50 Jahre Frauenstimmrecht

Ein Volk von Brüdern: Warum das Frauenstimmrecht in der Schweiz so spät kam

Text: Stephanie Hess; Bild: Theo Frey/Fotostiftung Schweiz/Keystone

  • Zurück an den Herd, gute Frau! Landsgemeinde in Trogen AR (1968)

In einer der ältesten Demokratien der Welt waren Frauen lang nur Zuschauerinnen. Wie konnte es zu dieser beschämend späten Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz kommen? Eine historische Spurensuche.

Drei Männer stehen auf einer Wiese. Sie erheben die Finger zum Schwur und gründen die Schweiz mit den Worten, so schrieb es der Dichter Friedrich Schiller später: «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern.» Sie waren es lang. Sehr lang. Es war der Anfang einer männerbündlerischen Kultur, die sich um alles Staatliche rankte und die ein Stück weit zu erklären vermag, wie es zu der beschämend späten Einführung des Frauenstimmrechts kam. Eine Verspätung, die noch fassungsloser macht, wenn man sich vor Augen führt, dass die Schweiz eine der ersten Demokratien weltweit war – und als eine der letzten den Frauen das Wahlrecht einräumte.

«Die Männer waren schlicht nicht willens, ihre Rechte zu teilen»

Die Basler Geschichtsprofessorin Caroline Arni sagt: «Der Ausschluss der Frauen war keine Unachtsamkeit, kein Stottern im Motor der Geschichte, sondern eine bewusste Entscheidung – wiederholt getroffen und bekräftigt. Die Männer waren schlicht nicht willens, ihre Rechte zu teilen.» Was für viele Frauen, gerade jetzt zum Jubiläum, die Frage aufwirft: Warum um Himmelswillen? Hatte die Französische Revolution zu Ende des 18. Jahrhunderts nicht Frauen genauso wie Männer ermächtigt, die Herrschaftsstrukturen einzureissen und die Demokratiebewegung loszutreten? Leider nur in der Theorie. Liberté, Egalité – aber insbesondere und über allem schwebend: Fraternité, Brüderlichkeit.

Der Bürger sollte auf die politische Bühne treten, die Bürgerin hingegen bitte schön zuhause bleiben, Cassoulet kochen und die dekorativ beschuhten Füsse stillhalten. Die Gelehrten aus Theologie, Medizin und Philosophie machten sich just dann daran, die vermeintlichen Differenzen zwischen den Geschlechtern festzuschreiben,  als die Gleichheit zum politischen Leitprinzip wurde, schreibt die Autorin Claudia Mäder in «NZZ Geschichte».

Jacques Rousseau schrieb, die Frau sei «passiv und schwach»

Zuvor waren die Geschlechtergrenzen nämlich keineswegs derart absolut. Die Differenz wurde anatomisch eher als Kontinuum gedacht, wobei die Frau aber immer schon als der mindere Mann galt. Der Genfer Jean-Jacques Rousseau, ein zu jener Zeit besonders populärer Philosoph, schrieb, die Frau sei, im Gegensatz zum aktiven und starken Mann, passiv und schwach. Von der männlichen Hingabe sei sie daher auf existenzielle Weise abhängig, der Wunsch, zu gefallen, ihr Hauptcharakteristikum. Seine Schlussfolgerung: Wer wie die Frau von der Zuwendung anderer Personen lebe, sei nicht unabhängig und könne nicht Teil eines demokratisch bestimmenden Volkes sein. Noch lang prägten solche Zuschreibungen aus dem 18. Jahrhundert die Forschung, das Zivilrecht, die ganze Gesellschaft.

Zugleich formierte sich aber auch schon damals Widerstand gegen diese bevormundende Sichtweise: Die französische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges etwa ärgerte sich über die «Erklärung der Menschen und Bürgerrechte», die kurz darauf zur französischen Verfassung erhoben wurde und neben den Frauen auch andere Gruppen wie Schwarze ausschloss. Als Replik verfasste sie einen Text mit dem Titel «Rechte der Frau und Bürgerin». Artikel 1: «Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten.» Zwei Jahre später, 1793, wurde ihr der Kopf abgeschlagen.

