Alles für die Liebe

Lovestory: Von Indien bis nach Schweden mit dem Fahrrad

Text: Claudia Senn; Fotos: Maria Steen

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Die Liebesgeschichte von PK und Lotta als Fotoroman:

Das erste gemeinsame Bild wurde 1976 in Delhi aufgenommen

PK porträtiert eine schwedische Dame

Lotta mit einer Freundin in Varanasi

Die Hochzeit fand am 28. Mai 1979 statt, exakt zwei Jahre nachdem PK in Schweden angekommen war

«Ich hatte keine Ahnung von Geografie. Ich wusste bloss: Dort, wo die Sonne untergeht, ist meine Frau»: PKs Reise dauerte vier Monate und sechs Tage

«Wir sind eins»: Die 60-jährige Schwedin Lotta und ihr indischer Ehemann PK (65)

Der liebeskranke Inder, der mit dem Velo bis nach Schweden fuhr. Eine Liebesgeschichte.

Wo fällt die Liebe hin? Entscheiden wir selbst, wen wir uns als Herzenspartner aussuchen? Oder sind wir bloss Vollstrecker eines Schicksals, das schon bei unserer Geburt feststeht? Für PK ist das so klar wie die Luft in den Wäldern seiner schwedischen Wahlheimat: Lotta war ihm vorbestimmt, das beweist allein schon die Prophezeiung. Mit vollem Namen heisst PK Jagat Ananda Pradyumna Kumar Mahanandia. Jagat Ananda bedeutet allgemeine Freude, Mahanandia heisst grosse Freude. Mit sämtlichen Anhängseln und Zusätzen hat sein Name sogar ganze 373 Buchstaben. Doch wer kann sich einen solchen Rattenschwanz schon merken? Deshalb nennt er sich der Einfachheit halber bloss PK.

Als PK am Heiligabend 1949 im indischen Bundesstaat Odisha zur Welt kam, liessen seine Eltern einen Astrologen kommen. Mit einem angespitzten Holzstift ritzte der in ein Palmblatt: «Er wird sich mit einem Mädchen verheiraten, das nicht aus dem Stamm, nicht aus dem Dorf, nicht aus dem Bezirk, nicht aus der Provinz, nicht aus dem Bundesstaat und auch nicht aus unserem Land stammt.» Doch das war noch nicht alles. «Seine zukünftige Ehefrau wird musikalisch sein, einen Dschungel besitzen und im Zeichen des Stiers geboren sein», prophezeite der Astrologe.

Die Prophezeiung der Liebe

«Und so kam es dann auch», sagt PK, heute 65, mit breitem, zwei Reihen von perlweissen Zähnen entblössendem Lächeln. Es folgt ein Blick voller Hingabe und Liebesglut zu seiner Lotta (60), die in sich ruhend wie ein Buddha neben ihm auf dem Sofa thront, zierlich und trotz ihrer grauen Haare noch immer mädchenhaft. Sie ist im Zeichen des Stiers geboren, arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Musiklehrerin und ist Mitbesitzerin des Fichtenwalds, in dem wie eine Insel inmitten eines gewaltigen grünen Meers das gelbe Haus der beiden steht, so einsam, dass es der Taxifahrer, der die Reporterin aus der 17 Kilometer entfernten Kleinstadt Borås herbrachte, kaum gefunden hat. Wie der Dschungelbub aus Ostindien und das Hippiemädchen aus den südschwedischen Wäldern vor vier Jahrzehnten zusammenkamen, ist eine Geschichte voller Mirakel, von denen die Prophezeiung noch das kleinste ist. Sie könnte es schaffen, selbst dem hartgesottensten Zyniker den Glauben an die Romantik zurückzugeben. Doch greifen wir nicht vor.

Vor dem prasselnden Cheminéefeuer tischt Charlotta, genannt Lotta, von Schedvin Kaffee und eine Mandeltorte auf, die ihre 87-jährige Mutter extra für den Besuch aus der Schweiz gebacken hat. Dann beginnt sie zu erzählen, wie sie sich im Oktober 1975 auf den Weg gen Osten machte. Die billigen Drogen, die so viele andere nach Indien lockten, interessierten sie nicht, sagt sie, «doch ich war eine Abenteurerin». Lotta stammt aus schwedischem Adel. Das ist dem Haus bis heute anzusehen, neben indischen Textilien und Kunsthandwerk gibt es goldgerahmte Gemälde mit Lottas Vorfahren – eine eklektische Mischung aus Hippieschätzen und antiken Preziosen. Vermögen hat die Familie jedoch, abgesehen vom grossen Waldstück, niemals besessen.

