Interview mit Justine Mbabazi

Ruanda ist Good News

Interview: Barbara Achermann

Ruanda ist Good News

Justine Mbabazi hat geholfen, Ruanda nach dem Völkermord wieder aufzubauen. Wir haben die Expertin für Verfassungsrecht in Basel getroffen.

Es gibt in Ruanda ein Sprichwort, das Justine Mbabazi gern zitiert: «When things get tough, women get tougher.» Vor 22 Jahren war das Leben in Ruanda beinahe unerträglich. Eine Million Menschen wurden brutal ermordet, danach lag das Land in Schutt und Asche, viele Menschen assen Gras, um nicht zu verhungern. Heute hingegen gilt Ruanda als Vorzeigeland. Die Wirtschaft boomt, die Menschen haben sich versöhnt, und Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Wir berichteten in einer grossen Reportage über das Frauenwunderland Ruanda. Jetzt sprachen wir mit der Juristin und Konfliktexpertin Justine Mbabazi. Sie hat massgeblich an der Verfassung von Ruanda mitgearbeitet, die Frauen und Männer gleichstellt.

annabelle: Justine Mbabazi, geht es um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, so kann die Schweiz einiges von Ruanda lernen. Im «Global Gender Gap Report» des World Economic Forum liegt ihr auf Platz 6, wir sind auf Platz 8. Weshalb schneidet Ruanda so gut ab? 

JUSTINE MBABAZI: Weil wir mit uns selber ehrlich sind. Wir haben uns eingestanden, dass wir schlimme Fehler gemacht haben. Wir wollen nie mehr dorthin zurück, in diese dunklen Zeiten des Mordens. Deshalb machen wir es jetzt richtig gut. Die Zahlen sind grossartig: 64 Prozent Frauen im Parlament, 40 Prozent in den Ministerien, 50 Prozent Richterinnen, 50 Prozent Unternehmerinnen. Doch es geht letztlich nicht um Prozente, sondern darum, dass Frauen und Männer gemeinsam am selben Strick ziehen, um unserem Volk Wohlstand zu bringen. Auch deshalb ist Ruanda heute eine Erfolgsgeschichte.

Hat der Genozid zur Gleichberechtigung von Mann und Frau beigetragen?
Ja. Wir Frauen waren wütend über das Morden, aber wir waren noch viel wütender über die Vergewaltigungen. Männer wurden getötet. Frauen hingegen wurden zuerst vergewaltigt und dann getötet. Neben den Macheten waren die Massenvergewaltigungen die wichtigsten Kriegswaffen. Die Frauen wurden mit HIV angesteckt und waren mit den Kindern ihrer Feinde schwanger. Das passierte übrigens nicht nur den Tutsi-Frauen in Ruanda, sondern auch den Hutu-Frauen, die in die Flüchtlingslager jenseits der Grenze geflohen waren.

Ein Jahr nach Kriegsende reisten Sie zusammen mit einer Gruppe von Ruanderinnen an die Frauenkonferenz nach Peking. Was wollten Sie da?
Wir wollten in die Welt hinausschreien, was für ein grosses Unrecht uns angetan worden war. Aber dann trafen wir Frauen aus Afghanistan, die mit Säure übergossen wurden, weil sie zur Schule gingen. Oder Frauen aus Indien, deren Töchter umgebracht wurden, weil man die Söhne bevorzugt. Und wir wussten: Die Welt steht in Flammen. Wir dürfen nicht weinen, sondern wir müssen uns zusammentun und voneinander lernen, um dieses Unrecht zu bekämpfen.

Sie haben mitgeholfen, eine neue Verfassung für Ruanda zu erarbeiten. Wie gingen Sie vor?
Wir waren zunächst nur eine informelle Gruppe von 15 Frauen. Wir zogen von Dorf zu Dorf, um Informationen für die neue Verfassung zu sammeln. Doch dann schlossen sich uns immer mehr Frauen an, auch von Organisationen, die es bereits vor dem Genozid gegeben hatte. Als die Verfassungskommission gebildet wurde, sorgten wir dafür, dass Frauen, die mit uns in den Dörfern unterwegs waren, in die Kommission hineinkamen. Wir sorgten auch dafür, dass gute Frauen in die Übergangsregierung berufen wurden, und lieferten ihnen Informationen und eine politische Agenda.

Was war Ihre Funktion? Gehörten Sie einer Partei an?
Nein, ich wollte nie Teil der Politik sein, sondern stand immer ausserhalb, als Beraterin. Als Juristin half ich bei der Ausformulierung der Gesetzesartikel.

