung zu schaffen. Diese kann selbst eine Ginsburg nie ganz allein bewirken.

Ruth Bader Ginsburg, Tochter jüdischer Einwanderer, ist seit 1993 die zweite Frau am Obersten Gerichtshof und wurde unter Bill Clinton vereidigt. Sie hat in ihrem Leben bereits zwei Mal den Krebs und unzählige politische Widersacher besiegt. Und dies immer mit Stil: Selbst wenn es noch so in ihr brodelt, bleibt sie ganz Lady und lässt sich nichts anmerken. Ihr Credo: «Wut oder Genervt-Sein machen einen nicht überzeugender».

Kürzlich erschien über diese aussergewöhnliche Frau die Dokumentation «RBG – ein Leben für die Gerechtigkeit ». Darin sieht man etwa, wie sie jeden Morgen mit ihrem Personal Trainer schwitzt, dabei Zoten reisst und ein Shirt mit der Aufschrift «Super Diva» trägt. Ja, diese Frau ist Kult, und das Aufsehen um sie scheint ihr zu gefallen. Nicht aus Gründen der Eitelkeit, sondern weil sie weiss, dass die Aufmerksamkeit, die ihr als Person zuteil wird, auch automatisch ihre politischen Anliegen beleuchtet. Mindestens fünf Jahre noch will sie ihren Platz am Supreme Court nicht räumen. Sie habe einfach noch zu viel zu tun. Unlängst wurde die Richterin in einem Interview gefragt, wie viele Frauen denn genug im neunköpfigen Supreme Court wären. Ihre Antwort: «Neun.» Ja, man sollte sich so ein Ruth- Bader-Ginsburg-Tattoo wirklich ernsthaft überlegen.

– «On the Basis of Sex», ab 28. 2. im Kino; zudem kommt ab 28. 3. der Dok-Film «RBG» ins Kino.

Felicity Jones

Felicity Jones wurde 1983 in Birmingham geboren und gehört mittlerweile zur A-Liga der Hollywood-Schauspielerinnen. Nach einigen Theaterauftritten und Rollen in britischen TV-Serien gelang ihr der internationale Durchbruch 2011 mit dem Film «Like Crazy». 2014 hatte sie eine Gastrolle in Lena Dunhams Erfolgsserie «Girls» und hatte mit «The Amazing Spider-Man 2» ihren ersten Blockbuster. Für die Darstellung von Stephen Hawkings Ehefrau in «Die Entdeckung der Unendlichkeit» wurde Jones 2014 als beste Nebendarstellerin für einen Oscar nominiert. «Star Wars»-Fans ist sie als Jyn Erso im 2016 erschienenen «Rogue One: A Star Wars Story» bekannt.

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