«Sind die Weiber auch Menschen?»

Auch in der Schweiz regte sich Widerstand, bisweilen sogar von männlicher Seite. 1833 formulierte der Zürcher Journalist Johann Jakob Leuthy in einer Publikation drei Fragen: «Hat der Mensch das Recht, frei zu sein? Sind die Weiber auch Menschen? Und haben sie daher ein gleiches Recht, frei zu sein?»

Nachdem 1848 die Schweizerische Verfassung mit dem Artikel: «Stimmberechtigt ist jeder Schweizer, der das zwanzigste Altersjahr zurückgelegt hat» erlassen worden war, reichten mehrere Frauen Petitionen und Vorstösse  ein. Sie prangerten nicht nur die fehlende Möglichkeit zu wählen an, sondern insbesondere die Ungleichstellung im Zivilrecht: Frauen standen in vielen Kantonen unter Vormundschaft eines Ehemannes oder, wenn sie unverheiratet waren, eines männlichen Vormunds. Sie hatten keinen Zugriff auf ihr Vermögen und waren im Erbrecht benachteiligt.

Die vermögensrechtliche Position der Ehefrau glich lang jener eines unmündigen Kinds

Eine Frau konnte etwa ein Geschäft erben, führen durfte sie es aber nicht ohne männliche Anleitung. Immerhin führte der Druck der Frauen dazu, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts ein neues Bundesgesetz über die persönliche Handlungsfähigkeit von unverheirateten Frauen eingeführt wurde. Die Vormundschaft innerhalb der Ehe galt jedoch weiter als unverhandelbar. Als ein Zürcher Kantonsrat 1887 vorschlug, den Satz «Der Ehemann ist das Haupt der Familie» aus dem Gesetzbuch zu streichen, soll im Ratssaal nur ungläubiges Lachen erschallt sein.

Ohne Unterschrift des Ehemannes kein Bankkonto

«Die vermögensrechtliche Position der Ehefrau glich lang jener eines unmündigen Kinds», schreibt die eidgenössische Kommission für Frauenfragen. Die renommierte Zürcher Architektin Tilla Theus, heute 77 Jahre alt, erinnert sich, dass sie noch in den Sechzigerjahren, zu Beginn ihrer Karriere, ohne Unterschrift ihres Ehemannes kein Bankkonto eröffnen durfte. «Daran wäre beinahe einer meiner ersten grösseren Aufträge gescheitert», schrieb sie in einem Zeitungsartikel.

Erst 1985 räumte ein neues, auf der Gleichstellung basierendes Ehegesetz die Ungleichheiten aus dem Weg. Besonders eifrig bekämpft wurde es übrigens von einem jungen Nationalrat namens Christoph Blocher. Die Männer lehnten das neue Eherecht 1985 an der Urne schliesslich mit 52 Prozent ab. Angenommen wurde es trotzdem: dank der Frauenstimmen.

Wie zäh der Weg auch für das Frauenstimmrecht war, versinnbildlicht der Kampf der Jus-Studentin Emilie Kempin-Spyri, die später europaweit als erste Juristin promovierte und habilitierte. 1887 wollte sie ihren verschuldeten Mann vor dem Zürcher Bezirksgericht vertreten. Das wurde ihr mit der Begründung verweigert, dass sie als Frau über kein Aktivbürgerrecht verfüge – was als Voraussetzung dafür galt, als Anwalt tätig zu sein. Sie klagte deswegen vor Bundesgericht: «Steht etwa nicht in der Verfassung, alle Schweizer seien vor dem Gesetz gleich? Steht dort nicht: Es gibt in der Schweiz keine Untertanenverhältnisse?» Das Bundesgericht antwortet erstaunt, dass ihr Verständnis des Gleichheitsartikels in der Verfassung «ebenso neu als kühn» sei. Man sehe sich jedoch ausserstand, es zu billigen.

