I love my guru

Die Verehrung für den Yogalehrer

Text: Claudia Senn, Illustration: Lisa Rock

Yoga

Warum alle Frauen ihren Yogalehrer anschmachten. (Und weshalb sich ihre Ehemänner deshalb keine schlaflosen Nächte machen sollten.)

Ein Brocken von Kerl, fast zwei Meter gross, tätowiert und langhaarig – sollte ich meine Männer jemals nach einem Beuteschema ausgesucht haben, so passte Erik garantiert nicht dazu. Trotzdem nahm ich schon nach wenigen Yogastunden die zarten Vorboten einer Verliebtheit bei mir wahr. Korrigierte Erik meine Haltung, um meinen nach unten blickenden Hund mehr nach anmutigem Dalmatiner statt hüftkrankem Mops aussehen zu lassen, genoss ich seine Berührung. Lobte er meine Fortschritte, fühlte ich mich für den Rest des Tages beschwingt. Machte er einen Scherz, so fiel mir vor lauter Aufregung erst eine halbe Stunde später ein, was ich hätte erwidern sollen. Das alles erinnerte mich fatal an meine Teeniezeit.

Offenbar war ich nicht als Einzige für Erik entflammt. Liess ich meinen Blick durchs Yogastudio schweifen, sah ich dreissig schmachtende Augenpaare. Selbst über die müderen seiner Witze wurde mit Inbrunst gelacht. Bald fingen wir an, nach der Stunde noch einen trinken zu gehen, um – natürlich ohne Erik – ausschweifend zu erörtern, was für ein toller Kerl er doch sei. Erstaunlicherweise machte es uns überhaupt nichts aus, das Objekt unserer Begierde miteinander zu teilen. Im Gegenteil, gemeinsam machte das Schwärmen erst richtig Spass. Das lag vermutlich daran, dass keine von uns ernsthaft etwas mit Erik anfangen wollte. Anschmachten reichte uns vollkommen. Es schien sich tatsächlich um einen Rückfall in die Zeit zu handeln, als wir die Wände unserer Kinderzimmer noch mit Pferdepostern schmückten. Wie kam es nur, dass sich gestandene Unternehmerinnen, Ärztinnen und Journalistinnen plötzlich benahmen wie Teenager?

Die Rangliste der Yogalehrer

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, und schaute mich in anderen Yogaklassen um. Es überraschte mich keineswegs, dass die drei erfolgreichsten Kurse meines Studios allesamt von Männern geleitet wurden. Auf Platz 1 rangierte Colin, ein Australier mit eng zusammenstehenden Augen und einem Hardcore-Fanclub wie Justin Bieber. Colin galt als der beste Lehrer des Studios, wenn nicht sogar der ganzen Stadt. Doch man musste sich bloss in der Damengarderobe umhören, um festzustellen, dass das nicht alles war. «Glaubst du, er wird mich eines Tages heiraten?», hörte ich eine seiner Schülerinnen zu einer anderen sagen. Colin war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet, und zwar mit der hübschesten Yogalehrerin des Studios, doch wer hielt sich schon mit solchen Details auf? Dann gab es da neben Erik und Colin auch noch Dylan, einen Brasilianer mit einer geheimnisvollen Aura und der einschüchternden Fähigkeit, seine Beine hinter dem Kopf zu verschränken. Ich nannte ihn deshalb nur den Brezelkönig und traute mich niemals in seine Stunden. «Er ist so wunderwunderschön!», hauchte eine Bankerin, als ich sie fragte, weshalb sie gerade ihn auserwählt habe. Dem konnte ich nur beipflichten.

Nun gut, halten wir uns ans Naheliegende: Yogalehrer haben fantastische Körper, schliesslich üben sie ja jeden Tag stundenlang den Krieger und die Krähe. Auf Frauen bleibt das durchaus nicht ohne Wirkung. Sie sind da genauso simpel gestrickt wie Männer (besonders zu gewissen Zeiten ihres Zyklus, aber das ist eine andere Geschichte). Trotzdem glaube ich, dass Erik, Colin und Dylan mehr für uns waren als spirituelle Pin-up-Boys. Wirkten sie nicht alle drei so in sich ruhend? So weise und abgeklärt und meilenweit weg vom Chaos, mit dem wir uns täglich herumschlugen? Durch das jahrelange tägliche Üben mussten sie einem Geheimnis auf die Spur gekommen sein, das uns vielleicht auch zuteil würde – eines Tages in weiter Ferne. Und wer konnte uns in dieses Land der ewigen Glückseligkeit lotsen, wenn nicht sie?

Plötzlich kam mir die Psychotherapie in den Sinn, die ich vor Jahren gemacht hatte. Mein Therapeut war ein zerstreuter orthodoxer Jude, dem ich viel verdanke. Obwohl ich mir geschworen hatte, dass mir so etwas Abgedroschenes und Klischeemässiges niemals passieren würde, verliebte ich mich nach einiger Zeit ein bisschen in ihn. Eigentlich hatte ich keine Ahnung, wer er überhaupt war, denn der Therapeut sagte so gut wie nichts, sondern sass bloss da und hörte mir mit regloser Miene zu. Diese «Gespräche» hatten allerdings eine so positive Wirkung auf mich, dass ich ihn bald für einen grandiosen Könner auf allen Gebieten des menschlichen Zusammenseins hielt. Der Therapeut nahm meine Liebesbekenntnisse ebenso gelassen zur Kenntnis wie alles andere. Vermutlich hörte er so was jeden Tag. Schliesslich erläuterte er mir die Mechanismen und die gewaltige Macht der Projektion.

Wie sehr auch Erik Opfer oder Profiteur unserer Projektionen war, zeigte sich, als ihn seine Frau verliess. Nach der Scheidung verlor er vorübergehend seinen Charme. Statt ihn umso mehr zu bezirzen, jetzt, wo er endlich zu haben war, kehrten ihm seine Jüngerinnen in Scharen den Rücken. Denn auf einmal verhielt er sich so beunruhigend menschlich. Er hatte schlechte Laune. Er spulte lustlos seine Lektionen ab und verschwand danach ohne ein Wort. Er schien kein bisschen erleuchteter zu sein als wir. Im Gegenteil, er war einfach nur ein Mann in einer schwierigen Lebensphase, der ebenso mit seinen Problemen kämpfte wie jede einzelne von uns. Das nahmen wir ihm eine Weile lang entsetzlich übel. Hatten wir uns doch von ihm versprochen, er kenne den Weg aus der Misere. Und nun das.

Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gezogen. Noch immer halte ich Erik die Treue. Vom Prickeln der ersten Monate kann allerdings keine Rede mehr sein. Wir sind nun eher wie ein altes Ehepaar, das sich keine Illusionen mehr macht. Doch auf den Matten rechts und links von mir üben jetzt Eriks neue Fans, die mit glänzenden Äuglein auf seine Bizepse starren, während Erik seine Aufmerksamkeit wie ein um Gerechtigkeit bemühter Papi unter all seinen Schäfchen zu verteilen versucht. Er ist noch immer ein grossartiger Yogalehrer. Aber manchmal glaube ich, sein eigentliches Bravourstück besteht darin, trotz dieser andauernden Überdosis an Bewunderung nicht durchzudrehen. Dreissig Teenager auf einmal sind doch einfach die Hölle.

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