Editorial von Silvia Binggeli

Es hat Klick gemacht

Text & Foto: Silvia Binggeli

  • Do it yourselfie: Silvia Binggeli unter Palmen

annabelle-Chefredaktorin Silvia Binggeli hat in ihren Ferien viel fotografiert – und sich Gedanken darüber gemacht, wo die besten Bilder wirklich entstehen.

Fotos mit Happy End? Heute kein Problem mehr, Farbfilter und anderen Smartphone-Tricks sei Dank. Vor allem Löschtaste sei Dank: Wer oder was auf dem Bild schlecht aussieht, landet im Papierkorb, wird neu fotografiert, diesmal bitte ohne doofes Lachen; oder wart, ich nehm doch lieber die Brille ab, wer weiss, am Ende wird das Gruppenfoto noch gepostet. Spontan eingefangene Momente? Nur wenn sie gelungen sind. Und das lässt sich sofort überprüfen.

In Zeiten von Analogfotografie musste man Tage auf die entwickelten Bilder warten. Der Überraschungseffekt war umso intensiver, auch wenn man oft genug erschrocken erkennen musste, dass man aufgeregt vor allem eins festgehalten hatte: Wackeln.

Autorin Esther Grosjean hat für diese Ausgabe ihre alten Fotoalben durchstöbert. Und festgestellt, dass sie rückblickend auf die analoge Jugend vor allem jene Bilder berühren, auf denen sie mürrisch dreinschaut – weil sie ungeschöntes Zeitzeugnis der eigenen Geschichte sind. Und darin sieht man nun mal nicht immer optimal aus.

Ich bin dafür, zur ehrlichen Abwechslung für später auch heute mal die unperfektesten, aber aussagekräftigsten Bilder aus dem Papierkorb zu holen. Und ich bin für Mut zum Weglassen. Denn das Übel der Digitalfotografie liegt in den unbegrenzten Möglichkeiten. Während man analog höchstens 36 Fotos pro Film schiessen konnte, landet der Finger nun unüberlegt oft auf dem Auslöser, besonders in den Ferien. Auch ich halte hier auf der Trauminsel wild fest, was mir vors Handy gerät: ach diese satten Farben, der grenzenlose Pool, was für ein einmalig schön dekorierter Drink! Muss ich sofort den Lieben daheim schicken. Und die freuen sich, keine Frage. Bilder über Whatsapp sind die neuen Postkarten. Dennoch frage ich mich abends: Wie hat es im Urwald eigentlich geduftet? War Minze im Drink? Und der Pool, war der warm oder kalt?

Während ich Ihnen diese Zeilen schreibe, rauscht neben mir das Meer ans Ufer, in der Ferne flackern die Nachtlichter der Nachbarinsel, aus dem Lautsprecher singt Dean Martin, davor turtelt ein Pärchen. Also weg mit dem Handy! Fotografieren und posten kann ich morgen wieder. Oder übermorgen. Die aufregendsten Bilder entstehen ohnehin im Kopf.

Mehr aus der Rubrik

Netflix-Serie «Liebe im Spektrum»

Ist es okay, Menschen mit Autismus beim Daten zuzuschauen?

Von Marie Hettich