Aktiv gegen Rassismus

Eine Afroeuropäerin erklärt, was wir tun können 

Text: Anja Glover; Foto: Janmaat, Unsplash

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Nicht nur in den USA löste der Mord des Afroamerikaners George Floyd Proteste aus. 

 

Anja Glover sagt: «Es reicht nicht aus, sich selbst als nichtrassistisch zu betrachten, werden Sie aktiv.»

 

Auf der ganzen Welt protestieren Menschen nach dem Mord des Afroamerikaners George Floyd für Gerechtigkeit und gegen Rassismus. Was kann jeder Einzelne im Kampf gegen Diskriminierung unternehmen? Autorin Anja Glover erklärt, wie man auch in der Schweiz konkret gegen Rassismus antreten kann.

Es mag uns hierzulande nicht so drastisch scheinen, wie das, was wir von weit weg mitbekommen. Drüben in den USA tötet Rassismus, aber auch hier ist er alltäglich. Wie alles, was uns schockiert und dazu bewegt, andere zu beschuldigen, lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und sich zu fragen, welche Position man selbst einnimmt. Denn auch in der Schweiz sind viele unserer Gedanken Überbleibsel einer längst widerlegten Rassenpolitik, die nichtweisse Menschen weissen Menschen unterordnete. Auch wenn wir es gern verneinen, wir alle haben Vorurteile, das ist sogar menschlich. Aber die Gabe, diese zu hinterfragen und reflektiert zu denken, ist ebenso menschlich und lernbar. Es liegt an uns, gegen diese Vorurteile und Ängste anzukämpfen und laut zu werden, wenn etwas nicht stimmt. Denn Vorurteile können nur so lang existieren, wie wir sie reproduzieren, so lang, wie wir daran glauben und nichts gegen sie unternehmen. Der erste Tipp, um gegen Rassismus anzukämpfen, ist also:

1. Es reicht nicht aus, sich selbst als nichtrassistisch zu betrachten, werden Sie aktiv.
Seien Sie (historisch) neugierig. Fragen Sie sich, wie es dazu gekommen ist, dass wir so denken, so fühlen, sprechen und leben? Dann erkennen Sie schnell, dass Arten, zu denken, nicht natürlich, sondern konstruiert sind. Erst wenn Ihnen das bewusst ist, können Sie bestehende Muster in Ihrer Denkweise verändern. Erkennen Sie, dass Sie als weisse Person privilegiert sind. Auch das ist nicht Ihre Schuld, sondern eine Tatsache in der Gesellschaft, in der wir leben. Erst diese Erkenntnis ermöglicht es Ihnen, einen Schritt weiter zu gehen. Sie ist der Grundstein eines Lernprozesses.

2. Lernen Sie.
Informieren Sie sich aktiv über das Thema Rassismus gegenüber schwarzen Menschen, Alltagsrassismus und Polizeigewalt. Warten Sie nicht darauf, von Betroffenen informiert zu werden. Folgende Medien kann ich empfehlen:

Bücher:
- «Exit Racism» von Tupoka Ogette
- «Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche» von Reni Eddo-Lodge (in Englisch oder Deutsch erhältlich. Leider ist die deutsche Version nicht rassismuskritisch übersetzt.)
- «Deutschland schwarz weiss» von Noah Sow
- «The Hate U Give» von Angie Thomas 
- «On the Run» von Alice Goffman
- «Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten» von Alice Hasters
- «Nach der Flut das Feuer» von James Baldwin
- «Zwischen mir und der Welt» von Ta-Nehisi Coates
- «So You Want to Talk about Race» von Ijeoma Oluo
- «Citizen. An American Lyric» von Claudia Rankine
- «N. heisst nicht (bloss) ‹schwarz›: Wie das Wortfeld ‹N.› seine Bedeutung veränderte» von Ulrike Kramer

Netflix:
- Serie «When They See Us»
- Dokfilm «13th»
- Serie «Explained: The Racial Wealth Gap»
- Serie «Time: The Kalief Browder Story» 
- Serie «Who Killed Malcolm X?»

3. Verändern Sie Ihr Verhalten im Alltag.
Jetzt wissen Sie Bescheid und können handeln. Verändern Sie Ihr Verhalten im Alltag:

- Fragen Sie während eines Smalltalks eine schwarze Person nicht als Erstes, woher sie kommt. Fragen Sie lieber sich selber: Warum ist mir diese Frage wichtig? Fragen Sie auch nicht, welche Rassismus-Erfahrungen die Person gemacht hat.
- Fassen Sie Menschen nicht unaufgefordert ins Haar.
- Beschönigen Sie rassistische Bemerkungen nicht mit «War nur ein Witz» oder «Ist nicht böse gemeint».
- Entschuldigen Sie Bemerkungen in Ihrer Familie nicht damit, dass die Familienmitglieder schon älter sind.
- Sie beobachten rassistische Verhaltensweisen oder hören Kommentare? Überlassen Sie die Reaktion nicht den Betroffenen, die täglich reagieren müssen. Reagieren Sie selber. Zeigen Sie Zivilcourage.

