Meinung

Fragwürdige Aktion: Bei Instagram posten jetzt alle Schwarzweiss-Selfies

Text: Vanja Kadic; Bilder: Instagram

e
f

Fast sieben Millionen Schwarzweiss-Selfies wurden mit dem Hashtag #WomenSupportingWomen inzwischen auf Instagram geteilt.«Challenge accepted Ladies! Frauen unterstützen Frauen!», schreibt etwa Eva Longoria zu ihrem Bild.

«Danke an alle magischen Frauen in meinem Leben für die endlose Liebe und die Unterstützung. Mögen wir alle weiterhin ein Licht aufeinander scheinen. Darum geht es bei Schwesternschaft», schreibt etwa Hollywood-Star Reese Witherspoon zu ihrem Beitrag.

Khloe Kardashian postet ein Selfie, auf dem sie perfekt ausgeleuchtet einen Schmollmund macht.

Auch Cindy Crawford macht mit: Der Hashtag soll laut Instagram «Stärke zelebrieren» und «Liebe verbreiten».

Stars und Normalo-Userinnen posten bei Instagram aktuell unter dem Hashtag #WomenSupportingWomen Schwarzweiss-Selfies. Redaktorin Vanja Kadic erklärt Ihnen, was dahinter steckt – und warum sie die Aktion fragwürdig findet.

Ist Ihr Instagram-Feed auch voller Selfies mit Schwarzweiss-Filtern? Dahinter steckt eine neue Social-Media-Challenge: Fast sieben Millionen Fotos mit dem Hashtag #WomenSupportingWomen wurden inzwischen auf der Plattform geteilt. Dabei posten Userinnen ein Schwarzweiss-Selfie von sich und fordern Frauen, die sie bewundern und schätzen, auf, das Gleiche zu tun. Zahlreiche Stars wie die Schauspielerinnen Reese Witherspoon und Eva Longoria, Supermodel Cindy Crawford, Make-up-Unternehmerin Bobbi Brown und Reality-Star Khloé Kardashian nahmen die «Challenge» bereits an.

Challenge heisst in diesem Fall: Ein schönes Foto von sich zu posten und darauf andere Frauen zu markieren. Die Bilder werden meist mit einer pseudo-inspirierenden Caption versehen. «Danke an alle magischen Frauen in meinem Leben für die endlose Liebe und die Unterstützung. Mögen wir alle weiterhin ein Licht aufeinander scheinen. Darum geht es bei Schwesternschaft», schreibt etwa Hollywood-Star Reese Witherspoon zu ihrem Beitrag. «An all meine Queens – lasst uns Liebe verbreiten und uns daran erinnern, ein bisschen liebevoller zueinander zu sein», schreibt Khloe Kardashian zu ihrem Selfie, auf dem sie perfekt ausgeleuchtet einen Schmollmund macht.  

Die Schwarzweiss-Fotos sollten auf Femizide aufmerksam machen

Wer die Challenge startete, ist unklar. Eine Pressesprecherin von Instagram erklärte laut der «New York Times», dass der früheste Post dazu von der brasilianischen Journalistin Ana Paula Padrão geteilt wurde. Die PR- und Marketingmanagerin Cristine Abram wiederum gab an, dass das virale Video von Alexandria Ocasio-Cortez’ Rede einen Beitrag zum grösseren Interesse am Thema Feminismus beigetragen haben könnte. Bereits 2016 gab es eine Schwarzweiss-Challenge auf Instagram, um Bewusstsein für Krebskranke zu schaffen. Bei Social Media melden sich derweil Stimmen zu Wort, die erklären, dass der Hashtag und die Schwarzweiss-Fotos ursprünglich in der Türkei geteilt wurden, um auf Femizide und Gewalt an Frauen aufmerksam zu machen. Der Knackpunkt: Die Hashtags #kadınaşiddetehayır und #istanbulsözleşmesiyaşatır wurden von Türkinnen als Teil der Challenge ebenfalls verwendet – und gingen offenbar mittlerweile verloren.

Selbstdarstellung und performativer Aktivismus

Umso schlimmer, dass aus einem wichtigen Hashtag eine seichte Selfie-Parade wurde. Eine Pressesprecherin von Instagram erklärte gegenüber «The Cut», dass es beim Hashtag darum gehe, «Stärke zu zelebrieren, Liebe zu verbreiten und alle Frauen daran zu erinnern, dass gegenseitige Unterstützung alles ist». Stärke zelebrieren, Liebe verbreiten – alles schön und gut. In Zeiten wie diesen ist das etwas, das wir wohl alle brauchen können. Bei den Selfies von Khloe Kardashian und Co. beschleicht einen irgendwie trotzdem ein seltsames Gefühl – Stichwort Selbstdarstellung und performativer Aktivismus. Mal ganz davon abgesehen von der Frage, wie herausfordernd es tatsächlich ist, ein schönes Selfie mit Schwarzweissfilter zu posten.

Ich muss sofort an die cringy #WeAreOne-Challenge denken, die «Wonder Woman»-Schauspielerin Gal Gadot zu Beginn des Corona-Lockdown in den USA ins Leben rief. Zahlreiche Stars wie Jimmy Fallon oder Natalie Portman flöteten aus ihren Luxus-Villen «Imagine» von John Lennon in ihre iPhone-Kameras, um uns Normalos daran zu erinnern, dass wir imfall alle gleich sind und wirklich alle zusammen in der Krise stecken. Der Celebrity-Clip wurde im Netz – wenig überraschend – als deplatziert, geschmacklos und unangebracht kritisiert.

Oder denken wir an den Hashtag #BlackOutTuesday, bei dem Millionen Instagram-User Anfang Juni ein schwarzes Quadrat posteten, um ihre Solidarität für die «Black Lives Matter»-Bewegung auszudrücken. Es ist einfach, ein schwarzes Quadrat zu posten, und zu denken, damit seinen Teil zur Diskussion beigetragen zu haben. Ich habe selbst ein #BlackOutTuesday-Quadrat gepostet – und danach lang darüber nachgedacht. Warum hab ichs geteilt? War das lame? Setze ich mich im Alltag genug gegen Rassismus ein, um so etwas überhaupt teilen zu «dürfen»?

Social Media können ein wichtiges Tool sein, um auf Missstände aufmerksam zu machen und wichtige Informationen zu verbreiten, siehe etwa #MeToo. Aber in meinen Augen sind Challenges wie #WomenSupportingWomen im besten Fall oft nicht mehr als eine schöne Geste, ein nettes Zeichen. Mehr aber auch nicht. Denn die wahre Challenge geht weit über das Posten eines Bildes – sei es ein schönes Selfie oder ein schwarzes Quadrat – hinaus. Vielleicht kann man solche Insta-Aufrufe auch einfach nur als einen Reminder an sich selbst sehen, um das Gepostete im Alltag konsequent umzusetzen – Hashtag: PracticeWhatYouPreach.

*In einer ersten Version dieses Textes wurde die Herkunft der Challenge als «noch nicht genau defniniert» bezeichnet. Dies wurde nun entsprechend ergänzt

Empfehlungen der Redaktion

Talk of the Day

AOC wehrt sich mit brillanter Rede gegen sexistische Attacke

Von Marie Hettich

Mehr aus der Rubrik

Kultur

Die Popmusik kehrt zurück zu ihren afroamerikanischen Wurzeln