Meine Meinung

Meine Meinung: Self-Scanning an der Supermarktkasse

Text: Sven Broder, Illustration: Grafilu

Sven Broder
  • Gut möglich, dass sich unser Reportagen-Ressortleiter Sven Broder bei den Frauen der Redaktion einschmeicheln will. Aber ja: Wo er recht hat, hat er recht!

annabelle-Redaktor Sven Broder möchte keine Strichcodes suchen, und wenn schon wäre wenigstens ein Rabatt auf den Einkauf angebracht.

Ich mag keine Kulturpessimisten. Keine Ewiggestrigen. Keine Früher-war-alles-besser und so und schon gar keine Die-heutige-Jugend-aber-auch. Aber ich mag Kassierinnen im Supermarkt. Nicht vorbehaltlos. Manchmal gehen sie mir auch auf den Senkel mit ihrem «Händ Si Cumulus?» – «Sammlet Si Märkli?» – «Pünktli?» – «Chläberli?» – «Nei?» – «Aber es Föiferli händ Si, oder?» … Aber prinzipiell mag ich die Frau Schwitters und Frau Radosavljevics, die mir «Grüezi» sagen, meine Einkäufe einscannen, mir mein Geld abknöpfen und dann nett «Uf widerluege» sagen. Heute und hoffentlich auch noch morgen. Und da fängt das Dilemma an.

Denn neuerdings kann man auch in der Migros bei mir um die Ecke «subito» einkaufen; man schnappt sich beim Eingang ein Gerät, scannt die Artikel selbstständig ein und zahlt am Ende, ebenfalls selbstständig, mit Karte. Verkauft wird mir das «Self-Scanning» als DAS Einkaufsmodell der Zukunft und angedreht am Eingang – fast schon zynisch – just von den Frau Schwitters und Frau Radosavljevics, natürlich auf Anordnung von oben. «Subito: einfach schnell einkaufen» lautet das Motto.

Self-Scanning in der Migros

De facto aber siehts doch so aus, zumindest bei mir: Die Tochter schreit nach dem «Laserding», ich gebe nach. Sie will scannen, ich gebe nach. Also drehe und wende ich auf dem Weg durch die Regale jedes verfluchte Schoggistängeli und jede Apfelmusbüchse 20-mal in den Händen, bis Mädchen-möchtegern-Kassierin den Strichcode gefunden und richtig eingelasert hat. Dann machs doch selber! Klar, habe ich auch schon ausprobiert – ich war aber nur unwesentlich schneller als meine 6-jährige Tochter. Ich bin überzeugt: Ab 15 Artikeln ist beim Self-Scanning die versprochene Zeitersparnis im Vergleich zum konventionellen Einkaufen subito gleich null. Und wird man am Schluss noch per Zufallsprinzip zur Diebstahlkontrolle beim Kundendienst aufgeboten, subito negativ. Ich kenne es doch schon zur Genüge, egal ob beim Self-Check-in am Flughafen, beim Self-Download der Computersoftware oder beim Self-Service-Desk in der Quartierbibliothek, irgendwas ist immer, und man landet am Ende doch wieder in einer Warteschlange, in einer Warteschleife, oder man dreht Däumchen hinter Herrn Hugentobler, weil er das System nicht versteht, oder das System Herrn Hugentobler nicht.

Was mich aber eigentlich hässig macht, ist, dass mir das alles – und zwar seit Jahren – immer so verkauft wird, als machte man mir damit einen grossen Gefallen. Genau umgekehrt ist richtig: Ich als Kunde werde stillschweigend zum unbezahlten Dienstleister der Dienstleistungsunternehmen gemacht, indem ich Arbeiten übernehme, für die diese Firmen und Grosskonzerne früher Menschen einstellen und fair entlöhnen mussten. Eigentlich müsste ich als Self-Scanner auf der Lohnliste dieser Firmen stehen. Oder man sollte mir als Gegenleistung zumindest zehn Prozent der Einkaufssumme erlassen.

Doch noch kostet mich das Rüebli so viel wie gestern. Und vielleicht möchte ich ja nicht einmal, dass es günstiger wird. Nicht, wenn ich dafür ein wässriges Industrieprodukt formerly known as Rüebli bekomme. Und schon gar nicht, wenns auf Kosten von Frau Schwitter oder Frau Radosavljevic geht. Denn für die beiden würde ich sogar ein Migros-Sozialprozent mehr bezahlen – und zwar auf jeden Artikel. Vielleicht würden sie mir dann sogar noch die Säcke packen.

Bin ich deswegen ein Kulturpessimist? Ein Zukunftsverweigerer? Ich hoffe nicht.

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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