4. Hören Sie zu.
Beim Thema Sexismus ist es so: Cis-Männer können nicht wissen, wie es sich anfühlt, aufgrund des Geschlechts immer wieder diskriminiert zu werden. Sie können sich noch so Mühe geben, doch ihre Erfahrungswelt wird nie diejenige einer Frau oder nonbinären Person sein. Beim Thema Rassismus gilt genau dasselbe: Die Expertinnen und Experten sind die Betroffenen selbst. Also stellen Sie ihnen Fragen (ausser die obigen unter Punkt 3), hören Sie ihnen zu, verharmlosen Sie nicht, was sie sagen, weil Sie es selber nicht als schlimm empfinden. 

5. Spenden Sie.
Es gibt auch hier in der Schweiz Organisationen, die sich für die schwarze Community und für antirassistische Aktionen einsetzen. Eine finanzielle Unterstützung trägt dazu bei, dass diese Organisationen weiterhin bestehen und ihre wichtige Arbeit erledigen können. Meine Empfehlungen:

- Bla*Sh – Netzwerk Schwarzer Frauen* Deutschschweiz
- Collectif Jean Dutoit
- Allianz gegen Racial Profiling
- Collectif Afro-Swiss
- Verein Diversum
- Kollektiv mirsindvoda
- CRAN (Conseil Représentatif des Associations Noires)

6. Erziehen Sie die Kinder in Ihrem Umfeld mit.
Es gibt ganz viele Menschen unter uns, die ihre Vorurteile noch nicht verfestigt haben: unsere Kinder. Sie bilden die Zukunft. Wir formen ihre Welt und damit die unsere, durch die Art, wie wir sprechen und handeln.

Obwohl es niemand beim Spiel «Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?» wirklich böse meinte, lernten wir Kinder von Anfang an, dass man vor schwarzen Männern Angst haben muss und wegrennen sollte. Es ist nicht unsere Schuld, dass Stereotype und Vorurteile in uns sind, in unserer Kultur und unserer Sprache verankert. In unserer Sprache, unseren Büchern, unseren Kinderspielen zeigt sich unsere Weltanschauung. Sie verstehen nicht? Der Vater von Pippi Langstrumpf ist der N.-König; beim Lied «Zehn kleine N.» begeben sich zehn ungebildete Afrikaner (Mit dem «N.» sind keine Kinder gemeint) eigenmächtig in die zivilisierte Welt, was nur darin enden kann, dass sie kläglich scheitern. Jim Knopf wird als dummer, ungebildeter, aber lustiger schwarzer Bub ohne Schulbildung und Interesse am Lernen dargestellt.

Diese negativen Bilder sollen aber nicht einfach wegfallen, sondern durch positive ersetzt werden. Wir brauchen schwarze Puppen, schwarze Superheld*innen, schwarze Prinzen und Prinzessinnen, generell schwarze Vorbilder in Politik, Schule, Arbeitswelt etc. Denn sind wir mal ehrlich, sogar Tarzan, der König des afrikanischen Dschungels, ist ein weisser Mann. In allen Bereichen des Lebens wird man Beispiele finden, in denen «schwarz» mit Negativem in Verbindung gebracht wird. Als weisse Person muss man diese vielleicht suchen und versuchen zu erkennen, während man sich als schwarze Person mit «schwarz» von klein auf identifiziert und alltäglich auf solche Beispiele stösst und diese als unangenehm wahrnimmt. Wir müssen unsere Kinder von Anfang an auf das Thema aufmerksam machen. 

7. Nutzen Sie die Sprache als Waffe.
In unserer Sprache steckt unser Weltbild und mit ihr können wir ebendieses auch verändern. Nutzen Sie Ihre eigene Stimme. Seien Sie aktiv auf Social Media, unterschreiben Sie Petitionen, machen Sie mit bei Demonstrationen. Aber nicht nur das: Eliminieren Sie den kolonialistischen Sprachgebrauch. Sagen Sie nicht länger Mohrenkopf, streichen Sie Redewendungen wie die folgenden ganz aus Ihrem Sprachgebrauch:

- «Jetzt bin ich wieder der N.»
- «Das schwarze Schaf in der Familie»
- «Wer hat Angst vor dem Schwarzen Mann?»

Lernen Sie eine diskriminierungskritische Sprache. Lesen Sie dazu zum Beispiel das Glossar «Sprachmächtig» des Netzwerks Bla*Sh. Vergessen Sie nicht: Es ist nicht unsere Schuld, aber es liegt in unserer Verantwortung.

Anja Glover ist Journalistin und Gründerin der Kreativagentur Nunyola. Sie studierte Soziologie und Kulturwissenschaften.

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