Meine Meinung

Meine Meinung: Kinder entstehen nicht mehr im Bett, sondern im Kopf

Text: Sven Broder, Illustration: Grafilu

Sven Broder
  • Gut möglich, dass sich unser Reportagen-Ressortleiter Sven Broder bei den Frauen der Redaktion einschmeicheln will. Aber ja: Wo er recht hat, hat er recht!

annabelle Reportagen-Chef Sven Broder ist der Meinung, dass man das Kinderkriegen vielleicht doch dem Zufall und nicht der Karriereplanung überlassen sollte.

Wenn Frau über den Schwangerschaftstest pinkelt, ist sie für gewöhnlich allein, hinter verschlossener Toilettentür. Das hat den Vorteil, dass sie schon mal sitzt, wenn das Resultat feststeht. Vor allem aber darf sie ihren spontanen Gefühlen freien Lauf lassen; sie darf schreien vor Glück oder erstarren vor Angst, niemand wird sie für ihre Reaktion zur Rechenschaft ziehen. Mann hingegen bekommt den fiesen Frontalunterricht: «Du, ich bin schwanger!»

Ich war 27, als mir meine Freundin erstmals ein Plus unter die Nase hielt – verheiratet ist man mit 27 ja noch nicht. Und eigentlich auch noch nicht Vater. In der Schweiz bekommen weit mehr Männer zwischen 40 und 50 ihr erstes Kind als zwischen 20 und 30. Das sagt nicht nur die Statistik. Das sagen auch Arbeitgeber, Headhunter – und vor allem die Kumpels um einen herum. Ist schliesslich doch sehr unwahrscheinlich, dass man(n) in diesem Alter schon das hübscheste Rehlein im Wald erlegt hat. Und auch in Sachen Job und beruflicher Karriere hat die Jagd erst richtig begonnen. Warum also schon Mitte 20 die Flinte ins Korn werfen – und sich in den familiären Schwitzkasten nehmen lassen? Man(n) hat ja noch Zeit und schier unendlich Pulver im Fass.

Entsprechend fiel auch meine erste Reaktion auf den positiven Test aus. Erst die zweite grosse Liebe, kein abgeschlossenes Studium, den ersten vernünftigen Job am Haken, keinen Rappen auf der hohen Kante; und jetzt das: «Shit!» – Aber es gab kein zurück. Schwanger, Kind. Punkt. Und das war gut so. Denn in Zeiten von Kondom, Pille und Vaginalring, in denen Kinder nicht mehr im Bett, sondern zunächst einmal im Kopf gezeugt werden, hätte ich vielleicht nie zu einem Entscheid gefunden.

Daran musste ich denken, als bekannt wurde, dass US-Hightech-Firmen ihren Mitarbeiterinnen neuerdings das Einfrieren von Eizellen finanzieren wollen. Bis zu 20 000 Dollar zahlt zum Beispiel Apple, wenn Frauen ihren Kinderwunsch auf Eis legen. Dass sich Firmen nun also aktiv in die Familienplanung ihrer Angestellten einschalten, mag stossend sein, okay. Doch im Grunde tun sie das ja schon seit Jahren, einfach indirekt, indem sie ihren Mitarbeiterinnen bei jeder Gelegenheit signalisieren: Kind und Karriere? – Vergiss es! Da ist es eigentlich nur konsequent, wenn sie für das Vielleicht-doch-besser-Später auch was bezahlen, zumal die Technik nun die Möglichkeit dazu bietet.

Das Problem ist nur, dass das Kinderkriegen damit noch mehr zur Kopfgeburt verkommt. Mann wird noch länger zaudern und seine die-biologische-Uhr-ticken-hörende Freundin auf später vertrösten. Gibt ja, vermeintlich, keine Deadline mehr. Und auch sie wird, nicht zuletzt seines Zauderns wegen, lieber noch mal darüber brüten, ob er wirklich der Richtige ist – und sich im Zweifelsfall besser noch mal reinhängen in den Job. Und über allem wird sich die Vorstellung weiter zementieren, dass Familie und persönliche Entfaltung – beruflich oder privat – eben nicht miteinander vereinbar sind. Das mag im Einzelfall sogar stimmen. Aber es ist ein grosser Trugschluss zu glauben, das sehe mit 40 oder 50 anders aus. Denn es ist nicht die menschliche Biologie, die den modernen Lebensumständen hinterherhinkt. Sondern es sind wir alle, Männer wie Frauen, und besonders die Dompteure in Politik und Arbeitswelt, die unaufhörlich signalisieren, es gibt Besseres und Wichtigeres zu tun, als kalte Kinderfüsse zu rubbeln. Und das ist vor allem eines: schade.

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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