Essay

Liebe in Zeiten von Youtube und Boulevardpresse

Text: Charlotte Theile; Foto: Getty Images

Meghan Harry

Unsere Autorin verfolgt manche Liebesgeschichten gern aus der Ferne. Nicht, weil sie ihrem eigenen Ideal entsprechen, sondern, weil sie ihr aufzeigen, welche Möglichkeiten es für die Liebe auf dieser Welt gibt – selbst in Königshäusern. 

Ich folge eigentlich nur drei Youtuberinnen. Vor einem halben Jahr hätte ich gesagt, ich habe mir diese drei ausgewählt, weil sie so unterschiedlich sind. Eine macht Comedy, eine empfiehlt kluge Bücher und Filme, die dritte spricht über Self-Love, Ernährung und Sex. Die drei Frauen sind unterschiedlich alt, leben auf unterschiedlichen Kontinenten, gehören unterschiedlichen Religionen an. Seit einigen Monaten aber läuft auf allen drei Kanälen das gleiche Programm: Alle drei planen gerade ihre Hochzeit. Ich muss zugeben, das irritiert mich.

Nicht nur, weil eine der drei Youtuberinnen bisexuell ist und bis vor Kurzem als experimentierfreudiges Single Girl auf Gay Parades mitgelaufen ist. Auch nicht, weil sich die andere gerade noch darüber lustig gemacht hat, dass alle ihre Freundinnen heiraten und aufs Land ziehen würden. Erstens würde ich für das Recht, seine Meinung zu ändern, jederzeit auf die Strasse gehen – und zweitens mag ich jede Einzelne so gern, dass ich ihnen ihr Glück absolut gönne. Was mich stört, ist diese krasse Gleichförmigkeit.

Ich sehe sie nicht nur auf Youtube, sondern auch in meinem Freundeskreis. Ich weiss nicht, wie oft ich mit Freundinnen beim Wein zusammensass und über unsere Träume gesprochen habe. Je später es wurde und je ehrlicher wir über unsere Bedürfnisse redeten, desto klarer wurde: Wenn vier Frauen zusammensitzen, gibt es etwa ein Dutzend Wege zum Glück. Eine möchte Kinder, zwei wollen keine, eine ist sich noch nicht ganz sicher. Eine setzt auf Karriere, die andere will ein Haus in der Nähe ihrer Eltern kaufen, die dritte möchte in erster Linie als Skilehrerin weiterkommen, die vierte sagt, solang sie einen Reitstall in der Nähe hat, sei alles andere egal. Dass all diese Frauen plötzlich anfangen, über Hochzeitskleider, Gästelisten und Babynamen zu sprechen? Ausgeschlossen.

Doch die, die sich sicher sind, dass zu ihrem Lebenstraum weder ein weisses Kleid noch ein anderer Nachname gehört, sind es inzwischen gewohnt, sich zu rechtfertigen. Je häufiger man das tun muss, desto einfacher haben es Selbstzweifel. Ob sie das nicht «irgendwann bereuen» werde, wurde eine Freundin von mir kürzlich gefragt. Ironischerweise ist es die Frau, die sich wohl viele Mädchen zum Vorbild nehmen würden: Sie ist klug, erfolgreich und hat eine der glücklichsten Beziehungen, die ich kenne. Sie will nur einfach keine Kinder. Das wäre eigentlich zum Lachen. Meistens bereut man vor allem die Momente, in denen man nicht auf sich selbst gehört hat, die Momente, in denen man versucht hat, es anderen recht zu machen. Nicht die Entscheidungen, bei denen man sich selbst treu geblieben ist.

Ich möchte mit all dem nicht sagen, dass die Freundinnen und Youtuberinnen, die irgendwann auf den klassischen Weg eingeschwenkt sind, Hochzeiten planen, Kinder bekommen und sich ewige Treue schwören, nur den Erwartungen anderer genügen wollen. Doch ich glaube, dass wir die Freiheiten, die wir auf dem Papier haben, viel selbstbewusster nutzen sollten. Und ich freue mich über alle, die sich das trauen – über Meghan und Harry, die den alten Traum vom Leben als Prinzessin als den Alptraum entlarven, der er für viele Frauen ist. Über Heidi und Tom, die zwar jetzt Kaulitz heissen, aber im Übrigen so ziemlich alle Bilder durcheinander wirbeln, die wir so von Promi-Ehen zwischen Models und Musikern haben. Über Dominique Rinderknecht und Tamy Glauser, die ganz lässig zeigen, wie ein Powercouple heute auch aussehen kann.

Dass wir uns mit diesen Paaren so exzessiv beschäftigen, ist für die Paare selbst vermutlich verdammt anstrengend. Ständig auf seine sexuelle Orientierung, den Altersunterschied oder den grossen Traum vom Königshaus angesprochen zu werden, wer will das schon. Auch sonst ist so ein Leben als Beispiel-Paar schwierig: Wenn sich Meghan und Harry trennen sollten, werden Tausende Menschen darin den Beleg sehen, dass starke Frauen in einer Beziehung kaum erträglich sind. Wenn Heidi irgendwann wieder Klum heisst, ist natürlich das Alter schuld.

Trennt sich dagegen ein ganz normales Hetero-Pärchen, fragt sich niemand, ob da zwei Menschen vielleicht einfach nur einem Bild hinterhergelaufen sind, dass gar nichts mit ihnen zu tun hatte. Ein Bild, das so stark ist, dass man fast glauben könnte, es würde für alle passen. Doch das tut es nicht. Und so anstrengend die Boulevardpresse für diese Paare ist – das grosse Interesse an ihnen zeigt auch, dass sich viele nach neuen Ideen sehnen, sich dafür interessieren, welche Möglichkeiten es für die Liebe noch so geben könnte. Ich glaube: Wir sind da gerade erst am Anfang. In den nächsten Jahren wird es immer mehr Bilder geben, an denen man sich orientieren kann – und immer mehr Freiheiten, etwas völlig Neues auszuprobieren.

Wenn ich mir meine drei Youtuberinnen anschaue, sehe ich zum Glück nicht nur Hochzeitskleider-Anproben und Junggesellinenabschiede. Sondern auch: Drei Frauen, die sich fragen, wie sie es schaffen, zu heiraten, ohne von Traditionen und Erwartungen erschlagen zu werden. Eine von ihnen hat ihrem zukünftigen Ehemann den Antrag selbst gemacht, statt darauf zu warten. Eine andere wird in einem Secondhandkleid heiraten. Die dritte dagegen fand es grossartig, dass ihr Freund zuerst ihren Vater um Erlaubnis gefragt hat, bevor er mit einem Ring in der Hand vor ihr auf die Knie gegangen ist. Und auch wenn ich dabei eigentlich die Augen verdrehen würde, freue ich mich für sie. Denn ich habe, so aus der Ferne, das Gefühl, sie lebt tatsächlich ihren Traum.

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