Meine Meinung

Meine Meinung: Das Schlankheitsdiktat kennt keine Grenzen

Text: Erika Toman, Illustration: Grafilu

Meine Meinung: Schlankheitsdiktat
  • Erika Toman (48) ist Psychotherapeutin, Buchautorin und Leiterin des Kompetenzzentrums für Essstörungen in Zürich. Sie plädiert für das körpereigene, individuelle Gewicht.

Psychotherapeutin Erika Toman über das Schlankheitsdiktat, das sogar vor Schwangeren nicht Halt macht.

Vor ein paar Tagen kam meine Freundin aufgelöst zu unserem Treffen. Sie ist im vierten Monat schwanger und war gerade zur Kontrolle beim Frauenarzt gewesen. Wir hatten uns zu Kaffee und Kuchen verabredet, sie bestellte nur Mineralwasser. «Was ist los?», wollte ich wissen. – «Ich habe seit Beginn der Schwangerschaft vier Kilo zugenommen», sagte sie. «Na und?», fragte ich. – «Mein Frauenarzt hat mit mir geschimpft und gedroht, mich nicht zu entbinden, wenn ich bis zum Termin mehr als acht Kilo zunehme», antwortete sie. Ich war entrüstet. Meine Freundin ist mit einem sehr schlanken Body Mass Index von 19 in die Schwangerschaft gestartet. «So ein Blödsinn», meinte ich, «ich rede mit ihm.»

Der Frauenarzt erklärte mir, dass er meiner Freundin geraten habe, auf ihr Gewicht aufzupassen, da er keine Langzeitschäden durch Adipositas begünstigen wolle. «Es ist besser, die Frauen passen vorher auf, als dass sie nachher mühsam abnehmen müssen», betonte er. Der Kollege hat es gut gemeint. Nur ist er leider dem heutigen Zeitgeist erlegen, der Schlankheit idealisiert und Übergewicht verteufelt, und zwar so sehr, dass er, der Arzt, selbst bei schwangeren Frauen in Alarmbereitschaft gerät, während sich sein neutraler Blick auf wissenschaftliche Untersuchungen verdunkelt. Diese besagen nämlich, dass Frauen, die sich im untersten Bereich des Normalgewichts befinden, während der Schwangerschaft deutlich mehr zunehmen sollten als jene, die bereits mollig starten.

So wäre meine grosse, schlanke Freundin auch mit zwanzig Kilo Gewichtszunahme nicht ungesund gewesen – im Gegensatz etwa zu einer Frau, die bei gleicher Grösse mit neunzig Kilo schwanger würde. Bei ihr wären der erhobene Zeigefinger und die Forderung nach einer maximalen Gewichtszunahme von acht Kilo angebracht gewesen – theoretisch zumindest. Denn aus vielen Untersuchungen wissen wir, dass Drohungen und rigide Verbote eine Gewichtszunahme längerfristig begünstigen, statt ihr vorzubeugen.

Aber zurück zum Zeitgeist, der Schlankheit als Tugend zelebriert und Fettpolster fürchtet: Er tut dies anhaltend und unbeirrt – trotz gross angelegter Kampagnen gegen den Schlankheitswahn und obwohl immer deutlicher wird, dass leichtes Übergewicht der Gesundheit eher nützt, Untergewicht hingegen schadet. Dieser visuelle Brainwash hat uns alle ergriffen und den Blick auf einen wirklich gesunden Körper verstellt. Heute leiden zehn Prozent der Frauen in der Schweiz an Essstörungen und Untergewicht, und nicht selten kommt es vor, dass auch schwangere Frauen auf Diät sind – aus lauter Angst davor, dick zu werden. Kaum jemand weiss noch, dass der Körper einer gesunden Frau im gebärfähigen Alter einen Körperfettanteil von mindestens zwanzig Prozent benötigt, um die notwendigen hormonellen und endokrinen Funktionen zu erfüllen.

Obwohl Individualität heute als einer der höchsten aller Werte propagiert wird, diktiert der Zeitgeist, wacker unterstützt durch verschiedene Fachdisziplinen, einen uniform-schlanken Körper. Kaum jemand verlässt sich noch auf das eigene Hunger-Sättigungs-Gefühl und steht zu seinem körpereigenen Gewicht.

Ich rief meine Freundin am nächsten Tag an und beruhigte sie. «Dein Frauenarzt und ich haben einige neue Untersuchungsresultate ausgetauscht. Er hat versprochen, dich auch noch zu entbinden, wenn du 16 Kilo zugenommen hast. Wir können uns also jederzeit wieder zu Kaffee und Kuchen verabreden.»

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