Heft 10/14

Interview: Kylie Minogue über Älterwerden, Brustkrebs und Starsein

Interview: Gabriela Herpell, Bild: Getty Images

Kylie Minogue

Der australische Popstar Kylie Minogue über ihre weiche Seite und harte Drinks. Und wie sie als emanzipierte Frau mit ihrem Image als Sexsymbol umgeht.

ANNABELLE: Hallo. Kylie oder Frau Minogue?
KYLIE MINOGUE: Kylie. An der Hotelréception ist es natürlich Frau Minogue. Aber ich verstehe mich selbst als Kylie.

Also: Kylie, wie geht es Ihnen heute, auf einer Skala von eins bis zehn?
Mental würde ich sagen, ist es eine Neun. Körperlich eine Fünf, ich bin stark erkältet.

Neun ist ziemlich gut. Was fehlt zur Zehn?
Nichts, was mir jetzt einfallen würde. Aber es ist immer gut, ein bisschen Luft nach oben zu haben. Entschuldigen Sie, aber ich gucke ständig aufs WC, ich muss die Tür mal eben zumachen. Ist ja kein so schöner Anblick.

«Kiss Me Once», Ihr neues Album, ist Ihre Nummer 15, das erste ist 1988 erschienen. Macht es Sie noch nervös, eine Platte auf den Markt zu bringen?
Nervös war ich eher letztes Jahr, bei den Aufnahmen. Ich habe das Management gewechselt, bin jetzt bei Roc Nation. Und habe zum ersten Mal mit Pharrell Williams gearbeitet. Aber man kann es sowieso nie allen recht machen.

Würden Sie es denn gern allen recht machen?
Mein Publikum ist so heterogen, die Leute haben so unterschiedliche Geschmäcke, da muss ich schon an alle denken. Und ich bin glücklich mit der Platte.

Ist das die Hauptsache? Oder kränkt Sie schlechte Kritik?
Wenn ich dagegen immun wäre, könnte ich gleich aufhören. Es ist ja ganz natürlich, sich zu wünschen, dass die Leute das, womit man rausgeht in die Welt, mögen. Es ist ganz natürlich, gut sein zu wollen. Und da kränkt schlechte Kritik heute wie am ersten Tag. Unter hundert Kritiken tut die eine schlechte immer noch weh. Auch wenn ich mich stets darum bemühe, alles positiv zu sehen.

Sie sagen erstaunliche Dinge über sich selbst, zum Beispiel: «Ich bin eine freundliche Miezekatze in einem Musikbetrieb, der immer verbissener wird.» Warum so defensiv?
Ich gehe spielerisch an Dinge heran und kann damit leben, dass ich manchmal als naiv bezeichnet werde. Aber ich bin auch sehr entschieden. Ausserdem hat eine Miezekatze Krallen und Zähne.

Werden Sie in zehn Jahren immer noch Kylie sein?
An solche Dinge denke ich immer nur, wenn ich danach gefragt werde. Und ich werde danach gefragt, seit ich 19 bin. Damals hatte ich keine Ahnung. Heute habe ich keine Ahnung.

Anders gefragt: Sie sind 45, in einem Business, das immer verbissener wird. Macht das Alter Ihnen Angst?
Ganz allgemein gesprochen macht es mir so viel Angst wie allen anderen auch. Vor allem weil die Eltern alt werden. Auf das Showgeschäft bezogen macht es mir nicht besonders viel Angst. Auch wenn ich seit 25 Jahren dasselbe tue, habe ich gerade sehr viel Energie.

Das Alter entwertet Frauen stärker als Männer, gerade im Showgeschäft.
Sicher, Frauen werden diskriminiert, da kann ich nicht widersprechen. Gerade was das Aussehen betrifft, ist es für eine Frau viel härter, alt zu werden, als für einen Mann. Und das Aussehen ist wichtig für mich, auch klar. Aber was kann ich machen? Ich kann die Zeit nicht anhalten. Ich gebe mein Bestes. Und ich jammere nicht darüber. Es sind immer die anderen, die vom Alter anfangen. Früher war das kein Thema, plötzlich ist es eins. Und das liegt nicht an mir.

Sie wurden allerdings schon gefragt, ob Sie Angst vor dem Alter haben, da waren Sie 28.
Das ist eine Schande, finden Sie nicht? Da verschwenden Leute ihr ganzes Leben mit diesem Gejammer übers Alter. Ich habe mir mit 28 darüber keine Sorgen gemacht. Jetzt bin ich Mitte 40. Eine 4 davor, ui! Ganz ehrlich: Egal, ob du 28 bist oder 45, du hast gute und du hast schlechte Tage.

Bei Ihnen wurde vor fast zehn Jahren Brustkrebs diagnostiziert. Kann Sie seitdem so etwas wie das Alter noch weniger schrecken?
Es fällt mir sehr schwer, solche Fragen zu beantworten. Krebs zu haben, das passiert dir nicht einfach so und geht wieder weg. Ich denke nur selten an die Ängste zurück, die ich hatte. Denn das Trauma bleibt in dir, und solche Gedanken lassen es nur nach oben schwappen.

Haben Sie damals gedacht: Verdammt, warum ausgerechnet ich?
Ich habe mir vorher nie eingebildet, dass mir das nicht passieren könnte. Ich habe sogar, angesichts der Zahlen, die ich gelesen habe, manchmal gedacht: Man muss richtig Glück haben, um keinen Krebs zu kriegen. Ich hatte das Glück dann nicht. Aber sonst hat das Leben es immer gut mit mir gemeint. Da ist kein Ärger in mir.