Wie Heerscharen anderer Blumenkinder reiste auch Lotta in einem VW-Bus, grün, Baujahr 1971. Ohne grössere Zwischenfälle durchquerte sie die Türkei, den Iran, Afghanistan und Pakistan, bis sie und ihre Freunde nach 22 Tagen endlich in Indien ankamen.

Schon immer hatte Lotta tiefe Sehnsucht nach Indien empfunden. Als Jugendliche studierte sie die Upanischaden, die vedischen Schriften, und Buddhas Predigten. Mit 18 vertiefte sie sich in die Philosophie des Yoga und war in der Londoner Royal Albert Hall beim Konzert für den Weltfrieden von George Harrison und Ravi Shankar mit dabei. Nun erlebte sie das Land, auf das sie ihr Fernweh so lange projiziert hatte, endlich live – und näherte sich, ohne es zu wissen, schnurstracks der Liebe ihres Lebens.

Armut und Ausgrenzung

Das Indien, in dem PK aufgewachsen war, hatte bestürzend wenig Ähnlichkeit mit Lottas Sehnsuchtsort. Hineingeboren in eine unberührbare Familie, litt er seine ganze Jugend hindurch unter Armut und Ausgrenzung. Mit versteinerter Miene erzählt er, dass er Angehörige höherer Kasten, vor allem der Brahmanen, niemals berühren durfte, um sie nicht zu «beschmutzen». Wie er das Wasser von einem weit entfernten Brunnen holen und in der Schule abseits von allen anderen sitzen musste. Meist spielte er allein – ein Ausgestossener, den man täglich quälte und mit Steinen bewarf und der aus Verzweiflung und Ohnmacht dreimal versuchte, sich umzubringen. Sein Plan, sich vor den Zug zu werfen, scheiterte einzig daran, dass die Eisenbahner gerade streikten.

Doch die Bitterkeit, mit der PK davon berichtet, ist nicht von Dauer. Längst habe er allen verziehen, sagt er, so froh und erleichtert, als spreche er von einer lästigen Familienstreitigkeit und nicht von gesellschaftlichem Unrecht. «Eigentlich müsste ich mich bei jenen, die mit Steinen nach mir warfen, bedanken, denn ohne sie wäre ich nicht hier.»

Zum Glück gab es neben der Unerbittlichkeit des indischen Kastensystems auch noch eine andere Konstante in seinem Leben: sein künstlerisches Talent. Nach dem Schulabschluss ergatterte er ein Stipendium für eine der besten Kunsthochschulen des Landes, das Delhi College of Art. Das monatlich eintreffende Geld landete allerdings bald in den Taschen eines korrupten Beamten, weshalb PK mal im Bahnhof, mal in einer Telefonkabine, mal unter einer Brücke schlief, sich an Müllfeuern wärmte und oft so hungrig war, dass er dem Unterricht kaum folgen konnte. Bis er schliesslich eine Möglichkeit entdeckte, trotzdem über die Runden zu kommen: Er zeichnete beim Springbrunnen im Connaught-Place-Park Porträts wie die Künstler am Pariser Montmartre, neben sich ein Schild: «Zehn Minuten, zehn Rupien.»

Sein Talent sprach sich bald herum. Die Schlange am Springbrunnen wurde länger und länger. Als er durch einen Zufall der sowjetischen Kosmonautin Walentina Tereschkowa begegnete, der ersten Frau im All, wurde der leicht entflammbare PK augenblicklich von Wollust erfüllt. Was für ein Weibsbild, das auf einer schnaubenden Rakete ritt – das musste die Frau aus der Prophezeiung sein! Doch Tereschkowa wollte bloss ein Porträt von ihm, ebenso wie Staatspräsident Fakhruddin Ali Ahmed und schliesslich sogar Ministerpräsidentin Indira Gandhi, die ihn dreimal in ihre Residenz einlud, um sich porträtieren zu lassen. Überraschend klein, aber schön wie ein Filmstar sei sie gewesen, erinnert sich PK in schwärmerischem Ton. Und merkwürdigerweise habe sie ihre Kartoffeln beim Mittagessen selbst geschält. Hatte sie dafür denn keine Bediensteten? All diese Begegnungen sind von Zeitungen dokumentiert, die PK, den Springbrunnenkünstler, bald wie einen Cervelatpromi behandelten.

