Meine Meinung

Meine Meinung: Jungs, wir mögen euch auch weiblich

Text: Michèle Roten, Illustration: Grafilu

  • Michèle Roten

    ist der Meinung, dass wenn Männer mit den Geschlechterrollen spielen dürfen, Frauen definitiv mitspielen sollten.

Autorin Michèle Roten fragt sich, weshalb Männer nicht auf androgyne Frauen stehen, umgekehrt aber schon.

Neulich hörte ich, wie ein Mann über eine schwangere Frau sagte, sie sehe toll aus. So schön kurvig, so weiblich! Mal abgesehen davon, dass es irgendwie absurd ist, die Konvexität eines hochschwangeren Bauchs unter die Kurven zu subsumieren, die sonst mit diesem Ausdruck gemeint sind, war ich emotional hin- und hergerissen ob dieser Äusserung. Ich verstand wohl, dass er es als Kompliment meinte, was nett ist, und gleichzeitig regte ich mich total auf. Die Frau, die schön ist, weil sie weiblich ist (und das noch im allerweiblichsten aller Zustände, der Schwangerschaft), das ist ein Allgemeinplatz von Männern, der mir echt zum Hals heraushängt. Was ist mit den Frauen, die von der Natur nicht rasend weiblich ausgestattet wurden? Kleine Brüste und schmale Hüften gleich männlich?! Zudem mögen es Frauen nun mal, Dinge zu tun oder anzuziehen, die nicht weiblich sind, was aber bitteschön ihrer wahrgenommenen Weiblichkeit keinen Abbruch tun soll. Die Butch-Lesbe am Presslufthammer ist genauso Frau wie das barbieblonde Busenwunder in der Parfumerie.

Lustigerweise kam das Kurvenkompliment von einem Mann, der seine Oberkopfhaare zu einem kleinen Schwänzchen zusammengebunden hatte. Man sieht diese Frisur ja momentan allenthalben. Vom 45-jährigen schwulen Hipster bis zum Gym-gepumpten Secondoboy, auf Laufstegen und an Hollywoodpartys tragen Männer Schwänzchen oder Ribeli. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür: Man-Bun. Voll die Infrise. Und jetzt kommt der Clou: Ich kenne keine Frau, der sie nicht gefällt. Keine Frau würde sagen, das sehe unmännlich, ergo unattraktiv aus.

Vielleicht liegt es an der allgemein grösseren Plastizität des weiblichen Geschlechts, aber wir sind tatsächlich sehr offen, was das männliche Doing Gender angeht, also das Spiel mit den Geschlechtern. Auch metrosexuell ist okay. Denn dieser Begriff aus den Neunzigern bezeichnete ursprünglich ja nur Männer, die sich auch gern pflegen, eine Feststellung, die etwa so hinfällig ist wie die, dass eine schwangere Frau Kurven hat. Weshalb die metrosexuellen Männer allerdings doch kein Renner bei heterosexuellen Frauen wurden, hat wohl damit zu tun, dass das Wort als Extrem verwendet wurde, und zwar bezogen auf die Männer, die so viel Zeit in ihr Äusseres investieren, dass es schon wieder wahnsinnig unattraktiv ist, weil man annehmen kann, dass wenig übrig bleibt für andere Interessen. Genauso wenig mögen wir aber Frauen, die so drauf sind.

Gender Equality beginnt für uns Frauen damit, dass wir total darauf stehen, wenn ein Mann ein engagierter Vater ist oder mit uns die Lesbenserie «Orange is the New Black» schaut. Unsere Toleranz endet … keine Ahnung wo. Nicht beim Man-Bun. Auch nicht bei den grossblumigen Hemden von Julian Zigerli. Definitiv nicht bei der Herbstkollektion von Acne Studios: Schon bald laufen unsere Lieblingsmänner nämlich mit Sweatshirts mit grossem «Gender Equality»-Aufdruck rum. Oder «Woman Power». Oder «Please call me Girl». Dazu tragen sie einen dicken Bart und ein Ribeli und enge Jeans oder wonach ihnen grad der Sinn steht. Und wir werden uns freuen und zu ihnen sagen: Du siehst toll aus. So weiblich!

Männer, spielt mit den Rollen, wir Frauen spielen definitiv mit.

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