Das Kompliment

Liebe Mariana Leky

Text: Kerstin Hasse; Foto: GettyImages

Mariana Leky

Sommerferien sind erst dann richtig gut, wenn die Lektüre stimmt. Es gibt, wie ich finde, fast nichts Schöneres, als am Strand ein Buch aus der Tasche zu kramen und – mit dem Meeresrauschen in den Ohren – vom Liegestuhl aus in eine andere Welt einzutauchen. Aber das gelingt natürlich nicht mit allen Büchern gleich gut. Vor zwei Jahren war es Hanya Yanagiharas Roman «Ein wenig Leben», der mich durch Sizilien begleitet hat. Keine leichte Lektüre, aber eine, die bewegt und aufrüttelt und einen nicht mehr so schnell loslässt. In diesem Jahr habe ich grosse Hoffnungen, dass mich Sally Rooneys «Gespräche unter Freunden» unterhalten wird. Fast immer habe ich auch noch einen «Montalbano» im Gepäck, der tolle Andrea Camilleri ist ja leider vor wenigen Wochen verstorben. Seine Kriminalromane sind immer ein guter Begleiter – vor allem für den Italienurlaub. Denn keiner umschreibt italienische Köstlichkeiten mit so viel Leidenschaft wie Camilleri. Meine Ferienbücher leiden immer ein wenig, aber das finde ich nicht weiter schlimm. Denn der Sand zwischen den Seiten, die Flecken von Sonnenmilch und Rotwein und das durchlebte Cover zeigen, dass dieses Buch seinen Zweck erfüllt hat.

Meine Sommerferien vor einem Jahr habe ich in Kalabrien verbracht. Und dank Ihnen, liebe Mariana Leky, waren sie besonders schön. Sie haben ein kleines, feines Büchlein verfasst, das den schönen Titel «Was man von hier aus sehen kann» trägt. Das Buch wurde mir in meinem Zürcher Lieblingsbuchladen, der Buchhandlung Volkshaus, empfohlen. Das sei ein ganz spezielles Büchlein, sagte mir der nette Herr und lachte verschmitzt. «Ich will gar nicht zu viel verraten, aber Sie werden es lieben.»

Er hatte recht. Mariana Leky, Ihr Buch ist so schön, so wundersam und poetisch, so feinfühlig und fantastisch. Die Geschichte, die Sie erzählen, ist ein kleines Märchen. Sie handelt von einem Mädchen, Luise, und ihrem Leben in einem kleinen Dorf im Westerwald. Dieses Leben ist voll von liebevoll gezeichneten Figuren, die alle ein wenig eigen sind, die auf ihre ganz seltsame Art und Weise das Leben in den Angriff nehmen, die lieben und trauern und nach ihrer Vorstellung des Glücks suchen. Ein Okapi, das Luises Grossmutter Selma (was für eine tolle Frauenfigur in dieser Geschichte!) im Traum erscheint, nimmt eine ganz spezielle Rolle ein. Ausgerechnet ein Okapi, diese seltsame bunte Waldgiraffe, von der wohl niemand so aus dem Stegreif weiss, wie sie aussieht. Aber es muss eben ein Okapi sein, das merkt man, wenn man Ihr Buch liest. Denn kein anderes exotisches Tier würde in diese wundersame Westerwald-Szenerie passen.

Was mich ganz besonders verzauberte an ihrem Roman, ist Ihre Sprache. Sie zeichnen wunderbare Bilder und Ihre Liebe für Details lässt einen als Leser so nah an das Geschehen heran. Ihre sorgfältige, sanfte Sprache umarmt einen, man kann sich in ihr fallen lassen, sich ausruhen. Ich habe mich sicher gefühlt in diesem Buch, geborgen auf jeder einzelnen Seite. Weil in dieser poetischen Welt, die Sie erschufen, jedes Wort am richtigen Platz scheint. 
Es gab einige Momente in Ihrem Buch, die mich zu Tränen rührten – manche Menschen mögen das nicht, ich aber mag es, wenn mich eine Geschichte so bewegt. Nicht nur das Buchcover soll bei der Lektüre leben und sich verändern, sondern auch ich. Diese Tränen zeigen, dass das Buch seinen Zweck erfüllt hat. Ich habe aber auch ganz oft gelacht. Ihr Humor ist leise und nicht platt und er hat mir das Herz erwärmt:

«Während wir auf den Zug warteten, hob mich Martin hoch. Martin übte schon Seite dem Kindergarten Gewichtheben, und ich war das einzige Gewicht, das immer greifbar war und sich anstandslos hocheben liess. Die Zwillinge aus dem Oberdorf liessen das nur gegen Bezahlung zu, zwanzig Pfennig pro hochgehobenen Zwilling, an den Erwachsenen und den Kälbern scheiterte Martin noch, und alles andere, was eine Herausforderung hätte sein können, zarte Bäume, halbstarke Schweine, war festgewachsen oder lief davon.»

Liebe Mariana Leky, Ihr kleines Buch, ist mir mittlerweile eines meiner liebsten in meinem Bücherregal. Ich empfehle es jedem, ich habe es schon weiterverschenkt und ich könnte mir gut vorstellen, dass es auch dieses Jahr in meinem Koffer landet. Louise und die anderen Dorfbewohner sollten mehr «Welt hereinlassen», sagt Louises Vater im Buch regelmässig. Er meint damit, sie sollten ausbrechen aus ihrem kleinen Westerwald, aus ihrem Alltag und ihren Gewohnheiten. Ich erlaube mir, dieses Zitat ein wenig abzuändern. Ich finde, die meisten Menschen sollten ein wenig mehr Poesie in ihr Leben hereinlassen. Ihr Buch ist ein guter Anfang dafür.

Herzlich,
Kerstin Hasse

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