Liebe auf den ersten Blick

Dann stand eines Tages Lotta in der Schlange vor seiner Staffelei. Um sich vor Augen zu führen, was für grundverschiedene Temperamente bei diesen beiden Liebenden aufeinanderprallen, braucht man Lotta und PK bloss von ihrem ersten Zusammentreffen erzählen zu lassen. Lotta, wohlformuliert und nordisch-zurückhaltend: «Erst hypnotisierte mich sein Talent. Dann rückte der Maler in den Fokus meiner Aufmerksamkeit. Er sah aus wie eine dunkle Version von Jimi Hendrix.» PK, heftig mit den Augen rollend, von Gefühlen überwältigt und um Worte ringend: «Ihre blauen Augen waren wie Röntgenstrahlen. Ich dachte, o mein Gott, sie schaut mich nicht nur an, sie schaut in mich hinein! Ich konnte spüren, wie in meinem Gehirn eine Tür aufging. Ich war krank! Liebeskrank!!» Lotta gab PK für das Porträt zwanzig statt der vereinbarten zehn Rupien, was PK zurückwies. Denn das Doppelte nahm er nur von den Glatzköpfigen, die verlangten, dass er sie mitsamt ihrer bereits verlorenen Haarpracht zeichnete, und Lotta hatte nun wirklich die schönsten Haare der Welt. Dann ging er nachhause und betete zu einer eisernen Ganesh-Figur, dem einzigen Andenken an seine verstorbene Mutter. Er drohte dem elefantenköpfigen Gott der Weisheit und des Wissens, ihn ohne Zögern in den Fluss zu werfen, wenn er die blonde Touristin nicht noch einmal treffen könne. Und siehe da, Ganesh hatte ein Einsehen.

Was ist es, das die beiden so unterschiedlichen Menschen zueinander hinzieht, seit bald vierzig Jahren? «Sein gutes Herz», sagt Lotta, «seine Spontaneität und seine komische Ader. Ohne auf seine Wirkung bedacht zu sein, kann er Dinge so erzählen, dass sich jeder kaputtlacht. Er ist unschuldig wie ein Kind. Wenn er mit sich im Einklang ist, verströmt er eine wundervolle Energie.» PK beginnt erneut heftig zu schnaufen und zu ächzen. Wie soll er in wenigen Sätzen formulieren, was er an Lotta liebt,wenn er doch Jahre darüber sprechen könnte, ohne an ein Ende zu gelangen? «Worte reichen nicht aus, um meine tiefen Gefühle zu beschreiben», bricht es schliesslich aus ihm heraus. Stattdessen erzählt er, wie Lotta, als sie zum ersten Mal in seiner schäbigen Unterkunft übernachtete, seine total verdreckten Hosen wusch, die er vor ihr zu verstecken versuchte. Die Kleidung von einem Unberührbaren, einem Ausgestossenen, der weniger wert war als ein Hund. «Ich sah sie an, sprachlos vor Glück, und ich wusste: Eine Göttin ist zu mir gekommen.»

PK zeigte Lotta die Brücke, unter der er geschlafen hatte, und den Präsidentenpalast, in dem er zum Tee eingeladen war. Und als er es wagte, darauf zu hoffen, dass sie mehr in ihm sah als eine flüchtige Romanze, nahm er sie mit nach Odisha, um sie seiner Familie vorzustellen. Damit waren sie so gut wie verheiratet.

