Kolumne

Kolumne aus New York: Wie Bruno Ziauddin den FQ erfand

Illustration: Antony Hare

Bruno Ziauddin

Wofür FQ steht, erklärt Ihnen der stellvertretende Chefredaktor der annabelle Bruno Ziauddin, der mit seiner Familie ein Jahr in New York verbringt. 

Alle Welt kennt den Intelligenzquotienten (IQ). Seit einigen Jahren ist auch EQ, Emotionale Intelligenz, ein Begriff. Vielleicht wird bei Wikipedia dereinst über mich stehen: Begründer des FQ. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse.

FQ steht für Fussgängerintelligenz. In meiner Heimatstadt Zürich ist der FQ niedrig. In New York ist er hoch. Typisch Zürich: Man hetzt an der Fraumünsterpost vorbei zur S-Bahn. Dichter Fussgängerfeierabendverkehr. Der Mensch, der vor einem geht – gewissermassen der Vorgänger –, macht einen gesunden, zurechnungsfähigen Eindruck. Aber eben, manchmal trügt der Schein. Der Vorgänger unterbricht seinen Gang so abrupt, als habe er sich soeben den Ischiasnerv eingeklemmt. Oder als sei er von einem Kantonspolizisten angebrüllt worden: «Stehen bleiben, oder ich schiesse!» Aber nein, Fehlalarm. Der Vorgänger glaubt bloss, etwas gehört zu haben. Düdelidüdumdum. Ein Handy! Vielleicht: sein Handy? Also: Vollbremsung und gemütlich in der Tasche kramen. Aha. Nicht sein Handy. Also: Ellbogen maximal ausklappen und Handy wieder in der Tasche verstauen.

Typisch New York: Man hetzt mit dem Kinderwagen den Broadway hinunter. Man ist zu spät dran, weil es zwanzig Minuten gebraucht hat, den reizenden Sohn, der in der Blüte des Trötzlialters steht, dazu zu bringen, seine Schuhe anzuziehen. Der Kinderwagen hat schön Fahrt aufgenommen, vielleicht schafft man es gerade noch über die Grosskreuzung an der 96. Strasse, bevor die Ampel auf Rot stellt. Man rollt unter dem Baugerüst durch, dessen Stützpfosten das Trottoir in zwei schmale Durchgänge unterteilen. Oh weh! Am gegenüberliegenden Ende des Durchgangs taucht ein offensichtlich ebenfalls in Eile befindlicher Businessherr mit Rollkoffer auf. Unmöglich, dass wir es schaffen, aneinander vorbeizueilen. Der Businessherr blickt kurz auf, erfasst sofort die Situation und nimmt den anderen Durchgang. So viel FQ! Ich hätte den Mann umarmen können.

Nicht im Wachkoma durch die Strassen latschen; Seitenblick, bevor man die Richtung ändert; ja kein Verkehrshindernis für die anderen sein: Das ist hier Fussgänger-Ehrensache. Die anderen, das sind übrigens nicht nur die Mitfussgänger. Sondern auch Velofahrer und Automobilisten. Auch interessant: Menschen mit Kinderwagen wird der Vortritt wie selbstverständlich überlassen. Im Gegenzug verzichten Mütter und Väter darauf, ihren Kinderwagen als Kampfpflug einzusetzen. All dem liegt ein grossstädtisches Prinzip zugrunde, das hier bereits vor ein paar Wochen zur Sprache gekommen ist: gegenseitige Rücksichtnahme. Nicht weil die New Yorker bessere Menschen sind, sondern weil das Zusammenleben in derart dichten Verhältnissen sonst nicht funktioniert.

Das permanente Bestreben nach Rücksichtnahme, um endlich wieder mal etwas Negatives über die Amis zu sagen, weist bisweilen neurotische Züge auf. Zum Beispiel, wenn bereits Zweijährigen beigebracht wird, sofort «sorry» zu sagen, wann immer sie sich beim Herumtollen auf dem Spielplatz ein bisschen in die Quere kommen. Aggressionsgehemmtheit diagnostiziert der Kolumnist und Hobbypsychologe.

Im Strassenverkehr allerdings ist das Vermeiden aggressiven Verhaltens uneingeschränkt ein Segen. Die wikipediawürdige Formel für diese Erleichterung des Alltags lautet: IQ + EQ = FQ.

Grüsse aus der Schweiz werden erbeten an: MeinNewYork@yahoo.com

Getreu dem Motto «Geh, wohin deine Liebste dich mitnimmt» ist Bruno Ziauddin seiner Frau für ein Jahr nach New York gefolgt. Was ihm dort besonders gefällt: der rücksichtsvolle Umgang in den ständig vollen Strassen und Läden. Die kleinste Berührung und schon kommt ein «I’m sorry»: «Das gibts in Zürich nicht.» Bruno Ziauddin ist stellvertretender Chefredaktor der annabelle, Buchautor und zwischenzeitlich «Unser Mann in New York». Die Kolumne wird von Antony Hare illustriert, der regelmässig für die Zeitschrift «The New Yorker» arbeitet.

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