Heft 01/15

Frane Selak: Der grösste Pechvogel aller Zeiten

Text: Sven Broder

Frane Selak: Der grösste Pechvogel aller Zeiten

So viel Glück ist unfassbar: Frane Selak hat Unfall um Unfall überlebt. Doch jetzt, mit 85 Jahren, findet er das Leben so richtig unfair.

Alte Männer erzählen die besten Geschichten. Die allerbeste ist die von Frane Selak, dem «glücklichsten Mann der Welt» oder dem «grössten Pechvogel aller Zeiten» – so genau lässt sich das in seinem Fall nicht sagen. Die Story ist so gut, dass David Ransom, ein Künstler aus New York, sie sogleich in einen knapp 3-minütigen Zeichentrickfilm packte, als er davon hörte. Über 2.1 Millionen Mal wurde der Film auf Youtube schon angeschaut. Schön für Frane Selak, so viel Ruhm, könnte man annehmen. – Leider nein: Der vom Pech verfolgte Glückspilz aus Kroatien ist grad ziemlich sauer deswegen. Aber der Reihe nach.

1957 reist Frane Selak, Musiklehrer und Liebhaber italienischer Volkslieder, mit seinen Schülern nach Odzak. Schulausflug. Er ist 27, und sein Leben bis dahin war, nun ja, unauffällig – sieht man einmal davon ab, dass er auf hoher See in einem Boot geboren wurde und sein Vater, ein Fischer, die Nabelschnur mit einem Fischmesser durchschnitt.

In jenem Jahr 1957 jedoch begann Frane Selaks zweites Leben. Hinter dem Lenkrad des Cars sitzt Ahmet. Ahmet ist nicht bekannt dafür, sich ans Steuer zu setzen, ohne vorher einen halben Liter Schnaps getrunken zu haben. Jedenfalls fährt er irgendwann statt rechts geradeaus, der Reisebus durchbricht ein Brückengeländer und landet in der Bosna. Der Fluss ist da nicht tief, alle Insassen überleben.

Im darauffolgenden Jahr: Frane Selak fährt mit dem Zug von Sarajevo nach Dubrovnik. Die Fahrt führt entlang der Neretva. Es regnet. Es ist dunkel. Auf der Schiene liegt ein Felsbrocken. Der Zug entgleist, stürzt in den eiskalten Fluss. 17 Menschen sterben. Frane Selak bleibt nahezu unversehrt.

1962 kommt es noch schlimmer. Oder besser. Frane Selak möchte seine Mutter besuchen. Sie hat Diabetes, es geht ihr schlecht. Um keine Zeit zu verlieren, nimmt er diesmal das Flugzeug. Von Zagreb nach Rijeka. Eine DC-8. Er trinkt gerade Tee und scherzt mit der Stewardess, als sich plötzlich eine Tür der Maschine öffnet. Selak und die Stewardess werden hinausgesogen. Der Flieger stürzt ab. 17 Passagiere und die Piloten sterben. Die nette Stewardess landet in den Ästen einer Kiefer, Selak in einem Heuhaufen – beide überleben. Und werden Freunde, durch das Schicksal vereint. Es ist der Beginn von Frane Selaks viertem Leben. Das Glück im Unglück bleibt ihm hold.

Zweimal fängt sein Auto, ein Lada, Feuer. Ein andermal wird er von einem Maulesel getreten. Und so kommt es, dass Frane Selak aktuell sein siebtes Leben lebt. Den Start dazu markiert ein Unglück, das sich vor 19 Jahren ereignete: Selak ist mal wieder unterwegs, diesmal der kroatischen Küste entlang. In einer Kurve kommt ihm ein Lastwagen der Uno-Schutztruppeentgegen. Ausgerechnet. Selak wird abgedrängt, das Auto überschlägt sich, stürzt 150 Meter in die Tiefe und explodiert. Selak, der – zum Glück – nicht angegurtet war, ist zuvor aus dem Auto geschleudert worden. Er überlebt. Mal wieder.

Doch Frane Selak wäre nicht Frane Selak, wenn er nur Glück im Unglück hätte. Manchmal hat er auch einfach nur Schwein. Zum Beispiel am 5. Juni 2002; da knackt er den Lotto-Jackpot. Sieben Millionen Kuna, rund eine Million Franken. Selak meint: «Ich hatte immer nur Pech. Und plötzlich kommt das Lotto, und alles ist vergessen.»

Bis diesen Frühsommer – und dem Trickfilmchen auf Youtube von David Ransom. «Ich suchte gerade verzweifelt nach einer neuen Idee für einen Film», meinte der Zeichentrickkünstler gegenüber der britischen BBC, «da fiel mir Franes Geschichte in den Schoss.» Der Film ist lustig. Für Aussenstehende. So à la «Signor Rossi sucht das Glück», vielleicht erinnern Sie sich an die italienische Trickfilmfigur aus den Sechzigerjahren; ein Klassiker. Frane Selak findet den Film nicht lustig. Gegenüber der Zagreber Zeitung «Jutarnji» sagt er: «Die Amerikaner haben keine Ahnung. Sie haben mir einen Schnauz angemalt und haben meine ganzen Unfälle durcheinandergebracht.» Und damit auch noch Geld gemacht, derweil er von einer bescheidenen Rente lebe. «Sie könnten mir wenigstens 1000 Dollar schicken.»

Tja, wie lautete der Titel des Youtube-Comics noch mal? «The Luckiest Unlucky Man to Ever Live.» Oder war es umgekehrt? Sehen Sie selbst.

 

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