Interview

Im Interview: Facebook-Star Bendrit Bajra

Text: Stefanie Rigutto; Foto: nacimphotograpyh

Im Interview: Facebook-Star Bendrit Bajra
  • Ein weisser BMW und das neuste Handy: “Meine Liebe zu Statussymbolen ist sehr albanisch”, sagt Bendrit Bajra

Der 19-jährige Bendrit Bajra ist der Schweizer Facebook-Star der Stunde. Mit seinen Comedy-Videos über «Schwizer und Uslender» bringt der Kosovo-Albaner aus Zürich-Schwamendingen selbst Giacobbo/Müller zum Lachen.

Türkische Frauen verkaufen in einem Zelt Fladenbrot, die Offene Jugendarbeit Zürich hat einen Stand aufgestellt, eine Band spielt portugiesische Volksmusik – Samstagnachmittag auf dem Schwamendingerplatz in Zürich. Ich sitze im «Hirschen» und warte auf Bendrit Bajra. Kurz vor 15 Uhr kommt ein SMS: «Ich habe Stau …» Bendrit Bajra ist mit seinem «Schätzeli» unterwegs – so nennt er seinen weissen BMW X6, ein Geschenk des Vaters zum 18. Geburtstag. Als er schliesslich vor dem Lokal parkiert, ruft er theatralisch: «Ich hasse die City am Samstag!»

Bendrit Bajra ist 19 Jahre alt, trägt ein schwarzes Trainerjäckli, Jeans und Turnschuhe. Er ist kosovarisch-schweizerischer Doppelbürger und macht eine Lehre als Autoersatzteilverkäufer. Ein unscheinbarer, pummeliger Teenager mit einem Milchgesicht – wären da nicht die stahlblauen Augen, mit denen er neugierig sein Umfeld scannt. Bevor er sich an den Tisch setzen kann, hält ihn ein Tamile an und klopft ihm auf die Schulter: «Du bisch de Bendrit, gäll? Ich habe mich krankgelacht über deine Videos.» Bajra bedankt sich artig, schüttelt die Hand des Fans. «So geht das die ganze Zeit», sagt er und lächelt zufrieden.

Bendrit Bajra ist der Held von Schwamendingen – und der Schweizer Facebook-Star der Stunde. Mit improvisierten Comedy-Videos über den Unterschied zwischen «Schwizer und Uslender» gewann er fast 200 000 Followers. Er nimmt die Schweizer ebenso aufs Korn wie die Albaner, zielt aber nie unter die Gürtellinie, vielmehr veräppelt er seine Opfer auf so liebevolle Art, dass am Schluss alle über sich selber lachen. Sein feiner, ruhiger Humor beeindruckte auch Viktor Giacobbo und Mike Müller: Sie fanden ihn so talentiert, dass sie ihn zu sich in die Sendung einluden – der Ritterschlag für einen Jungkomiker. Das Video, das Bendrit Bajra damals in der Show machte, wurde auf seiner Facebook-Seite fast eine Million Mal angeklickt.

annabelle: Bendrit Bajra, wir treffen Sie in Zürich-Schwamendingen, in Ihrer Heimat. Das Quartier hat – nun ja – nicht gerade den besten Ruf.
Bendrit Bajra: Völlig zu Unrecht. Schwamendingen ist längst nicht mehr die Bronx von Zürich.

Sie sind stolzer Schwamendinger.
Und wie! Das ist meine Hood. Wenn ich nach dem Ausgang morgens um 4 Uhr hierher zurückkomme, durchströmt mich ein Glücksgefühl. Ich werde nie von hier wegziehen.

Wie war es, in Schwamendingen aufzuwachsen?
Sagen wirs so: Es war sehr kosmopolitisch! (lacht) In meiner Klasse gab es einen einzigen Schweizer, den Marc.

Trotzdem haben Sies in die Sek A geschafft – nicht schlecht.
Ja, als einer der wenigen meines Jahrgangs. Ich habe total Gas gegeben in der Schule. Ausser in der Pubertät, da wollte ich nur chillen – aber das hat mir meine Mutter schnell ausgetrieben.

Wo haben Sie denn die typischen Schweizer kennen gelernt, die Sie parodieren?
In der Lehre. Von meinen Kollegen habe ich all die Wörter abgeguckt, zum Beispiel Büez. Diesen Begriff kannte ich gar nicht.

Dabei sprechen Sie gar nicht den typischen Balkanslang.
Finden Sie? Alle sagen, ich spreche Balkanslang.

Sie sagen nicht: «Gömmer ims Migros» oder «S Beschte, wos je hets, gits».
Wer so spricht, ist entweder erst seit vier Monaten in der Schweiz – oder er machts extra. «Boooah», ruft Bendrit Bajra, als ein BMW-SUV vorbeifährt, «der sieht geil aus!» Dann entschuldigt er sich: «Sorry, wenn ich schöne Autos sehe, kann ich nicht mehr klar denken.» Sein Smartphone liegt griffbereit auf dem Tisch. Es klingelt im 15-Minuten-Takt. «Ey, was iiisch?», ruft er genervt und drückt die Anrufer weg. Nur zweimal nimmt er ab – das erste Mal, als das Display seinen «Babi» anzeigt. Das andere Mal, als sein Manager anruft: «Heee, mis Schnäggehüsli», säuselt er ins Telefon, wechselt kurz ins Albanische, dann wieder ins Schweizerdeutsche. Seit Anfang Jahr hat Bendrit Bajra ein Management, das sich um ihn kümmert – in allen Belangen: «Ohne meinen Manager gehe ich nicht mehr shoppen im Glattzentrum», sagt Bajra, «er passt auf mich auf, wenn mich die Fans belagern.»

