Tabuthema Totgeburt

Die Geschichte eines Sternenbabys auf Instagram

Text: Lara Marty; Foto: Image courtesy of Now I Lay Me Down to Sleep, Jeanie Hanson

Désirée Portelas Tochter ist bei der Geburt gestorben. Indem sie die Babyfotos auf Instagram stellte, hat die junge Mutter gleich zwei Tabus gebrochen: Öffentlich über Totgeburten zu sprechen und auch die traurigen Momente des Lebens zu zeigen.

Das Tram ist mir direkt vor der Nase davongefahren. Bis zum nächsten wird es zehn Minuten dauern. Zum Zeitvertreib greife ich zum Smartphone und lasse mich auf Instagram mit Fotos und Videos berieseln. Fluffige Pancakes, Blumenwiesen, frisierte Hunde, ein neugeborenes Baby. Bei Letzterem halte ich inne. Ein winziges Köpfchen, dichte schwarze Haare, friedlich schlafend. Eine weitere Aufnahme mit der Mutter: Sie haucht dem Baby einen zarten Kuss auf die Wange. Fast schäme ich mich, Zuschauerin eines solch intimen Moments zu sein, doch ich starre weiter drauf. Erst beim Lesen der Kommentare unter dem Post begreife ich, was ich gerade gesehen habe: Das Neugeborene, das hier in Pose gebracht und professionell abgelichtet wurde, ist tot. Das Tram kommt, irritiert steige ich ein.

Die Mutter, die das Foto auf ihrem öffentlichen Profil gepostet hat, kommt – wie ich – aus Graubünden, wir haben gemeinsame Bekannte, sind uns aber noch nie begegnet. Deshalb zögere ich lang, bis ich doch nicht anders kann und ihr eine private Nachricht schreibe. «Warum hast du das Foto von deinem toten Baby öffentlich gepostet?», frage ich. «Am besten rufst du mich kurz an», antwortet sie. Und so lerne ich Désirée Portela kennen. Diplomierte Pflegefachfrau, 28 Jahre alt und «Mutter von drei Kindern auf der Erde plus einem im Himmel», wie es in ihrer Instagram-Bio heisst.

Désirée war in der zwölften Woche schwanger, als sie an einem warmen Septembertag 2018 plötzlich blutete. In der Notfallaufnahme konnten die Ärzte sie aber beruhigen: «Der Herzschlag des Kindes ist stark.» Alles ist gut, dachte Désirée und ging nachhause. Am darauffolgenden Tag kehrte sie für eine geplante Voruntersuchung ins Spital zurück. Ein kurzer Blick auf den Ultraschall genügte und sofort war ihr klar: Gar nichts ist gut. «Woran hast du das erkannt?», frage ich. «Das auf dem Ultraschallbild, das sah einfach nicht nach einem ganzen Baby aus», antwortet sie.

Die Ärzte rieten zum sofortigen Schwangerschaftsabbruch

«Amniotisches-Band-Syndrom» diagnostizierten die Ärzte. Eine grausame Laune der Natur ohne genau bekannte Prävalenz. Durch das Einreissen der inneren Eihaut bilden sich innerhalb der Fruchtzelle bandartige, klebrige Stränge aus Aminosäuren, die sich um die Körperteile des Fötus wickeln können. Oft sind Hände oder Füsse davon betroffen, was zu abgeschnürten Fingern oder Zehen führen kann. Désirées Kind hatte sich in einem dieser amniotischen Bänder derart verheddert, dass es in die inneren Organe schnitt. «Nicht lebensfähig», hörte Désirée ihre Ärztin sagen. Zwei Wörter, deren Gewicht den Boden unter ihren Füssen zum Einstürzen brachte. Und sie schien durch ihn hindurch zu fallen, aus der Welt hinaus. Die Ärzte rieten zum sofortigen Schwangerschaftsabbruch. «Der Herzschlag des Kindes ist stark», hallten die Worte vom Vortag in Désirées Ohren wider. Da wusste sie: Sie wollte ihr Kind behalten – ihr Mädchen. Mira.

