Heft 12/15

Schicksal: Fünf Jahre im Wachkoma

Text: Claudia Senn; Illustration: Ramona Ring

Schicksal: Fünf Jahre im Wachkoma
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Carola Thimm beim Reiten in gesunden Zeiten

Carola Thimm heute

Die schwangere Carola Thimm fiel nach einem Aneurysma für fünf Jahre ins Koma. Als sie aufwachte, hatte sie eine Tochter im Kindergartenalter. Kann man seinen Platz in der Welt nach so langer Zeit noch wiederfinden?

Schwerelos schwebt sie in einem körperwarmen Meer. Wellen rauschen, der Wind weht. Sie atmet unter Wasser, ein Zwitterwesen aus Mensch und Fisch, schaut in die grüne See, und alles fühlt sich gut an. Diesen Traum würde sie am liebsten für immer träumen, doch plötzlich wacht sie auf und öffnet die Augen. Jemand steht an ihrem Bett, es ist ihre Mutter. Carola Thimm versucht, ihr ein Zeichen zu geben, aber ihre Glieder – gleichzeitig tonnenschwer und federleicht – gehorchen ihr nicht. Schade, dass ich mich nicht äussern kann, denkt sie. Doch für mehr als leises Bedauern reicht ihre Energie nicht.

Nur wenige Menschen gibt es, die nach jahrelangem Wachkoma den Weg zurück in ihr altes Leben finden. Die meisten sind schwer behindert und lebenslänglich auf Pflege angewiesen. Kaum einer ist sprachlich dazu in der Lage, von dem rätselhaften Schwebezustand zwischen Leben und Tod zu berichten. Carola Thimm hat darüber mit der Hilfe einer Co-Autorin ein ganzes Buch geschrieben, «Mein Leben ohne mich», das in diesen Tagen erscheint. Nicht das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit habe sie dazu getrieben, sagt sie, sondern der Wunsch, anderen Familien von Wachkomapatienten Mut zu machen. «Mein Fall zeigt, dass man selbst nach Jahren niemals die Hoffnung aufgeben sollte.»

Wir treffen die 46-Jährige in ihrer kleinen Wohnung in Preetz, einer norddeutschen Kleinstadt in der Nähe von Kiel. Es gibt hier einen Notfallknopf, mit dem sie im Ernstfall Hilfe anfordern könnte. Mehr Unterstützung braucht sie nicht. Seit vier Jahren lebt Carola Thimm wieder in ihren eigenen vier Wänden, putzt selbst, kocht selbst, geht jeden Tag ins Fitnesscenter zum Zumba, Yoga oder Bauch/Beine/Po. Wer nichts von ihrer Geschichte weiss, käme niemals auf die Idee, dass die sportliche Frau mit den kurzen Locken vor wenigen Jahren noch als hoffnungsloser Pflegefall galt, eine lebende Tote, die mit leerem Blick durch ihre Besucher hindurchstarrte und künstlich ernährt werden musste.

Unerbitterlich optimistisch

Doch warum gerade sie die Rückkehr in einen selbstbestimmten Alltag geschafft hat, lässt sich schon nach den ersten Gesprächsminuten erahnen: Carola Thimm ist eine Frau, für die das Glas immer halb voll ist, eine Hochleistungskämpferin, so unerbittlich optimistisch, als gäbe es keine Schwierigkeiten, wenn man sie nur konsequent genug beiseiteschiebt. «Ich habe viel Glück bei meinem ganzen Pech», sagt sie mehrmals während des Interviews, als handle es sich um eine Art Lebensmotto. Sie wirkt nüchtern und emotional zurückhaltend – vielleicht ihr norddeutsches Temperament. Traurigkeit darüber, dass sie ihrer grossen Leidenschaft, dem Tauchen, nicht mehr nachgehen darf, oder über ihre Ehe, die nicht stark genug war, um fünf Jahre Koma zu überstehen, schimmert höchstens für Momente auf, bevor sie sich wieder dem Stolz über das Erreichte zuwendet und ihrem brennenden Ehrgeiz, es bald noch besser zu machen.

