Meinung

Copy & Post: Instagram schadet dem persönlichen Stil

Redaktion: Viviane Stadelmann; Foto: Getty Images

Warum persönlicher Stil durch Instagram verschwindet

Influencerinnen bestimmen über Instagram das Konsumverhalten der modeinteressierten Digital Natives – und beeinflussen damit unseren Geschmack. Das schadet der Kreativität und dem persönlichen Stil, findet unsere Autorin.

Kürzlich besuchte ich einen Presse-Event eines bekannten Brands. Zwischen Prosecco und Begrüssungsküsschen schnappte ich ein Kompliment an eine Influencerin für ihr Outfit auf: «Ein cooler Look! It’s so Kendall!» Gemeint war Kendall Jenner. Ich schauderte. Was fand ich schlimmer: Als Influencerin von einem Publikum, das sich beruflich mit Mode beschäftigt, als ein Kardashian-Copycat bezeichnet zu werden? Oder das modebewusste Publikum selbst, das bei solch einer Referenz zustimmend lächelt und nickt?

Doch deswegen das Infuencertum pauschal zu verteufeln, wäre abgeschmackt und ungerechtfertigt. Die sozialen Plattformen können durchaus als Inspirationsquelle dienen. Das Problem sind nicht die sozialen Medien im Allgemeinen, nicht Instagram selbst und nicht die Influencerinnen allein, die gesponserte Looks präsentieren, sondern viel mehr der gesamte Mechanismus, der in Gang gesetzt wird. 

Werfen wir einen Blick zurück: Als Marlene Dietrich in den 1930ern als eine der ersten Hollywood-Stars in Hosen fotografiert wurde, wollten es ihr viele Frauen gleichtun. Doch abseits der Modemetropolen war es schwierig, solche zu kaufen – ganz abgesehen davon, dass es vielerorts gesellschaftlich noch nicht akzeptiert war. Man musste sich Hosen schneidern lassen und sich überlegen, ob einem der Schnitt und die Farbe steht, ob man etwas Bestehendes in seiner Garderobe zum Kombinieren hatte. Die Begeisterung für ein einzelnes Stück musste gross sein, um diese Hürden zu überwinden.

Einige modische Dekaden später, in meinen Teenagerjahren, war die Popkultur der Nullerjahre auf ihrem Höhepunkt. Ich erinnere mich an Britney Spears und Justin Timberlake, die im legendären Jeans-Partnerlook auf dem roten Teppich der AMAs aufkreuzten. Meine Freundin und ich suchten in den Läden wochenlang nach gebleachten Jeansteilen. Irgendwann fand ich einen Jupe und sie ein Gilet. Rückblickend war beides schrecklich. Wir trugen die Teile (leider) lange, mit der stolzen Brust einer Entdeckerin auf Forschungsreise. Natürlich haben wir uns wie jeder Teenager an Stars orientiert – und die modische Herausforderung war nicht mehr so beschwerlich wie in den 1930ern. Aber auch wir mussten suchen, ausprobieren und eine Menge Fashion-Fauxpas durchstehen. Doch nur so ist es möglich, zu seinem Stil zu finden. Was aus dieser Zeit blieb, war eine Mode-Lektion, die ich mir gemerkt habe: Nur weil du dich in Britneys Jupe gequetscht hast, rennt dir kein Justin hinterher.

Und heute? Heute streifen wir nicht mehr wochenlang durch die Läden, sondern scrollen einige Stunden durch Instagram. Die Suche nach dem persönlichen Stil weicht der Suche nach den passenden Influencerinnen. Auf der Plattform werden uns täglich auf dem Silbertablett perfekte Outfits präsentiert. Durch Brandkooperationen und verknüpfte Shops dauert es nicht mehr als zwei Klicks und zwei Tage, schon tragen wir den gleichen Look wie Kendall, Gigi oder Hailey. Der Influencer-Mechanismus ist ein Gegenspieler zur eigenen Kreativität. Mode ist zu einfach geworden. Wie ein Ikea-Bett, das man sich nach Hause liefern lässt und mit Montageservice bestellt, statt sich selbst mit den Schrauben herumzuschlagen.

Was bleibt, ist ein fader Einheitsbrei. Marken können über Nacht einen derartigen Hype auslösen, dass von New York bis Hongkong plötzlich alle die gleiche Tasche tragen. Wir schnüren uns die gleichen Sneakers, trinken die gleiche Hafermilch im Flat White, besuchen dieselben Reisedestinationen, küssen mit denselben aufgespritzten Lippen. Unser Stilverständnis hat sich gewandelt. Nicht mehr das Aussergewöhnliche ist spannend, sondern wer den nächsten Trend als Erster trägt. Das führt dazu, dass man sich schnell wieder langweilt, sobald alle gleich aussehen. Ein verhängnisvoller Konsumkreislauf, bei dem nicht nur unser persönlicher Stil auf der Strecke bleibt, sondern auch moralische Grundsätze.

Doch ich möchte mich nicht mit dem «Früher-war-alles-Besser»-Rumgeheule aufhalten. Lassen Sie uns einfach wieder kreativ und mutig sein! Feiern wir Fashion-Fauxpas und persönliche Entwicklung. Probieren wir mehr aus, statt dem Stil anderer nachzujagen. Nutzen wir die Vorteile von Instagram, um unseren Blick zu schärfen, und nicht als modisches Diktat. Weniger #habenwollen, dafür mehr Wühlen im Kleiderschrank. Da entdeckt man nämlich aus Altem plötzlich wieder neue Kombinationen, über die man sich selbst wundert. Und ein simples «Das steht dir super!» hört sich doch auch viel schöner an, nicht?

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