Werden Sie nie wütend?
Himmel, natürlich werde ich wütend. Glauben Sie, ich würde ständig auf Wolken schweben? Aber wenn es mir schlecht geht – und es geht mir auch öfter mal schlecht, ja –, versuche ich, schnell wieder besser draufzukommen. Was tun Sie, um schnell besser draufzukommen? Ich arbeite und lenke mich ab. Ablenkung ist grossartig.

Ist Arbeit Ablenkung?
Arbeit ist Leidenschaft und Ablenkung, ja.

Sie sind ein Arbeitstier. Nach dem Jahr, in dem Sie operiert und therapiert wurden, sind Sie auf Tour gegangen – und mussten vor Erschöpfung abbrechen. Da haben Sie sich schuldig gefühlt. Warum?
Das war das Konzert in Manchester, ein schwieriger Moment. Ich war frustriert, weil ich so kurz vor Ende der Tour aufgeben musste. Ich hatte es beinahe geschafft.

Sie haben auf der Bühne geweint.
Ja, ich habe die Fassung verloren. Als ich später wieder nach Manchester kam, habe ich gefragt, wer von den Zuschauern letztes Mal da war. Es haben sich sehr viele gemeldet.

Sie inszenieren sich als Sexsymbol. Sind Sie das gern?
Das ist Teil meiner Rolle. Ich bin Unterhalterin. Und ja, als Künstlerin bin ich gern ein Sexsymbol. Ich meine, ich gehe ja nicht nachhause in den Klamotten. Auf Tour erfinde ich eine Figur, die die Leute zum Träumen bringt.

Gibt es sonst noch etwas, das Sie der Welt, als Frau, vermitteln möchten?
Sie möchten wissen, wie ich dieses Image mit mir als selbstbestimmter Frau vereinbare, nicht wahr? Ich leiste meinen Teil als emanzipierte Frau. Und ich halte uns für modern genug, dass wir uns vom typischen Look der emanzipierten Frau oder der Feministin befreien können. Ich bin dafür, dass Männer und Frauen dieselben Möglichkeiten haben. Und ich weiss, dass das nicht überall gegeben ist. Ich bewundere die Leute, die dafür kämpfen. Ich versuche, meinen kleinen Teil dazu beizutragen.

Was ist der Teil, den Sie beitragen möchten?
Ich verdiene mein Geld. Ich habe meine Karriere entschieden verfolgt. Ich habe mich nicht als benachteiligt empfunden in der Unterhaltungsindustrie als Frau. Aber ich habe das Gefühl, dass Frauen mich für das, was ich geleistet habe, bewundern. Und manchmal denke ich, dass ich vielen Frauen durch den Krebs näherkam.

Warum denken Sie das?
Da haben die Leute gemerkt, dass ich ein Mensch bin. Dass ich genau so bin wie sie, auch wenn ich zufällig einen anderen Job habe als sie. Ich kann Krebs kriegen, und mir fallen dann auch die Haare aus. Wissen Sie, mir ist vor allem wichtig, die Menschen zu inspirieren. So wie ich inspiriert wurde – als achtjähriges Mädchen stand ich in der Menge bei einem Konzert und dachte: Wow, das möchte ich auch können. Ich möchte sein wie Olivia Newton John. Das war mein Traum, und er ist ziemlich wahr geworden.

Trifft es Sie, wenn man Ihnen vorwirft, zu nett und harmlos zu sein?
Es trifft mich nicht, nein. Eher frage ich mich, was dagegen einzuwenden ist. Die Leute, die mit mir arbeiten, wissen, dass ich alles für ein offenes, herzliches, fröhliches Miteinander tue, in dem man sich öffnen und in dem man aufblühen kann. Das heisst nicht, dass ich alles mit mir machen lasse. Die Show muss gut sein, und ich verlange viel von meinen Mitarbeitern. Aber es liegt nicht in meiner Natur, ein Tyrann zu sein. Oder vielleicht bin ich ein Tyrann und weiss es nur nicht. Denn ich bin ja der Boss.

Sie schreiben Ihre Texte nur selten selbst. Reizt Sie das nicht? Wären Sie dann nicht authentischer?
Klar, wenn die Leute denken, du singst über dein Leben, berührt sie das natürlich stärker. Aber ich arbeite halt ganz anders. Ich beschäftige die besten Songschreiber, so wie ich die besten Beleuchter beschäftige. Ich bin nicht Joni Mitchell, kann mir nicht meine Gitarre schnappen und auf die Bühne steigen. Ich bin abhängig von vielen Leuten, die mit mir arbeiten und meine Auftritte ermöglichen. Ich liebe es, mit einem Team Ideen zu entwickeln. Ich bin keine Einzelkämpferin.

Haben Sie eine geheime wilde Seite?
Natürlich hatte ich meine wilden Momente. Und nicht mal wenige davon. Davon ist nur nie die Rede.

Bitte, dann erzählen Sie von Ihren langen Nächten.
Ich werde da jetzt sicher nicht ins Detail gehen. Aber ich glaube, die Leute gehen schon davon aus, dass ich nicht nur die brave Kylie bin und nichts als Tee trinke. Sonst könnte ich mich wohl kaum auf der Bühne so zeigen, wie ich das tue, und dabei glaubwürdig sein. Die Zeit der Clubs ist allerdings vorbei.

Wohin gehen Sie jetzt?
Ich bin wohl eher in der Bar-Phase. Wodka Tonic. Oder Wodka Martini. Simpel, elegant, effektiv. Für Wein habe ich keine Zeit.

— Kylie Minogue: Kiss Me Once (Warner).
Am 17. November kommt Kylie Minogue auf ihrer «Kiss Me Once»-Tour ins Hallenstadion Zürich

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