Genderneutrale Stadtplanung

Gender Data Gap: Wird auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen Rücksicht genommen?

Text: Céline Geneviève Sallustio; Bild: Unsplash

  • Aussicht auf das Central:

    Caroline Criado-Perez zeigt in ihrem Buch «Die unsichtbare Frau» auf, wie die Welt von Männern für Männer designt wurde. Deshalb wollen wir von Expertinnen wissen: Wie sieht es in der Schweiz aus? Und wird in einer Stadt wie Zürich auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen Rücksicht genommen?

Die Planung von Städten basiert auf einer sexistischen Grundstruktur – dies zeigt Caroline Criado-Perez in ihrem packenden Buch «Die unsichtbare Frau» auf.  Wir haben Expertinnen mit den Aussagen der Buchautorin konfrontiert und sie gefragt, wie sie die Situation in Zürich einschätzen.  

In ihrem Buch «Die unsichtbare Frau» zeigt Caroline Criado-Perez auf, wie unsere Welt für Männer designt wurde. Insbesondere der öffentliche Raum wurde «von Männern für Männer» entworfen, schreibt Criado-Perez. Daher fordert sie geschlechterspezifisches Entwerfen, Planen, Konstruieren und Bauen von Städten – damit explizit die Bedürfnisse von Frauen berücksichtigt werden.

In Zürich gibt es mehrere Organisationen, die einer möglichen sexistischen Städtebauplanung mit Forderungen und Massnahmen entgegenwirken möchten: Die Urban Equipe ist eine davon. Ihr Credo: «Damit möglichst diverse, offene und zukunftsfähige Städte entstehen, müssen möglichst viele verschiedene Menschen an der Stadtentwicklung mitwirken», erklärt Sabeth Tödtli, Gründungsmitglied der Organisation. Zur Stadtplanung von Zürich findet sie: «Architekten legen mehr Wert auf ästhetische Bedürfnisse – soziale Aspekte werden oft vernachlässigt.» Deshalb bietet die Urban Equipe eine Plattform für Städterinnen und Städter an, die sich aktiv an der Stadtplanung beteiligen und einbringen wollen. Doch nicht nur Organisationen, auch Politikerinnen fordern eine Stadtplanung, die nicht auf dem männlichen Prototyp beruht. Zwei von ihnen sind Sandra Bienek (GLP) und Lisa Kromer (Grüne). Bei einer geschlechterneutralen Stadtplanung Zürichs gibt es für Bienek noch viel Luft nach oben. So würden sie beispielsweise ein Gender-Budget begrüssen, also die gleichmässige Verteilung öffentlicher Gelder auf die Geschlechter. Beide engagieren sich ausserdem für mehr Still Spots, Velowege, Grünflächen mit Spielplätzen und Quartierzentren.

Buchautorin Criado-Perez hinterfragt jedoch die gängigen Strukturen noch mehr als Kromer und Bienek. Sie fragt beispielsweise: Kann Schneeräumen sexistisch sein? Oder: Gehören fast 75 Prozent der Strassenflächen Männern? Wir haben Urban Equipe, die beiden Politikerinnen und Anna Schindler, Direktorin Stadtentwicklung Zürich, mit vier Thesen von Caroline Criado-Perez konfrontiert und nach ihren Meinungen gefragt:

Eine funktionale Stadt ist auf männliche Bedürfnisse ausgerichtet

Durch die industrielle Revolution kam es zur expliziten Aufteilung, die rechtliche Zonen des Wohnens und des Arbeitens voneinander trennte. «Die Zonierung mit ihren zu einfachen Kategorien hat Städte weltweit an männliche Bedürfnisse ausgerichtet», so Criado-Perez in ihrem Buch. Auch Tödtli ist dieser Ansicht und meint: «Die Funktionstrennung ist ein sehr veraltetes Denken, das auch überholte Geschlechterrollen widerspiegelt.» Deshalb fordert sie, dass die drei Bereiche – Arbeit, Wohnen und Freizeit – ineinanderfliessen sollen. Die beiden Politikerinnen setzen sich dafür ein, dass die Stadt mehr Aussenräume und unmittelbare Zentren für Mütter und Bezugspersonen entwerfen soll. Also Räume, die explizit den Bedürfnissen von Menschen, die Betreuungsarbeit leisten, entsprechen sollen. In ihrer Funktion setzen sie sich für eine Begrünung Zürichs ein: «Die Räume müssen viel grüner werden, dies sorgt bei Hitze für einen Temperaturausgleich, der Neugeborene, Kleinkinder und Pensionärinnen schützt. Im Hitzesommer 2003 sind viele ältere Menschen – insbesondere Frauen – wegen der hohen Temperaturen gestorben.»