Als es auf den Frühling zuging, machte sich Lotta mit ihren Freunden auf den Heimweg nach Schweden. Schon im Herbst wollte sie wiederkommen, doch Lottas Mutter, in fürchterlicher Angst, ihre Tochter könnte auf Nimmerwiedersehen ins ferne Indien entschwinden, drängte auf den Abschluss einer Ausbildung, und so verzögerte sich das Wiedersehen. PK kam vor lauter Sehnsucht nach seiner Lotta völlig aus dem Tritt. Statt «wie ein Kaiser, der den Himmel berühren kann», fühlte er sich nun «wie ein Luftballon, aus dem das letzte Restchen Luft entweicht». In dieser tristen Verfassung hatte er eine an Tollkühnheit kaum zu überbietende Idee: Wenn Lotta nicht zu ihm kam, musste er eben zu ihr, mit dem einzigen Gefährt, das für ihn bezahlbar war, einem gebrauchten Damenvelo der Marke Raleigh, das er für 60 Rupien erstand. Das Herrenmodell hätte das Doppelte gekostet.

Wusste er überhaupt, wo Schweden liegt? Hatte er eine Vorstellung davon, was es bedeutet, 7000 Kilometer zu radeln? «Ich hatte nicht die geringste Ahnung von Geografie», bekennt PK freimütig. «Ich wusste bloss: Dort, wo die Sonne untergeht, ist meine Frau.» Am 22. Januar 1977 machte er sich auf den Weg, mit einem Reisebudget von 80 US-Dollar und 100 Rupien, im Gepäck einen Schlafsack, eine hellblaue Windjacke, ein paar zusätzliche Hosen, die er von einem belgischen Briefträger geschenkt bekommen hatte, und das blaue Hemd, das Lotta für ihn genäht hatte, mit seinen eingestickten Initialen in Form einer Staffelei.

Schon an der pakistanischen Grenze schien seine Mission zum ersten Mal gescheitert. Die Grenzpolizisten weigerten sich, ihn ins Land zu lassen. PK schlug vor, sie zu porträtieren, und erzählte beim Zeichnen in blumigen Worten von der Frau, die er liebt, bis er die Polizisten, die ihm immer faszinierter lauschten, weichgeklopft hatte. In Kabul besserte er sein Budget mit Blutspenden auf und kaufte ein neues Fahrrad der Marke Hero. In Teheran glich das Velofahren einem Nahtoderlebnis, doch das nahm PK als Prüfung: «Entweder sterben oder Lotta wiedersehen.» Schliesslich machte auch das afghanische Fahrrad schlapp, und PK erstand ein iranisches.

Ein Abenteuer für die Liebe

Wann immer Schwierigkeiten mit Zöllnern auftauchten, holte er seine Zeichenkohle hervor, und die Porträtierten wurden sanft wie Lämmchen. Denn gezeichnet zu werden, heisst, erkannt zu werden, und das stimmte auch den stursten Beamten milde. In der Türkei, wo kaum jemand Englisch sprach, erzählte er den Menschen in Bildern von seiner Reise. Niemand schien diesem 1.69 Meter kleinen, schwer verliebten und zu allem entschlossenen Inder widerstehen zu können. Wo immer er hinkam, wurde er eingeladen. Einmal schenkte ihm ein Geschäftsmann, der seinem Charme erlegen war, sogar ein Flugticket für eine Teilstrecke seiner Reise. Und als PK nach vier Monaten – nun tatsächlich ein wenig erschöpft – zu zweifeln begann, ob die Welt für einen dünnen Inder auf einem klapprigen Velo nicht vielleicht doch zu gross ist, fand er in Istanbul ein Zugticket nach Wien vor, das ihm eine Freundin geschickt hatte.

«Während des gesamten Trips habe ich nicht einen einzigen Menschen getroffen, den ich nicht mochte», sagt PK so glücklich strahlend wie ein Kind im Spielzeugladen. Nur an der deutschen Gründlichkeit wäre er fast gescheitert. Erst als PK den Grenzpolizisten in Passau mit tränenerstickter Stimme erklärte, dass er durch Wüsten und über Berge, durch sieben Länder und zwei Kontinente geradelt sei, um zu seiner Lotta zu gelangen, als er zum Beweis Lottas Briefe und die Zeitungsartikel aus Indien vorlegte und vom Springbrunnen, der Prophezeiung und der beschwerlichen Reise erzählte, beinahe hysterisch vor Angst, so kurz vor dem Ziel umkehren zu müssen – da wurden selbst die deutschen Zöllner mürbe. Am 28. Mai 1977 holte ihn Lotta in Göteborg ab. Seine Reise hatte vier Monate und sechs Tage gedauert.