Inwiefern hatten Frauen weniger Rechte als Männer?
Sie durften weder erben noch Land besitzen. Häufig wurden Mädchen nicht zur Schule geschickt.

Wie forderten Sie von den Männern Ihre Rechte ein?
Wir mussten sie nicht einfordern, wir machten den Männern vielmehr ihre Schuld bewusst. Sie hatten während des Völkermords derart viele Verbrechen gegen Frauen begangen, dass sie den Wandel akzeptieren mussten. Die Gleichberechtigung war auch eine Art von Wiedergutmachung zwischen Mann und Frau.

Sie sind nie auf Widerstand gestossen?
Doch. In manchen Dörfern mussten wir ein bis zwei Wochen bleiben, um die Leute vom Gleichstellungsgesetz oder anderen Menschenrechten zu überzeugen. Die Erarbeitung der Verfassung war insofern auch ein Bildungsprojekt. Ich erinnere mich an einen mächtigen Mann mit sieben Ehefrauen, der war eine echte Knacknuss.

Sie arbeiteten ganze sieben Jahre lang an der Verfassung.
Wir brauchten diese Zeit, weil die Verfassung die Stimme unseres Volkes repräsentieren sollte und nicht diejenige einer kleinen Elite. Unsere Methoden waren aufwendig, aber nötig. Wir wollten keine Copy-Paste-Verfassung und auch keine Schablone der Uno.

Hatte die internationale Gemeinschaft keinen Einfluss?
Keinen grossen. Es gab gleich zu Beginn einen Zusammenstoss. Einige Länder – ich möchte sie hier nicht nennen – gaben Geld und wollten uns im Gegenzug die Verfassung diktieren. Aber wir sagten ihnen: Entweder ihr arbeitet mit uns auf Augenhöhe zusammen, oder ihr nehmt euer Geld, haltet den Mund und geht nachhause. Weil sie sich ebenfalls schuldig gemacht hatten, vor und während des Genozids, und jetzt ein schlechtes Gewissen hatten, gingen sie auf unsere Forderungen ein. Nach etwa vier Jahren haben sie unsere Methode dann verstanden, und wir fingen an, gemeinsam zu arbeiten.

Was änderten Sie auf Gesetzesebene?
Die wichtigste Änderung für die Frauen war das Recht, zu erben, Land zu besitzen und das Recht auf Bildung. Zudem führten wir im Parlament, den Ministerien und Parteien eine obligatorische Geschlechterquote von dreissig Prozent ein. Später habe ich dann auch noch einen Gesetzesentwurf gegen Gewalt an Frauen geschrieben, der 2008 in Kraft getreten ist.

Was für eine Rolle spielten die Frauen in der Friedensbewegung?
Eine entscheidende Rolle. Es gab 1.9 Millionen Angeklagte, und so setzten wir in jedem Dorf sogenannte Gacaca-Gerichte ein, eine Form von kommunaler Rechtssprechung. 70 Prozent der gewählten Gacaca-Richterinnen waren Frauen. Aber Frauen richteten nicht nur, sondern sie haben vor allem verziehen. Ich kenne eine Frau, deren ganze Familie getötet wurde, ihr Mann, ihre fünf Kinder und alle Verwandten. Als sie nach dem Genozid zurück in ihr Dorf kam, gab es dort ein Waisenkind, das niemand adoptieren wollte. Der Vater des Babys war der Mörder ihrer Familie. Sie nahm das Kind zu sich.

Könnte Ruanda ein Vorbild sein für sogenannt gescheiterte Staaten wie der Südsudan, Liberia oder die Demokratische Republik Kongo?
Ruanda ist kein Modell, genauso wenig wie die USA oder die Schweiz. Der gegenwärtige Frieden und Wohlstand und unsere Verfassung gründen auf den ruandischen Traditionen und Prinzipien. Jedes Volk muss letztlich seinen eigenen Weg gehen, aber wir können ihm dabei helfen, diesen zu finden.

annabelle-Reporterin Barbara Achermann hat Justine Mbabazi (rechts) zum Gespräch getroffen. Mbabazi ist Ruanderin, aufgewachsen in verschiedenen Flüchtlingslagern in Uganda. Die Juristin arbeitet momentan in Afghanistan, wo sie Frauen auf ihre angehende Rolle als Parlamentarierinnen vorbereitet. Sie wurde von der Organisation Peace Women Across the Globe in die Schweiz eingeladen. Mehr Informationen auf 1000peacewomen.org

Barbara Achermann

Barbara Achermann ist Redaktorin und Reporterin im Ressort Reportagen. Sie möchte Geschichten erzählen, die in die Tiefe gehen und die man auch noch Wochen später gern liest.

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