Eine plötzliche Übelkeit, ein stechender Kopfschmerz, das Gefühl, nicht genügend Luft zu kriegen. Dann noch der Schrei eines Bussards, der am Frühlingshimmel seine Kreise zog – das war das Letzte, was Carola Thimm wahrnahm, als am 31. Mai 2004 das Aneurysma in ihrem Gehirn platzte. Thimm war im fünften Monat schwanger. Einige Tage zuvor hatte sie zum ersten Mal gespürt, wie das Kind sich in ihr bewegte, ein leises Flattern, «wie Schmetterlingsflügel».

Es folgte Operation auf Operation, ein endloses quälendes Hoffen und Bangen für die Angehörigen. Um den Druck auf das angeschwollene Gehirn zu verringern, entfernten die Ärzte einen Teil der Schädeldecke und ersetzten ihn einige Monate später durch ein Stück aus Titan. In der Zwischenzeit sah Carola Thimms von Medikamenten aufgedunsener Kopf aus «wie ein eingefallener Fussball», so formulierte Thimms Schwester Claudia ihr Entsetzen. «Wie ein Roboter, dem noch ein Bauteil fehlt», so beschrieb es die Mutter. Im siebten Schwangerschaftsmonat setzten schliesslich die Wehen ein. Tochter Marie kam per Kaiserschnitt zur Welt, ein Frühchen, aber den Umständen entsprechend gesund. Carola Thimm merkte von der Geburt nichts.

Aus einem Schrank im Wohnzimmer holt sie ein Fotoalbum mit Bildern jener Jahre, in denen sie Marie nicht mehr geben konnte als die Wärme ihres Körpers. Es fällt schwer, die Frau auf den Fotos, der man ihr Neugeborenes so oft wie möglich in die spastisch verkrampften Arme legte, mit Carola Thimm in Zusammenhang zu bringen. Vollkommen anders sieht sie aus, so schlaff und verquollen. «Ein Gesicht, dessen Muskulatur nicht bewegt wird, verliert bald alle Konturen», erklärt sie. Dazu die Gewichtszunahme durch Medikamente und Bewegungsmangel. Der erste Blick in den Spiegel nach dem Aufwachen sei so schockierend gewesen, dass sie sich kaum wiedererkannte.

Hunderte von Fotos der komatösen Carola Thimm hat ihre Familie gemacht. Thimm ist froh darüber, «denn die Bilder erklären mir, was ich durchgemacht habe». Sie zeigen Carola Thimm im Krankenbett, festgeschnallt in einem Rollstuhl, bei der Reittherapie, die das sich noch immer im Schlummermodus befindliche Gehirn an alte Bewegungsmuster erinnern sollte, Thimm vorsichtig mit ersten Bissen Kuchen gefüttert von ihrem Mann, auf kurzen Ausflügen nachhause, bei denen niemand wusste, ob sie den Ortswechsel überhaupt mitbekam. Und immer wieder Thimm mit Marie, die vom Kleinkind zu einem blondlockigen Wildfang heranwuchs und ganz selbstverständlich auf dem Bett ihrer leblosen Mutter herumturnte. «Man sieht schon, dass sie an mir hängt, oder?», fragt Carola Thimm, und obwohl sie Schmerzhaftes sonst lieber ausblendet, schwebt nun das Bedauern über die verlorenen Jahre beinahe greifbar im Raum. «Ich hätte sie so gern gewickelt und gestillt», sagt sie leise. Erst als Marie in den Kindergarten kam, fiel dem Mädchen auf, dass sich seine Mutter von anderen unterschied. «Wird meine Mama auch mal wie andere Mamas?», fragte sie ihre Oma.

Grosse Teile von Carola Thimms Buch «Mein Leben ohne mich» schildern aus Angehörigenperspektive, wie entsetzlich belastend es ist, einen Patienten im Koma zu betreuen. All die Stunden am Krankenbett ohne die kleinste Reaktion. All die vergeblichen Versuche, den geliebten Menschen aus seinem geheimnisvollen Zwischenreich ins Leben zurückzulocken. «Meine Familie hat mehr gelitten als ich», ist Carola Thimm überzeugt. Als Erste ertrug Thimms Schwester Claudia das ewige Hoffen und Verzweifeln nicht mehr und stellte die Besuche ein. Dann folgte ihr Vater. Nach zwei Jahren empfahlen die Ärzte, die lebenserhaltenden Massnahmen zu stoppen und Carola Thimm sterben zu lassen. Das verhinderte ihr Mann, doch irgendwann war auch seine Kraft zu Ende, und er kam immer seltener.