Mittlerweile ist es früher Nachmittag. Lotta unterbricht das Gespräch, um das Mittagessen zu servieren, das sie gemeinsam mit ihrem Sohn Karl-Siddharta gekocht hat: Paneer, ein selbst gemachter indischer Frischkäse in Currysauce, mit Reis und Salat. Karl-Siddharta, ein freundlicher 26-Jähriger mit wallendem schwarzem Haar und Samtaugen, ist gerade zu Besuch, um ein bisschen bei seinen Eltern zu chillen. Als DJ Kid Sid ist er eine grosse Nummer, schon mit 16 hat er die schwedische DJ-Meisterschaft gewonnen. «Die Mädchen lieben ihn», flüstert PK stolz, als sein Sohn gerade nicht hinhört. Eben hat er den Helikopterflugschein gemacht. Demnächst wird er seinen ersten Pilotenjob in Grönland antreten. Sein Traum ist es, als professioneller Helikopterpilot in Indien zu arbeiten. Auch Emelie, seine ältere Schwester, fühlt sich sehr mit dem Heimatland ihres Vaters verbunden. Nach einer Marketingausbildung in der schwedischen Modebranche arbeitet die 30-Jährige heute in einer Schule für Kinder aus unberührbaren Familien in Odisha. Nebenbei bewirtschaftet Karl-Siddharta die Facebook-Seite seines Vaters.

Denn seit der schwedische Journalist Per Andersson ein sehr erfolgreiches Buch über PKs und Lottas Liebesgeschichte geschrieben hat, das nun auch auf Deutsch erscheint, sind die beiden VIPs. Das blaue Hemd, das PK auf seinem Trip trug, liegt als Exponat in einem Museum. PK tingelt als Vortragsreisender durchs Land. Unzählige Anfragen gab es schon, seine Geschichte zu verfilmen, sogar aus Hollywood. «Immer schön eins nach dem anderen», sagt Lotta auf ihre bedächtige schwedische Art. Nicht im Traum denkt sie daran, ihr friedliches Leben im Wald für ein bisschen Ruhm aufzugeben.

Hollywood kann warten

Auf das Geld der Filmindustrie ist die Familie nicht angewiesen, der Forst bringt genug ein. Wenn wie im vergangenen Frühling 45 000 neue Bäume gepflanzt werden müssen, packen auch die beiden Kinder mit an. PK, der längst fliessend Schwedisch spricht, den schwedischen Pass und das schwedische Bergführerdiplom besitzt, gelernt hat, Ski zu fahren und Zimtschnecken zu mögen, und überhaupt ein Vorbild an Integration ist, hat sogar die strenge schwedische Holzfällerprüfung bestanden, «aber nur mit sehr viel positivem Denken». Vielleicht brachten es die Prüfer auch schlicht nicht übers Herz, den liebreizenden Inder durchfallen zu lassen.

Doch einfach war es nicht, sich in diesem Land zurechtzufinden, wo die Leute Seite an Seite im Bus sitzen, schweigend, «als wäre jeder in seinem eigenen Kühlschrank eingeschlossen». Die Schwiegereltern empfingen ihn auch nicht gerade mit offenen Armen. «Wie lange willst du denn noch hier Ferien machen», fragten sie ihn nach einer Weile. «Ferien?», empörte sich PK. «Ich bleibe hier, bis ich sterbe!» Da wurden Lottas Mama und Papa etwas blass. Doch, um es mit PKs Worten zu sagen: «Am Ende siegte die Liebe.» Als sie sich für ihren exotischen Schwiegersohn erst einmal erwärmt hatte, spendete Lottas Mutter eine Menge Geld, mit dem PK und Lotta in Odisha Brunnen für unberührbare Familien bauten.