Infrastruktur dient mehrheitlich Männern

Eine weitere These aus Perez' Buch: «Frauen zahlen den Preis für die Infrastruktur, die mehrheitlich den Männern dient.» Als Beispiel hierfür nennt sie Brasilien, das vor der Fussball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 Millionen für die öffentliche Verkehrsinfrastruktur ausgab. Und dies, obwohl brasilianische Frauen das Geld für bessere Wohnverhältnisse forderten. Die Stadtforschung der London School of Economics fand heraus, dass die neuen Schnellbuslinien bevorzugt Gegenden bedienten, in denen olympische Spielstätten lagen. Auch hier wurde der Raum für männliche Bedürfnisse geplant. Die grünen Politikerinnen ziehen Parallelen zu Zürich. Besonders das Projekt Hardturmstadion ist Bienek und Kromer ein Dorn im Auge: «Wir haben in der Stadt bereits zu wenig Grünflächen. Warum wird auf diesem Areal kein Ponyhof für Kinder gebaut?» Sie finden beide, die Idee eines Stadions, das ausschliesslich kommerziellem Männerfussball diene, sei ein Beispiel dafür, dass freie Stadtflächen für männliche Bedürfnisse verwendet werden. Abgesehen davon bringe der Bau eines solchen Stadions – inmitten der Stadt – viele Gefahren mit sich. Ganz anders sieht das Schindler, die den Bau eines Fussballstadions nicht nur als Mehrwehrt für Männer sieht, sondern genauso für Frauen, die gerne Fusball verfolgen. «Schauen Sie sich Spanien an, dort sind auch viele Frauen Fussballfans. Sie gehen regelmässig ins Stadion, um sich die Spiele anzusehen.»

Die Autozentriertheit der Städte geben ein männlich dominiertes Stadtbild ab

Auch das Thema Verkehr lässt Perez nicht unberührt. Der globale Trend sei, dass hauptsächlich Männer Autos besitzen. Als krasses Beispiel führt sie die Küstenmetropole Rio de Janeiro auf, wo 71 Prozent der Autos Männern gehören. Und, wo Männer doppelt so häufig Wege mit dem Auto zurücklegen als Frauen. Gemäss der Baudirektion des Kantons Zürich dienen rund sechs Prozent (9467 Hektaren) der Gesamtfläche der Strassennutzung. Nun: Was meinen unsere Expertinnen dazu? «Die Autozentriertheit unserer Städte geben ein männlich dominiertes Stadtbild ab. Die Städte werden immernoch mehrheitlich von Menschen geplant, die einen Hundert-Prozent-Job haben und die mit dem Auto zur Arbeit fahren», meint Tödtli. Diese Menschen seien nicht in verschiedenen Räumen unterwegs, sondern nehmen den klassischen Weg – auf der Strasse. Menschen, die ein vielschichtigeres Leben führen, seien in diesem Job untervertreten. Und genau das sei der Punkt: «Wenn wir eine Stadtplanung möchten, die die Bedürfnisse aller berücksichtigt, dann braucht es eine Mitsprache von allen.» Nicht nur die befahrene Strassenfläche sieht Bienek als Problem, sondern auch die Fläche, die für den stillen Verkehr –  sprich Parkplätze –genutzt wird. Um die Verkehrsfläche möglichst gering zu halten, setzt sich die Politikerin deshalb für mehr Velowege ein. Sowohl für Velo-Schnellrouten als gemnütliche Velowege.

Städte basieren auf einer sexistischen Grundstruktur

Die Grundthese von Criado-Perez lautet, dass die Planung von Städten auf einer sexistischen Grundstruktur basiert. Denn: «Die Welt ist von Männern für Männer designt.» Die Zürcher Stadtentwicklerin sieht dies anders: Stadtplanung ist für sie kein Genderthema. Denn ein Mann würde eine Stadt nicht anders planen als eine Frau. Für die beiden grünen Politikerinnen ist jedoch klar: Wer eine Stadt plant, definiert, wie sie aussieht. Und deshalb müssten die entsprechenden Gremien diverser besetzt sein. Sie betonen aber, dass die Schweiz diesbezüglich gar nicht schlecht aufgestellt sei. Dem stimmt Schindler zu – und verweist auf den hohen Frauenanteil in der Stadtplanung und Stadtentwicklung des Kantons Zürich: «Die Liegenschaftsverwaltung, das Amt für Hochbauten, die Immobilienabteilung und die Stadtentwicklung, Grün Stadt Zürich und das Amt für Städtebau – allesamt von Frauen geführt.» Trotzdem findet Schindler, dass beim Thema gendergerechte Stadtplanung nicht über die Planerinnen, sondern über die Nutzerinnen gesprochen werden müsse.

Der Durchschnittliche Mann, gilt als der durchschnittliche Mensch, schreibt Autorin Caroline Criado Perez eindrücklich in ihrem Buch «Unsichtbare Frauen». In einem Interview haben wir mit ihr über den Gender Data Gap gesprochen –  und warum er für Frauen eine Gefahr ist.

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