Zwischen Bewusstsein und dunklen Phasen

Nur Thimms Mutter Britta schien über unerschöpfliche Reserven zu verfügen. Als sie nicht mehr wusste, was sie der dahindämmernden Tochter erzählen sollte, begann sie, ihr vorzulesen, dicke Wälzer wie den «Medicus». Carola lag da, mit geöffneten Augen, den Blick ins Leere gerichtet. Manchmal huschte für die Dauer eines Wimpernschlags die Andeutung einer Reaktion über ihr Gesicht, doch Britta fürchtete, ihre Wahrnehmung spiele ihr bloss einen Streich.

«Ich dachte immer, man sieht in meinem Gesicht, was ich fühle und was ich mir wünsche», sagt Carola Thimm. «Aber man sah überhaupt nichts.» Und doch bekam sie von jener Zeit viel mehr mit, als ihre Umgebung ahnte. Immer wieder tauchte sie aus den Tiefen des Komas an die Oberfläche des Bewusstseins. Den «Medicus» konnte sie später haarklein nacherzählen. Sie wusste, in welchem Zimmer der Reha-Klinik sie untergebracht war, wer an ihrem Bett stand und dass das blonde Mädchen, das immer zu Besuch kam, irgendwie zur Familie gehören musste. Wahrscheinlich die Tochter ihrer Schwester, dachte sie. «Mir war klar, dass ich sehr krank war. Ich wusste sogar, dass ich später wie ein Kind alles noch einmal würde lernen müssen.» Für Gefühlsaufwallungen jedoch fehlte ihr jede Energie. Und zwischen den bewussten Momenten gab es lange Phasen der Dunkelheit und des Träumens.

Carola Thimm verschlief die Terroranschläge in London, die Amtseinsetzungen von Angela Merkel und Barack Obama, die Vogelgrippe und die Befreiung von Natascha Kampusch. Nach dreieinhalb Jahren weigerte sich die Krankenkasse, weiterhin für die Reha-Klinik zu bezahlen. Thimm zog um in ein Altersheim – um dort auf den Tod zu warten, so glaubten ihre Betreuer. Niemand rechnete jetzt noch mit Fortschritten. Trotzdem gelang ihr ausgerechnet an dieser Endstation ein neuer Anfang.

Denn hier kamen engagierte Pfleger auf die Idee, dass es möglicherweise auch die starken Medikamente seien, die Carola Thimms Bewusstsein trübten. Die Medikation wurde vorsichtig reduziert. Und tatsächlich, im Februar 2009, fast fünf Jahre nach dem Aneurysma, begann Carola Thimm ganz langsam aufzuwachen. Eines Tages verabschiedete sich ein ehrenamtlicher Betreuer, der von Thimms Leidenschaft für das Tauchen wusste, mit einem Taucherzeichen von ihr. Mit Daumen und Zeigfinger formte er ein O für «okay». Carola Thimm lächelte schief, hob den Arm und tat es ihm nach – das war der Durchbruch. Von da an galt der ehemals hoffnungslose Fall als das Wunder von Preetz.

Motorisch machte sie schnell Fortschritte, bald joggte die ehemalige Komapatientin wieder durch den Garten. Doch bis die Sprache zurückkehrte, sollte es noch viele Monate dauern, und die geschwächten Augenmuskeln liessen ihre Augen in zwei verschiedene Richtungen irren. Man kann nur erahnen, mit welch eisernem Durchhaltewillen Thimm ackerte, um ihre Fähigkeiten zurückzuerlangen. Neben ihren Therapien nahm sie voll unerschöpflichem Lebenshunger an allen Aktivitäten teil, die das Altersheim zu bieten hatte: Gehirnjogging, Sitzgymnastik, Tischtennis, Musik in der orffschen Instrumentengruppe. Ihr erstes Wort nach all den Jahren des Schweigens war «Mama». Dass sie auch selbst Mutter war, hatte sie da noch nicht begriffen.

