Zivilcourage zeigen

So intervenieren Sie bei rassistischen Übergriffen

Text: Vanja Kadic; Bild: Unsplash / Julian Wan

Im Alltag gegen Rassismus antreten: Wie verhält man sich am besten, wenn man eine Ungerechtigkeit miterlebt? Giorgio Andreoli von der Beratungsstelle «Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus» gibt Auskunft.

Wer in Situationen der Ungerechtigkeit neutral bleibe, habe sich für die Seite des Unterdrückers entschieden, sagte der südafrikanische Menschenrechtler Desmond Tutu. Nichtrassistisch zu sein, reicht nicht – wir müssen antirassistisch handeln. Im Alltag kann es in vereinzelten Situationen verunsichern oder Angst machen, sich einzusetzen und aktiv etwas zu unternehmen. Worauf gilt es beim Thema Zivilcourage zu achten? Was tue ich, wenn neben mir im Zug oder in der Bar jemand rassistisch beschimpft wird? Oder wenn es zu einem körperlichen Angriff kommt?

Die Informations-, Beratungs- und Meldestelle für rassistisch diskriminierende Vorfälle «Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus» (gggfon) bietet Kurse an, die für Zivilcourage sensibilisieren sollen. Die Kurse werden von Schülern, Erwachsenen, aber auch von Senioren besucht, erklärt der Leiter der Beratungsstelle Giorgio Andreoli. In Gesprächen lernen die Teilnehmer, was Zivilcourage überhaupt bedeutet– und üben das Gelernte schliesslich in nachgestellten Situationen. «Es geht darum, sich den sozialen Mut anzutrainieren, den es braucht, um seine Haltung zu vermitteln», sagt Andreoli. «Je nach Situation gibt es verschiedene Handlungsoptionen. Im Extremfall wie einer Schlägerei kann man vielleicht nicht selbst eingreifen, um sich und andere zu schützen. Dafür kann man aber Hilfe mobilisieren. Mit den Kursen wollen wir eine breite Palette aufzeigen, auf die man in solchen Situationen zurückgreifen kann.» So lernt man im Kurs auch, die Lage richtig einzuschätzen, und bekommt verschiedene Möglichkeiten vermittelt, um sich angemessen zu verhalten.

Giorgio Andreoli erklärt, wie man konkret reagieren kann, wenn man beobachtende Person eines rassistischen Übergriffs wird:

1. Signalisieren Sie der handelnden Person verbal und mit Ihrer Körpersprache: Ich sehe, was passiert, und ich bin damit nicht einverstanden. Sagen Sie, dass Sie mitbekommen, was geschieht, und dass Sie es nicht okay finden. 

2. Mobilisieren Sie Ihre Mitmenschen. Schauen Sie sich nach Hilfe um und suchen Sie aktiv die Unterstützung anderer. Es hat eine grössere Kraft, wenn mehrere Leute sich zusammenschliessen und gewaltlos eingreifen. Viele Leute sind bereit dazu, zu helfen. Tun Sie den ersten Schritt und gehen Sie auf die Menschen zu.

3. Falls es nicht möglich ist, selbst zu intervenieren, melden Sie den Vorfall oder Übergriff Verantwortlichen – wie zum Beispiel dem Zugpersonal.

4. Warten Sie in gewalttätigen Situationen nicht lang, sondern verständigen Sie sofort die Polizei. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass die Situation gefährlich ist. Erklären Sie genau, woher die Gefahr ausgeht. 

5. Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie eh nichts ändern oder bewirken können: Schon scheinbar kleine Taten helfen. Etwa, rassistische Inhalte bei Social Media zu melden oder eine Meldung bei einer Beratungsstelle über einen Vorfall zu machen.

«Zivilcourage ist mit einem gewissen Aufwand verbunden», sagt Andreoli. «Oft geht es um Situationen, die Angst machen. Man muss mit Emotionen wie Wut oder Angst umgehen können. Aber es ist wichtig, dass man die Hemmschwelle überwindet, es probiert und sich mit dem Thema auseinandersetzt.»

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