Mit der Jahrhundertwende startete der organisierte Kampf für das Frauenstimmrecht. Die grösste Schlagkraft entwickelten der Bund Schweizerischer Frauenvereine (heute Alliance F) und der Schweizerische Verband für Frauenstimmrecht. Mit einem Kugelhagel aus Petitionen, Märschen, Vorstössen und Anlässen feuerten sie die folgenden sieben Jahrzehnte lang auf die politische Männerfestung, die das erschütternd lang ignorierte.

Die Zeiten nach dem Ersten wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg als Demokratietreiberinnen

Die Zeiten nach dem Ersten wie auch nach dem Zweiten Weltkrieg erwiesen sich als regelrechte Demokratietreiberinnen. In vielen Ländern räumte man dem Volk danach beim Aufbau eines neuen Staates mehr Partizipationsmöglichkeiten ein, im gleichen Zug wurden oft die Frauen involviert. Diese Welle schwappte auch auf die Schweiz über, vermochte den konservativen Starrsinn ihrer Bürger jedoch noch lang nicht aufzuweichen.

Innerhalb zweier Jahre stimmten gleich sechs Kantone über ein regionales Frauenwahlrecht ab, doch alle Vorlagen wurden abgeschmettert. Nicht ganz unschuldig daran war die direkte Demokratie. Diese Staatsform erwies sich als Bollwerk gegen jedes vermeintlich zu progressive Ansinnen: Es musste schliesslich nicht nur eine Regierung oder ein Parlament überzeugt werden, sondern auch mehr als die Hälfte der Stimmbevölkerung in den Kantonen respektive im ganzen Land.

Dabei sei es gar nicht so eindeutig gewesen, dass eine Volksabstimmung nötig war, um das Frauenstimmrecht durchzusetzen, sagt Geschichtsprofessorin Caroline Arni heute. «Es hätten durchaus auch der Bundesrat, das Parlament oder das Bundesgericht aktiv werden und die Verfassung im Sinne der Frauenrechte auslegen können.»

Der Bundesrat schob das Anliegen wegen «dringenderer Probleme» auf

1919 reichten 158 Frauenverbände eine Petition ein, um zwei von Parlamentariern formulierten Frauenstimmrechtsvorstössen auf eidgenössischer Ebene Nachdruck zu verleihen. Der Bundesrat schob das Anliegen wegen «dringenderer Probleme» auf, die Postulate verschwanden in Schubladen. Der zweite Grossangriff folgte 1929. Mehrere Verbände und Vereine reichten eine Petition mit einer Rekordzahl von Stimmen für das Frauenstimmrecht ein. Es kamen weit mehr Unterschriften zusammen, als die 50 000, die damals für eine Volksabstimmung nötig gewesen wären: nämlich 80 000 von Männern und 170 000 von Frauen.  

Die Reaktion aus der Politik war kaltschnäuzig: Es geschah einfach nichts. Als ein letztes Aufbäumen vor der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren, die auch den Kampf fürs Frauenstimmrecht vorübergehend zum Erliegen brachte, fand die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) statt. Sie forderte mehr Anerkennung für Haus- und Familienarbeit. Im Festumzug fuhr damals auch eine Schnecke namens «Frauenstimmrecht» mit, bis heute ein tragendes und vielzitiertes Symbol für die Schweizer Gleichstellungspolitik. Kurz danach legten sich Konservativismus und Faschismus über das Land und schlugen sich in einem Gesellschaftsmodell nieder, das die Frauen an Herd und Kinder band.

Übers Frauenstimmrecht abzustimmen, befand der Bundesrat 1951 «verfrüht»

Die Ruhepause hielt jedoch nicht lang. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten Frauen in zahlreichen europäischen Ländern das Wahlrecht. 1948 schlossen nur noch die Schweiz, Portugal und Liechtenstein die Frauen aus der Politik aus. Es folgen wiederum Abstimmungen in acht Kantonen, die allesamt nicht angenommen wurden. Der Bundesrat schlussfolgerte daher 1951 in einem Bericht, dass eine Volksabstimmung über das Frauenstimmrecht in der Schweiz verfrüht sei.

