Meinung

Lippenstift-Bekenntnis

Text: Helene Aecherli, Foto: Unsplash / Ian Dooley

Pinke Lippen pinke Wand

Schliessen sich Feminismus und Weiblichkeit aus? Ganz und gar nicht, findet annabelle-Redaktorin Helene Aecherli (52) und trägt als «ganz Frau» seit neustem wahnsinnig gerne Pink. 

«Sag mal, bist du Feministin?» Die Frage kam unvermittelt, aber das war nicht das, was mich stutzig machte, sondern der Unterton, der darin mitschwang. Er war neugierig, gleichzeitig aber auch abwehrend, so, als suggeriere diese Frage die Zugehörigkeit zu einer ominösen Gruppierung, von der man sich ebenso angezogen fühlt wie abgestossen. Die Frage gestellt hatte eine Bekannte von mir, einige Jahre jünger als ich, selbstbewusst, adrett, einst Kaderangestellte bei einer internationalen Organisation, heute Chefin ihrer eigenen Firma.

«Ja, natürlich», antwortete ich und erklärte, dass ich mich als Feministin für die Gleichstellung von Frau und Mann einsetze, für Lohn- und Chancengleichheit etwa, und mehr noch, für das weltweite Recht von Frauen auf Bildung, auf physische und psychische Unversehrtheit, auf ökonomische Unabhängigkeit. «Und du?», fragte ich zurück. «Bist du Feministin?» Sie blickte verlegen. «Eigentlich eher nicht», entgegnete sie. «Weisst du, du hast ja in allem recht, was du sagst. Aber ich liebe es, weiblich zu sein. Ich liebe schöne Kleider, die meinen Körper betonen, meine Beine, mein Dekolletee, ich liebe es auch, Make-up zu tragen, mich zu parfümieren – ich bin halt einfach gern ganz Frau.»

Ob es mich überraschte, das zu hören? Nicht wirklich, aber es irrtierte mich, ja, beunruhigte mich sogar. Denn die Diskussion um das vermeintliche Gegensatzpaar Feminismus und Weiblichkeit kocht ausgerechnet immer dann hoch, wenn sie angesichts der herrschenden gesellschaftlichen Grosswetterlage irrelevant erscheint. So sind gerade in den letzten Monaten, in denen feministische Debatten um Lohngleicheit, Vaterschaftsurlaub, um eine erhöhte Präsenz von Frauen in Topkadern von Unternehmen, in politischen Ämtern, allen voran im Bundesrat, noch eindringlicher geführt wurden, in meinem Umfeld Stimmen laut geworden, erstaunlicherweise gerade auch Stimmen von jungen Frauen, die sagten: «Feminismus ist wichtig, aber bitte nicht auf Kosten meiner Weiblichkeit.» 

Diese Debatte ist keineswegs neu. Ich wage sogar, zu sagen: Die Annahme, dass Feminismus und Weiblichkeit einander ausschliessende, sich ohne Schnittmenge gegenüberstehende Einheiten sind, ist eines der hartnäckigsten Missverständnisse der Frauenbewegung. Vor zwei Jahren erreichte sie ihren vorläufigen Siedepunkt, als die geballte sozial medialisierte Empörung über die Schauspielerin Emma Watson hereinbrach, weil sie sich unverschämterweise freizügig dekolletiert im Magazin Vanity Fair ablichten lassen hatte. Ihr wurde vorgeworfen, kraft ihrer derart exponierten Weiblichkeit ihre feministischen Ideale verraten zu haben. Uff. «Beim Feminismus geht es um Freiheit, um Befreiung, um Gleichstellung», konterte Watson tapfer. «Ich weiss nicht, was Feminismus mit meinen Brüsten zu tun haben soll. Das ist jetzt echt verwirrend.» 

Nun, nüchtern betrachtet, hat das Anprangern von zur Schau gestellten weiblichen Attributen wie Lippen, Brüste, Haare oder Po oder von körperbetonter Kleidung im feministischen Diskurs durchaus seinen Grund. Frauen wurden und werden noch immer aufgrund ihrer äusserer Erscheinung schubladisert, verniedlicht oder im Falle von sexualisierter Gewalt zu Mittäterinnen gemacht, denn «wer sich so anzieht, wollte es ja so.» Gleichzeitig sind gerade diese sexualisierten Bilder von Weiblichkeit hochpotente Treiber der Mode-, Celebrity- und letztlich auch der Pornoindustrie, die aller emanzipatorischer Anstrengungen zum Trotz, unerschütterlich auf patriarchalen Geschäftsstrukturen gründen.

Diese Argumente wird wohl kaum jemand kleinreden. Wie aber lässt sich nun dieses Missverständnis erklären? Warum löst die Frage «bist du Feministin?» bei manchen Frauen eine Abwehrreaktion aus, mehr noch, diese fast schon trotzige Bekenntnis zur sogenannten Weiblichkeit?

Kann sein, dass sich die feministische Bewegung dieses Missverständnis selbst eingebrockt hat. Dass sich mit der Forderung nach Gleichstellung am Arbeitsplatz, in der Politik und der Familie unwillkürlich auch ein Streben nach äusserer Gleichheit eingeschlichen hat. Will sagen, ein Streben nach dem «Dresscode» der noch immer wirtschaftlich und politisch dominanten Kultur von Maskulinität. Warum sonst haben uniforme Businesskostüme für Frauen noch immer Hochkonjunktur? Warum sonst wird Frauen noch immer nahegelegt, in Stimmbildunsgkursen zu lernen, ihre Stimmen zu senken, damit sie ja nicht mehr klingen wie Frauenstimmen?

Doch gleiche Rechte einzufordern bedeutet nicht, gleich auszusehen oder sich gleich anzuhören!

Höchste Zeit, also, Feminismus und Weiblichkeit endlich miteinander zu versöhnen. Dass wir uns heute noch immer damit herumschlagen, ob ein zur Schau gestelltes Dekolletee, rot geschminkte Lippen oder huch, gar die Farbe Rosa feministisch oder nichtfeministisch sind, und dies von klugen Frauen verinnerlicht und wiedergegeben wird, ist, gelinde gesagt, nur noch ermüdend. Eigentlich müssten wir längst über solche Diskussionen hinweg sein. Denn es geht doch nicht mehr darum, wie sich eine Frau gibt, wie sie sich kleidet, ob sie sich ihre Brüste vergrössern oder verkleinern lässt, ob sie sich schminkt oder nicht oder ob sie gar davon träumt, sich beim Sex ans Bett fesseln zu lassen. Das Eingestehen der eigenen Bedürfnisse ist per se ein emanzipatorischer Akt. Es geht darum, dass eine Frau weder diskriminiert, noch marginalisiert und schon gar nicht sexuellen Übergriffen ausgesetzt wird. Und das wiederum ist ein gesellschaftspolitischer Akt, der mehr denn je jeden erdenklichen feministischen Drive benötigt, heute wie in Zukunft. Sich als «ganz Frau» von feministischem Denken auszuklinken, ist keine Stärkung von Weiblichkeit, als Feministin bei jedem Rosa rot zu sehen, keine Stärkung des Feminismus. Es ist nicht einmal bloss eine Verschwendung, sondern Sabotage.

Empfehlungen der Redaktion

Sprachforschung

«Die ersten Frauenzeitschriften waren elitäre Projekte»

Von Sven Broder

Digitale Post

Das Beste aus unserer Redaktion jede Woche in Ihrer Mailbox

Mehr aus der Rubrik

Mascara

Erzählungen vom Leben auf der Gasse

Von Lara Marty