«Wenn man die Geburt nicht miterlebt hat, kann man sich nur schwer vorstellen, ein Kind zu haben», sagt sie. Gern hätten wir Carola Thimm gemeinsam mit ihrer Tochter getroffen. Doch der Vater, bei dem Marie hauptsächlich lebt, möchte ihre Persönlichkeit schützen und auch selbst keine Auskunft geben über jene Zeit, in der Carola Thimm ihre Mutterrolle finden musste. So fehlt uns eine Aussensicht, die Thimms Schilderungen ergänzen könnte. Total perplex sei sie gewesen, als ihre eigene Mutter ihr nach mehreren Versuchen endlich begreiflich machen konnte, dass Marie ihre Tochter ist. Marie wiederum reagierte verstört darauf, wie sehr diese Nachricht ihre Mutter überraschte. «Aber ich hab doch immer mit dir gekuschelt und dich Mama genannt», sagte sie empört.

Carola Thimm ist glücklich über ihre Tochter: «Ein Kind zu haben, war immer mein grösster Wunsch.» Doch wenn man sie bittet, von der mittlerweile 10-Jährigen zu erzählen, klingt das auffallend distanziert. «Vom Essgeschmack her ist sie wie mein Vater: möglichst wenig Gemüse und Obst, dafür viel Fleisch», sagt sie, «aber das Sportliche hat sie von mir: Sie mag auch Zumba.» Viel mehr verrät sie nicht. Kein Einblick in Maries Charakter, keine Beschreibung von Mutter-Tochter-Ritualen, kein zärtliches Lächeln, das beim Schildern ihres Kindes die Lippen umspielt. Schwer zu beurteilen, ob diese spröde Art die Folge ihrer Hirnverletzungen ist. Vielleicht möchte sie ihr Kind auch vor der Öffentlichkeit schützen. Oder sie hat nach all den Jahren, in denen sie ihre ganze Kraft dem Überleben widmen musste, ihren Platz als Mutter noch nicht gefunden. «Im Erziehen bin ich nicht so gut», sagt sie. Streng zu sein, falle ihr besonders schwer, ihrer Tochter Grenzen zu setzen. «Der Vater kennt sie auch viel besser.» Jedes zweite Wochenende und die Hälfte der Ferien ist Marie bei ihr – zu wenig Zeit, um die verpassten Jahre nachzuholen.

Zurück an die Oberfläche gekämpft

Das Leben, das Carola Thimm nach ihrem wundersamen Erwachen erwartete, war alles andere als ein Rosengarten. Ihr Mann hatte sie verlassen. Ihr Vater war an Krebs gestorben. Ihren Job als Beamtin im Sozialministerium konnte sie nicht mehr ausüben. Bis heute weiss sie nicht, worin dort ihre Arbeit bestand, nur eine frühere Tätigkeit als Personalverantwortliche in einem Atomkraftwerk ist ihr noch präsent. Ihre Erinnerung ist so löchrig wie ein mottenzerfressener Vorhang, das Kurzzeitgedächtnis ein schlechter Witz. Um ihr fragiles Gehirn keiner Gefahr auszusetzen, darf sie weder tauchen noch mit dem Flugzeug reisen, Alkohol trinken, Auto fahren oder Trompete spielen. Es gab eine Zeit, in der sie dachte, sie dürfe eigentlich überhaupt nichts mehr, was Spass macht. Doch vor drei Jahren hat Carola Thimm im Fitnesscenter einen neuen Freund kennen gelernt. «Ein toller Mann», sagt sie begeistert, «und so hilfsbereit!» In ihrer vielen freien Zeit engagiert sie sich bei der Caritas und besucht Menschen, die ihrer Meinung nach viel schlechter dran sind als sie selbst. Gitarre spielen macht ihr Freude, ihre Englischkenntnisse waren eines Tages auch wieder da, sie schwimmt mit den Tauchfreunden von früher und tanzt mit den Senioren im Altersheim.

«Ich war ganz unten auf dem Meeresgrund und habe es geschafft, mich durch das grüne Dunkel bis an die Oberfläche hinaufzukämpfen», sagt die ehemalige Tauchinstruktorin. Und weil Carola Thimm eine Frau ist, deren Glas immer halb voll ist, gibt sie sich damit mehr als zufrieden. Für sie hat ihre Geschichte ein Happy End, obwohl es in Wirklichkeit wohl eher eine Geschichte mit ungewissem Ausgang ist und vielen Grautönen statt klarem Schwarz und Weiss. Mit ihrem Optimismus ist sie bisher gut gefahren. Niemals würde sie mit ihrem Schicksal hadern. «Eigentlich hat das Aneurysma die Richtige erwischt», findet sie. Denn wer sonst hat schon so viel Glück im Pech?

 

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