Viele Frauen sahen das anders. Auch jene im kleinen Walliser Dorf Unterbäch, das mit seinem Aufbegehren in die Geschichte einging. 1957 legten dort 33 Frauen – zwar ohne Bundesermächtigung, aber unterstützt vom Gemeinderat – ihre Stimme in die Urne. Auch einige Bürgergemeinden öffneten ihre Abstimmungen nun den Frauen. Der Druck nahm zu, der Bund reagierte und schickte das Frauenstimmrecht durch die Räte. Beide sagten Ja. Die Stimmbürger an der nachfolgenden Abstimmung hingegen mit einem überwältigenden Mehr von 67 Prozent: Nein.

Das letzte Aufbegehren der Männer-Schweiz

Doch es sollte das letzte Aufbegehren der Männer-Schweiz sein. Gleichentags nahm Waadt als erster Kanton das kantonale Frauenstimmrecht an, neun Kantone folgten bis 1971. Nicht nur innerhalb der Schweiz kam nun endlich etwas in Bewegung, auch ausserhalb veränderten sich die Rahmenbedingungen. 1963 trat die Schweiz dem Europarat bei und wollte die Europäische Menschenrechtskonvention ratifizieren. Wegen des fehlenden Frauenstimmrechts war das aber nur mit Vorbehalt möglich.

Die Geschichtsprofessorin Caroline Arni sagt: «Es wurde in diesem Kontext zu einem reputationsschädigenden Anachronismus.» Das sahen auch die 5000 Frauen und Männer so, die am 1. März 1969 einen «Marsch nach Bern» organisierten. Die Zahl mag nach nicht besonders vielen Demonstrierenden tönen, doch es war dieser Aufstand, der die Politiker endgültig aus ihrem selbstgerechten Schlummer rüttelte.

Am 1. Februar 1971 folgte die späte Erlösung

Am 1. Februar 1971 folgte die späte Erlösung. «Endlich, endlich, endlich. Von mir fallen Zentner», sagte die Frauenrechtlerin Getrud Heinzelmann – und sprach für Hunderttausende Schweizerinnen und Schweizer. Die Zentner schienen sich in Luft  aufzulösen, sobald die Entscheidung gefallen war. «Das Frauenstimmrecht war so überreif», sagt Caroline Arni, «dass es, kaum da, rasch als normal empfunden wurde.»

Zwar lehnten die Männer im Kanton Appenzell Innerrhoden das kantonale Frauenstimmrecht 1990 noch einmal ab. In den meisten Regionen habe man sich für die späte Einführung jedoch bald geschämt. Doch die jahrhundertelange Verweigerung gleicher Rechte ist nicht so einfach aus Geschichte und Gedächtnis zu spülen. Das legt auch der Blick auf die noch immer mehrheitlich von Männern besetzten Parlamente und Regierungen nahe, ebenso die Versäumnisse in der Familien- und Gleichstellungspolitik. Die Schweiz, ein einig Volk von Brüdern und Schwestern? Nein, vollends ist sie das auch heute, fünfzig Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts, nicht. Noch nicht.

Aktuelle Bücher zur Geschichte des Frauenstimmrechts:
Walter Seitz: Auf die Wartebank geschoben. Der Kampf um die politische Gleichstellung der Frauen in der Schweiz seit 1900. Chronos-Verlag 2020, 296 Seiten, ca. 38 Fr.

Denise Schmid: Jeder Frau ihre Stimme. 50 Jahre Schweizer Frauengeschichte 1971-2021. Verlag Hier & Jetzt 2020, 256 Seiten, ca. 39 Fr.

Ausstellung:
Das lange an- und abflauende Ringen um Frauenrechte in der Schweiz zeichnet das Landesmuseum mit bedeutsamen Leihgaben aus nationalen Institutionen wie auch aus internationalen Sammlungen nach: in der Ausstellung «Frauen.Rechte – von der Aufklärung bis in die Gegenwart». Landesmuseum Zürich, voraussichtlicher Ausstellungsstart am 5. 3. Infos: landesmuseum.ch

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