Bevor er am Gymnasium eine Stelle als Kunstlehrer bekam, arbeitete PK als Yogalehrer an der Volkshochschule. Einen Yogakurs hatte er nie zuvor besucht. Seine Schülerinnen fanden den ersten echten Inder in Borås trotzdem super. Vermutlich erkannten sie sein Guru-Potenzial, PK beherrscht nämlich nicht nur den freihändigen Kopfstand, sondern verfügt auch über einen unermesslichen Schatz an Zuckersäckchenweisheiten, die er bei jeder Gelegenheit zum Besten gibt: «Auch der glücklichste Mann ist nur glücklich, solange er an sein Glück glaubt», deklamiert er. «Manche Begegnungen sind ein Segen, andere sind Lektionen.» «Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu schmieden.» Letzteres ist von John Lennon geklaut, doch warum sollte sich der eine grosse Experte für Liebe und Weltfrieden nicht bei einem anderen bedienen dürfen?

Hand aufs Herz, Lotta und PK, so tief und romantisch eure Liebe auch sein mag, gab es denn in den letzten vierzig Jahren niemals eine Krise? «Nein» sagt Lotta. – «Ich verstehe die Frage nicht», sagt PK. – «Vielleicht waren wir schon in früheren Leben miteinander verbunden», meint Lotta, «beweisen kann man das natürlich nicht, aber spüren. Wir sind eins.» – «Wir sind alle miteinander verbunden», präzisiert PK, «bei jedem Atemzug atme ich Milliarden Atome ein. Diese Atome gingen auch schon durch Lottas Körper hindurch, durch jeden Menschen auf der Welt, durch einen Tiger in Indien und einen Elefanten in Afrika. Wir sind alle eins.» – «Wenn man an dieses Konzept glaubt», sagt Lotta, «wie kann man sich dann trennen?»

In der Kindererziehung nicht immer einig

Trotz aller Harmonie auf der feinstofflichen Ebene: Selbstverständlich hatte auch dieses Paar seine Differenzen, etwa bei der Kindererziehung. Was Emelie betrifft, sei PK immer sehr besorgt gewesen, erinnert sich Lotta, «man könnte auch sagen: überbehütend». Auf der ersten gemeinsamen Indienreise etwa zwang PK seine 5-jährige Tochter, während der gesamten Zeit einen staatlich geprüften schwedischen Velohelm zu tragen. Denn es gibt ja so viele gefährliche Dinge, die in Indien passieren können.

Bis heute kehrt PK nur ungern in seine Heimat zurück. Er mag auch keine Räucherstäbchen, keine hinduistische Tempelmusik und keine Mantras. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an die Demütigungen seiner Kindheit. Sein grösster Wunsch ist es, dass das Kastensystem eines Tages verboten wird.

Trotz PKs Animosität reist die Familie mehrmals im Jahr nach Indien. In seinem Heimatdorf besitzt sie ein Haus, von dem aus sie ihre Wohltätigkeitsarbeit koordiniert. Der Unberührbare, der jetzt ein so glückliches Leben im Ausland führt, wird heute wie ein Staatsgast empfangen. Brahmanenmädchen, deren Väter einst Steine nach ihm geworfen hatten, berühren seine Füsse und hängen ihm Kränze aus Tagetesblüten um den Hals. Die Uni von Bhubaneswar hat ihm einen Ehrendoktortitel verliehen.

In seinem Dorf, so erzählt PK, gibt es einen Brahmanen, der seit 1962 alle paar Augenblicke «Hari Bol!» ruft, eine Huldigung Gottes. PKs Sohn Karl-Siddharta hatte den ewig gleichen Sermon bald satt und brachte dem Brahmanen bei, stattdessen «Hallöchen!» zu rufen, mit Göteborger Akzent. Seither schallt alle paar Sekunden ein hingebungsvolles «Hallöchen!» durch das Dorf im ostindischen Dschungel. PK grinst. Sein noch kaum ergrauter Schnurrbart beginnt zu beben. Dann lacht er, so ausgelassen und wild, dass seine Wangen bald tränennass sind. Weil das Leben so verrückt und saukomisch und einfach wunderschön ist.

Buchtipp

Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine grosse Liebe wiederzufinden

Per J. Andersson: Vom Inder, der mit dem Fahrrad bis nach Schweden fuhr, um dort seine grosse Liebe wiederzufinden. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015, 336 Seiten, ca. 22 Franken; ab 2. April bei books.ch erhältlich.

Claudia Senn

Die Autorin ist Kultur-Redaktorin und Reporterin bei annabelle. claudia.senn@annabelle.ch

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