Meine Meinung

Geheimwaffe Hundeblick

Text: Jana Avanzini; Foto: unsplash

  • Also gut, eine allerletzte Scheibe Wurst, danach ist aber Schluss... 

Unsere Autorin weiss den Charme ihrer Mimik als Waffe zu nutzen. Doch fragt sie sich ab und zu, wie sehr sie sich selbst schadet, wenn ihr gut trainierter Hundeblick die Argumente ersetzt.

Er funktioniert einwandfrei, mein Hundeblick. Ich habe ihn auch nie hinterfragt. Weder seine Wirkung, noch, dass ich ihn ziemlich regelmässig anwende. Wenn ich vergessen habe, das Bahn-Ticket zu lösen, beim Arbeitskollegen, wenn ich mit der Installation des Druckers kämpfe, oder beim Partner, wenn ich spontan im Apéro hängenbleiben möchte. Die süsse Hilflosigkeit ist Mittel zum Zweck, und sie macht vieles einfacher. Das scheint auf den ersten Blick auch vollkommen berechtigt. Geniesst die Frau ja sonst nicht viele Vorteile. Doch tue ich mir damit einen Gefallen? Damit, selbst beim Fordern zu gefallen? Ziehe ich damit das Bitten dem Argumentieren vor, und besteht meine Macht darin, sie mir selber abzusprechen?

«I’m done with assenting. I’m done with pleasing the eye.» So beschreibt die französische Musikerin Christine and the Queens ihre Verwandlung zu Chris. Eine Identifikationsfigur für junge Mädchen, die sich mit den für sie vorgesehenen Zuschreibungen von Weiblichkeit nicht abfinden wollen. Und eine Person, die mich am Konzert diesen Sommer im französischen Städtchen Aix-les-Bains von Neuem irritierte und faszinierte, in ihrem Spiel mit den Stereotypen, wie sie sie umschifft, untergräbt und mir damit eine scheinbar so einfache Rebellion vorlebt, gegen unsere Welt, in der Frauen nach fuckability sortiert werden. Mädchen werden reihenweise dazu erzogen, freundlich und angenehm, süss und irgendwann sexy, sowieso auf keinen Fall forsch und fordernd aufzutreten. Ihre Rollenvorbilder, von Film- und Spielzeug-Branche ständig reproduziert, sind Prinzessinnen. Und sind die Mädchenfiguren für einmal stark und unabhängig, dann aber trotzdem bitte mit Wallmähne, Stupsnase und vor allem mit grossen Augen.

Überall begegnet sie mir, diese Schizophrenie zwischen Emanzipation und stereotyper Weiblichkeit. Die besten Beispiele dafür sind noch immer Frauenklatschzeitschriften. Ein Artikel über Body Positivity neben Diäten, Botoxtipps und Lästereien über normalgewichtige, weibliche Stars am Strand, «Feministin»-Shirts neben dem Diadem – «weil jede Frau sich wünscht, eine Prinzessin zu sein». Als übermanne die Redaktorin im Moment, in welchem sie die Selbstbestimmung propagiert, die Angst, nicht als echte Frau, als weiblich und schön zu gelten.

«Je ne suis pas un Homme facile» – die romantische Komödie von Éléonore Pourriat ist wahrlich kein Glanzstück der französischen Filmgeschichte. Doch sie vertauscht die geschlechtlichen Stereotype so offensichtlich, dass mir mein eigenes Spiegelbild entgegengrinst. Wenn sich Marie-Sophie Ferdane um so gar nichts sorgt, was ihr Äusseres betrifft, sie mit forderndem Selbstvertrauen dem Mann begegnet, der verschämt prüft, ob sein Äusseres noch so sitzt, dass es ihr auch gefallen könnte – es entlarvt das ständige Aufbrezeln, Anpassen und Gefallenwollen als lächerlichen Automatismus.

Natürlich rufe ich nicht lautstark aus: Hört auf zu lächeln, werft eure Hacken aus dem Fenster, eure figurbetonten Kleidchen, verbannt Lippenstift und Glitzersteinchen! Aber überlegen wir uns das nächste Mal, ob wir uns jetzt grad aufbrezeln, lächeln und mit den Hüften wackeln, weil wir uns wirklich danach fühlen. Oder bloss, weil die Gesellschaft von uns erwartet, in dieser Form zu gefallen. Ob wir gerade das hilflose Mädchen geben, weil es die einzige Möglichkeit oder bloss der einfachste Weg ist. Der Weg nämlich auch, der die Geschlechterstereotype weiter zementiert.

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