«Weitertragen» heisst das im Fachjargon, erklärt mir Désirée gefasst. Wenn wir telefonieren, ist es bei mir oft bereits dunkel. Bei Désirée geht der Tag gerade erst los. Seit bald zwei Jahren lebt die Bündnerin mit ihrem Mann, einem Amerikaner, in Kalifornien. Trotz unserer traurigen Gespräche hat ihre Stimme etwas Aufheiterndes. Ihr Mann habe drei Hühner gekauft, erzählt sie fröhlich. Im Hintergrund höre ich, wie ihre beiden Kinder Elijah (4) und Sofia (2) das Gackern imitieren. Das jüngste, Celeste, ist gerade vier Monate alt. «Du warst erst in der zwölften Woche schwanger, warum hast du dich gegen eine Abtreibung entschieden?», frage ich. «Ich wollte nicht darüber entscheiden, wann das Herz meines Kindes stillsteht», antwortet sie.

Mit jedem Monat wurde Désirées Bauch grösser, die Blicke darauf immer begeisterter. «Boy or girl?» Die Leute erkundigten sich nach ausgefallenen Gelüsten, unerwünschten Wassereinlagerungen, der Einrichtung des Kinderzimmers. Doch Désirée richtete kein Kinderzimmer ein. Mira bewegte sich kaum. Immer wieder konzentrierte sich Désirée angsterfüllt auf ihren Bauch, bis sie endlich den erlösenden Tritt in sich spürte. Die Ärzte stellten bei den weiteren Untersuchungen immer wieder aufs Neue verblüfft fest, dass Miras Herz kräftig schlug.

«Ich habe versucht, mich auf das Schlimmste vorzubereiten»

Zuhause wurde viel gebetet. «Hast du an ein Wunder geglaubt?», frage ich. «Ich habe es mir gewünscht. Aber ich bin nicht naiv. Ich habe versucht, mich auf das Schlimmste vorzubereiten», antwortet sie. «Kann man das?» Désirée schweigt. In ihren Gebeten flehte sie, dass das Kind in ihrem Bauch keine Schmerzen ertragen muss. Miras regelmässiger und ruhiger Herzschlag konnte ihr diese Sorge etwas nehmen.

Die Ultraschallbilder aber zeigten immer deutlicher, dass ihre Organe stark beschädigt waren und ausserhalb des kleinen Körpers lagen. Désirée ahnte, dass ihr nur wenig Zeit bleiben würde, um mit ihrer Tochter eine physische Erinnerung zu schaffen. So kaufte sie ein weiches, weisses Wickeltuch, in das sie ihr Baby nach der Geburt hüllen wollte. Sie entschied sich für Engelsf ügel aus Federn, die symbolisieren, dass Mira ein Platz im Himmel bestimmt ist. Sie kontaktierte eine Fotografin und erklärte, welche Aufnahmen sich ihre Familie wünschte. «Krass, du hast ein Fotoshooting auf der Intensivstation geplant?», frage ich. «Ich musste davon ausgehen, dass mir von Mira nur diese Aufnahmen bleiben werden», antwortet sie.

Désirées Fruchtblase platzte in der 35. Schwangerschaftswoche, am 18. Februar 2019. Sie hatte sich für eine natürliche Geburt entschieden. «Der Herzschlag des Kindes ist stark», stellte die Ärztin noch einmal fest. Désirée bat darum, den Monitor auszuschalten. Sie wollte Miras letzten Herzschlag nicht hören. Dann, nach sechs Stunden Wehen, durfte Désirée ihr Baby endlich in den Armen halten. Fest umschloss sie den winzigen Körper und streichelte ihrer Tochter zart übers Köpfchen. Mira rührte sich nicht, sie war auf dem Weg in die Welt hinaus gestorben.

«Ich habe alles getan, was ein Mami machen kann»

«Ich hab grad einen ziemlichen Kloss im Hals», sage ich. «Weisst du, ich habe alles getan, was ein Mami machen kann. Während der Schwangerschaft haben wir jeden Abend gesungen, ich habe ihr die schönsten Geschichten vorgelesen und mir den Bauch immer gut eingecrèmt. Zu wissen, dass nicht mehr möglich war, hat mir in diesem Moment Frieden gegeben», sagt sie. Nach der Geburt war die Fotografin sofort im Spital. Sie wusste, welche Bilder sich die jungen Eltern wünschten. Es sind Detailaufnahmen entstanden – Aufnahmen von kleinen Händen, die nicht nach denen der Eltern greifen. Von Augen, die nie in die Welt blinzeln, von einem Mund, über dessen Lippen kein Ton kommen wird. Ein flüchtiges, nicht gelebtes Leben, das Désirée auf Bildern festhalten und auf Social Media verewigen wollte.