Die kurzen Videos, mit denen Bajra berühmt wurde, hat er in seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung aufgenommen. Seine Protagonisten: ein Schweizer Papi mit Sohn Yannick sowie ein albanischer Babba mit Sohn Bendrit. Bajra spielt alle Rollen selber. Er stellt gegenüber, wie die Väter in verschiedenen Situationen reagieren, etwa bei der ersten Fahrstunde im Auto oder wenn der Sohn dem Vater beibringen will, dass er schwul ist. Dabei spielt er gekonnt mit Klischees: Während der Schweizer Papi jeweils mit Yannick diskutiert, holt der Babba den Gürtel hervor und drischt auf Bendrit ein. «So stellt man sich doch den albanischen Vater vor, nicht?», sagt Bendrit Bajra und zwinkert mit dem Auge. Gabs wirklich nie eine Ohrfeige? «Doch, einmal – und da hatte ich sie verdient.»

Bendrit Bajra, Sie sind hier geboren, trotzdem definieren Sie sich als «Albaner mit Schweizer Pass». Hand aufs Herz: Wie viel Albaner steckt überhaupt noch in Ihnen?
Na ja, ich sehe zum Beispiel aus wie ein typischer Albaner. Meine Liebe zu schönen Autos und Statussymbolen wie dem allerneusten Samsung- Handy – das ist auch sehr albanisch.

Und sonst?
Meine Mutter macht meine Wäsche, putzt und kocht für mich. Ich kann nicht kochen, da würde die Wohnung abbrennen. Meine Mutter ist alles für mich, ich liebe sie abgöttisch.

Inwiefern sind Sie ein typischer Schweizer?
Ich habs gern gemütlich, fahre nie zu schnell, würde auf der Autobahn nie die Lichthupe betätigen. Ich zahle all meine Rechnungen pünktlich und bin ein totaler Fan von Onlinebanking. Ich freue mich richtig, wenn ich eine Rechnung erhalte!

Sind Sie so schweizerisch, dass Sie die RS machen?
(seufzt laut) Sport ist nix für mich.

Was hat denn die Rekrutenschule mit Sport zu tun?
Na, was wohl? Der 25-Kilometer-Marsch! Das kann ich nicht.

Da würden Sie aber ein bisschen abnehmen!
Ich kann im Fall auch anders abnehmen, hallo? Ne, das Militär ist nix für mich. Ich mag Waffen nicht. Vielleicht mache ich Zivildienst, das würde mich interessieren.

Bajra wuchs in einer, wie er sagt, «arbeitsamen» Familie auf. Sein Vater hat sich bis zum Abteilungsleiter in der Coop-Fabrik hinaufgearbeitet, seine Mutter führt das gesamte Reinigungspersonal im Prime Tower. «Ich bin sehr stolz auf sie», sagt er. Sein Ziel sei, dass seine Eltern eines Tages nicht mehr arbeiten müssten, dass er sie versorgen könne. Das wird vielleicht tatsächlich bald möglich: Sponsoren wie Emmi und Samsung haben Bajra als Aushängeschild engagiert. Er habe auch schon ein Angebot von einer Bierfirma erhalten, sagt er, «im hohen fünfstelligen Bereich» – das habe ihn schon in Versuchung gebracht. «Aber ich kann doch meine 14-jährigen Fans nicht zum Biertrinken animieren.»

Über Ihre Videos «Schwizer und Uslender» lachen alle, doch das Klima gegenüber Ausländern hat sich hierzulande verschärft. Die Minarett-Initiative wurde angenommen, ebenso die Ausschaffungs- und die Masseneinwanderungs- Initiative. Fühlen Sie sich seither weniger akzeptiert in der Schweiz?
Überhaupt nicht. Ich bin ja von hier, ich bin Schweizer! Christoph Blocher kann mich gar nicht ausschaffen! (lacht)

Ihre Videos sind selten politisch. Warum?
Politik hat mich nie interessiert und wird mich nie interessieren.

Gehen Sie abstimmen?
Leider nein.

Ach, Bendrit.
Ich weiss. Aber ich habe auf Facebook etwas zu den Wahlen geplant. Es kann ja nicht sein, dass nur die älteren Menschen wählen und wir Jungen zu ignorant dafür sind.

Religion ist in Ihren Videos auch nie ein Thema.
Für mich hat Humor klare Grenzen: Über Religionen würde ich nie Witze reissen.

Die Mohammed-Karikaturen finden Sie nicht lustig?
Überhaupt nicht. Ich finde sie geschmacklos.

Unser Gespräch ist zu Ende, die Kellnerin kassiert ein. «Ich übernehme das», sage ich. Bajra wirft sich dazwischen: «Kommt nicht infrage!», streckt der Kellnerin das Geld hin und ruft: «Hey, Sie sind hier in Schwamendingen plus Sie sind eine Frau – ich muss Sie einladen!»

Jetzt kommt aber der Albaner in Ihnen durch!
Ich kann mich doch nicht von einer Frau einladen lassen, hallooo? Das gaht nöd.

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