Frauenhaus

Traurige Zahlen

Text: Helene Aecherli

Trauriger Zahlen

In Bern, Basel und Luzern rückt die Polizei täglich ein- bis dreimal wegen häuslicher Gewalt aus – im Kanton Zürich sogar bis zu 15-mal. Und die Dunkelziffer ist noch höher.

Es gibt nicht eine Ursache für häusliche Gewalt, es spielen viele Faktoren zusammen. Sie finden sich in der Partnerschaft, im sozialen Umfeld, Einfluss hat etwa auch der Erwerbsstatus. Als mögliche Risikofaktoren für häusliche Gewalt nennt das Eidgenössische Büro für Gleichstellung von Frau und Mann Faktoren wie eigene Gewalterfahrung als Kind, delinquentes Verhalten, Heirat in jungem Alter, Machtungleichheit in der Partnerschaft, familiäre Belastungssituationen, finanzielle Schwierigkeiten und Alkohol- und Drogenmissbrauch, aber auch – gerade bei Menschen aus patriarchalen Gesellschaften – die Sozialisierung in einem gewaltbejahenden Umfeld, in dem starre Rollenbilder von überlegener Männlichkeit und unterlegener Weiblichkeit die Norm sind. 

Häusliche Gewalt definiert sich nicht per se als Gewalt des Mannes gegen die Frau (oder umgekehrt), sondern als jegliche Gewalt innerhalb eines Beziehungskontexts; etwa Gewalt von Eltern gegen Kinder, von Kindern gegen die eigenen Eltern oder Gewalt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Doch sind schweizweit durchschnittlich gut 76 Prozent der betroffenen Personen Frauen, 79 Prozent der Beschuldigten Männer. Laut Bundesamt für Statistik kam es 2014 im Bereich häusliche Gewalt zu 15 650 Straftaten: über zwei Drittel aller Tötungsdelikte, knapp 47 Prozent der Vergewaltigungen und die Hälfte aller Tätlichkeiten. 50 Prozent der häuslichen Gewaltstraftaten ereigneten sich in einer bestehenden Beziehung, bei knapp einem Drittel kannten sich Täter und Opfer aus einer ehemaligen Partnerschaft, 12 Prozent geschehen zwischen Eltern und Kindern. Die allermeisten Gewaltausbrüche geschehen am Samstag und Sonntag zwischen 19 und 20 Uhr. 

Laut einer Umfrage von annabelle rückt die Polizei in Bern, Basel und Luzern täglich ein- bis dreimal wegen häuslicher Gewalt aus, im Kanton Zürich interveniert die Polizei täglich sogar 10- bis 15-mal; am häufigsten wegen physischer Tätlichkeiten, Schlagen, Würgen, an-den-Haaren-Reissen und Drohungen. «Meistens melden sich die Opfer selbst, schliessen sich im WC ein und rufen die Polizei», erklärt Heinz Mora, Fachleiter häusliche Gewalt der Kantonspolizei Zürich, «manchmal sind es aber auch Nachbarn oder minderjährige Kinder, die Hilfe holen. Doch die Dunkelziffer ist so hoch, dass wir bis zu 30-mal pro Tag ausrücken könnten.» 

Laut der polizeilichen Kriminalstatistik des Bundesamts für Statistik waren 2014 insgesamt mehr Schweizer als Ausländer von häuslicher Gewalt betroffen, nämlich 52 zu 48 Prozent. Betrachtet man aber ausschliesslich die Zahl der weiblichen Geschädigten, erkennt man, dass Ausländerinnen durchschnittlich 3.5 mal häufiger Opfer werden von häuslicher Gewalt als Schweizerinnen. Unter den beschuldigten Männern sind rund viermal mehr Ausländer als Schweizer verzeichnet. Das Gros der Opfer wie der Täter ist zwischen 25 und 39 Jahre alt. 

Wie eine Studie des Bundes aus dem Jahr 2013 errechnet hat, verursacht häusliche Gewalt jährliche Kosten von 164 Millionen Franken. Dabei handelt es sich um die untere Grenze, da zu jenem Zeitpunkt noch keine Kosten der Staatsanwaltschaften und der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) geliefert werden konnten. Fachleute gehen davon aus, dass sich die Gesamtkosten der häuslichen Gewalt auf 400 Millionen Franken belaufen. 

Quelle: www.bfs.admin.ch, www.ebg.admin.ch

annabelle-Reporterin Helene Aecherli hat für die Ausgabe 03/16 eine Reportage aus dem Frauenhaus Winterthur geschrieben, wo heute fast alle Schutzsuchenden Migrantinnen sind. Auf annabelle.ch finden Sie das Dossier mit ergänzenden Zahlen und Fakten zur häuslichen Gewalt, neue Präventionsprojekte der Frauenhäuser und Pro und Kontra elektronische Fussfesseln.

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