«Ich bin froh, dass ich so schöne Fotos habe», sagt Désirée. «Warum hast du diesen intimsten Moment auf Instagram gepostet?», frage ich. «Ich wollte allen meine zauberhafte Tochter zeigen. Und vielleicht wollte ich beweisen, dass sie da war.» Drei Tage, nachdem Miras Geburt mit ihrem Tod zusammenfiel, veröffentlichte Désirée das erste Foto auf Instagram. Mutter, Vater, Tochter – drei Hände ineinandergeschlungen. Einen Monat später zeigte sie weitere Aufnahmen von Mira: Einmal ins weiche, weisse Tuch gehüllt und mit Schleife im Haar. Dann ins Mäntelchen gewickelt, die Engelsflügel auf ihren Rücken gelegt. «We didn’t have to look into your eyes to fall in love with you. We didn’t need to hear you cry to know you loved us too – Wir mussten dir nicht in die Augen schauen, um dich zu lieben. Wir mussten dich nicht weinen hören, um zu wissen, dass auch du uns liebtest», schrieb Désirée dazu. 213 Likes, 36 Kommentare.

«Hast du dir mehr Anteilnahme – mehr Likes erhofft?», frage ich. «Nein, darum ging es mir nicht», antwortet sie. Désirée ist es wichtig, über Mira zu sprechen. Es ist ihr wichtig, dass ihre Tochter beim Namen genannt wird und dass sie ein Teil der Familie bleibt. Die Fotos sind zuhause im Wohnzimmer aufgestellt. Elijah und Sofia fragen oft nach dem Baby, das doch auf dem Weg zu ihnen war, aber nie zuhause angekommen ist. Hat die Familie Besuch, versucht dieser manchmal zu erraten, welches der drei Kinder auf diesen Bildern wohl abgelichtet ist. Dann erzählt Désirée die Geschichte von ihrem vierten Kind. Eine Geschichte, die viele lieber nicht hören möchten. Zu grausam scheint die Vorstellung, das eigene Kind nur noch tot in die Arme schliessen zu können.

«Ich durfte meine Tochter kennenlernen, mir ihre Gesichtszüge merken»

Viele wissen im ersten Moment nicht, wie sie mit Désirées Offenheit umgehen sollen. In ihrer emotionalen Überforderung sagen sie dann Dinge wie: «Ach, du bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder bekommen.» Oder: «Oh, es wäre ein Mädchen gewesen – aber du hast ja schon eines.» Auf Instagram passiert das nicht. Wer nicht weiss, was er sagen soll, hinterlässt ein stilles Like. Andere schreiben einen Kommentar, haben die Zeit, um nach passenden Worten zu suchen und können ihre Wahl – wenn nötig – nochmals überdenken. Eine moderne Art, zu kondolieren und praktisch für all jene, die bei einer persönlichen Begegnung aus lauter Verlegenheit betreten zu Boden schauen oder die Strassenseite wechseln müssten.

Negative Reaktionen auf die Fotos hat Désirée bisher keine erhalten. «Haben dich die Kommentare auf Instagram getröstet?», frage ich. «Mein Leben fühlt sich dadurch wieder etwas vollständiger an. Ich poste oft Fotos von mir und meiner Familie, da gehört Mira auch dazu. Getröstet haben mich aber viel mehr die direkten Gespräche mit meiner Familie und Freunden. Und die Nachbarn, die uns Essen vorbei gebracht oder für Mira ein Kerzli angezündet haben», antwortet sie.

Désirée veröffentlicht weiterhin Fotos und Videos von ihrer Familie. Sie zeigt, wie ihr Mann und die Kinder Geburtstage feiern, sich für Halloween verkleiden oder den Weihnachtsbaum schmücken. Eine fröhliche Truppe, bei der die Trauer abends nicht ständig mit auf dem Sofa sitzt. Zwischendurch klopft sie aber ans Fenster und schaut in die gemütliche Stube rein, aber auch das sind Momente, die Désirée nicht missen möchte. «Bereust du etwas?», frage ich. «Nichts. Ich durfte meine Tochter kennenlernen, mir ihre Gesichtszüge merken, diese perfekten Händchen halten, über ihren weichen Haarflaum auf dem Köpfchen streichen. Ich habe ihr einen Namen gegeben.» Mira, «die Friedliche», «die Wunderbare».

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