Mord auf Dänisch

Warmherzige Thriller: Die Schriftstellerin Katrine Engberg

Text: Claudia Senn, Fotos: Petra Kleis

Katerine Engberg

Es gibt auch skandinavische Krimis ohne spritzende Gehirnmasse und abgehackte Köpfe. Zum Beispiel die warmherzigen Thriller der dänischen Autorin Katrine Engberg.

Kann sich ein Mörder einen schillernderen Ort für sein Verbrechen aussuchen als diese Szenerie voller Mythen und Geschichten? Katrine Engberg betritt die Bühne des Königlichen Theaters in Kopenhagen und blickt in die Tiefen des Zuschauerraums. Schwerer, dunkelroter Samt, Goldornamente, 1600 Plätze, inklusive einer Extraloge für die königliche Familie. Ein Saal wie ein Versprechen: Wer hier auftritt, der hat es geschafft. Hoch über der ganzen Pracht thront tonnenschwer ein mehrere Meter breiter Kronleuchter.

«Jacke ausziehen», sagt Engberg streng – alter Theater- Aberglaube. Im Mantel über die Gamle Scene, die Bühne im alten Theatersaal, zu gehen, bringt Unglück. Wer es trotzdem tut, muss den Technikern ein Bier ausgeben. Über ein Labyrinth aus verwinkelten Treppen und verschlungenen Gängen, das so unübersichtlich wirkt, als könnte man darin für immer verloren gehen, geht es tief hinein in den Backstage-Bereich des Theaters. Spiegelsäle mit blutjungen Ballett-Eleven, Heerscharen von emsigen Theaterschneiderinnen, schliesslich eine allerletzte steile, staubbedeckte Treppe mit wackeligem Geländer, nur spärlich beleuchtet, als würde sie kaum je benutzt, und wir stehen auf einem Estrich, der bis auf etwas altes Gerümpel leer ist. In der Mitte ein kreisrund gähnender, von einem Geländer und einer Metallwand umgebener Schlund. Der Blick in die Tiefe zeigt: Wir stehen genau über dem Kronleuchter, der das Parkett im Theatersaal beleuchtet. Katrine Engberg lächelt. «Ist das nicht ein wunderbarer Tatort?»

Dass sie uns hier herauf geschleppt hat, hat zweierlei Gründe: Erstens stand Engberg einst selbst auf der Bühne des ehrwürdigen königlichen Theaters, in ihrem früheren Leben als Tänzerin. Zwischen den Proben gönnte sie sich auf dem Kronleuchter-Estrich manchmal kostbare Minuten der Ruhe. Und weil sie diesen verwunschenen Ort so liebte, baute sie ihn in ihr Romandebüt «Krokodilwächter» ein. Ein Unglücklicher wird vom Estrich in den Kronleuchter gestürzt. Es ist kein schöner Tod, den er stirbt, aber einer in aussergewöhnlich glamouröser Umgebung.

Katrine Engberg (43) ist eine der ganz grossen neuen Krimi-Hoffnungen aus Skandinavien. Allein in Dänemark haben sich ihre bisher drei, als Serie angelegten Romane 150 000 Mal verkauft, zurzeit werden sie in 19 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch ist im vergangenen Jahr «Krokodilwächter» erschienen, in diesen Tagen folgt nun der zweite Band «Blutmond», in dem ein Serienkiller die Gäste der Kopenhagener Fashion Week mit vergifteten Drinks um die Ecke bringt. Die Opfer werden von einem in die Cocktails gemixten Abflussreiniger quasi von innen aufgefressen – definitiv nichts für Zartbesaitete, trotzdem gilt Engberg in ihrer Heimat als eine Art Softie-Schriftstellerin. «Kosekrim» nennt sich das hier, gemütlicher Krimi. Denn für gewöhnlich wimmelt es in hiesigen Thriller-Elaboraten von spritzender Gehirnmasse, abgehackten Gliedern und herausquellendem Gedärm. Die von ihren friedlichen Sozialstaaten verwöhnten Skandinavier wollen das so. Irgendwo müsse man die Angstlust auf Gefährliches und Abgründiges ja ausleben können, wenn die eigene Existenz nicht genügend echtes Drama hergebe, sagt Engberg. Nur so fühle man sich wirklich lebendig. «Ich glaube kaum, dass die Menschen in Haiti oder im Kongo so viele Krimis lesen wie wir.»

Für das moderate Schweizer Gemüt ist «Blutmond» längstens brutal genug. Das Buch bietet keine literarische Feinkost, aber tadellose Unterhaltung mit einem spannungsgetriebenen Plot, der erst bei der Auflösung zum Schluss gewisse Schwächen zeigt. Interessant ist das genderneutrale Personal: Dem erstaunlich femininen Polizeiassistenten Jeppe Kørner (sensibel, neigt zum Medikamentenmissbrauch, gerade erst von erfolgloser Kinderwunschbehandlung und Trennung genesen) steht die fast schon mackerhafte Kollegin Anette Werner (robust, sinnesfroh, schert sich nicht um ihr Übergewicht und ist überhaupt durch kaum etwas zu erschüttern) gegenüber. Wir sind schliesslich in Dänemark, dem Wunderland der Gleichstellung. Neben Kørner und Werner agieren sympathisch-schräge Nebenfiguren wie die stets zu viel Rotwein süffelnde pensionierte Uniprofessorin Esther de Laurenti mit ihren kläffenden Möpsen und dem dauergrantelnden Untermieter Gregers. Engbergs Protagonisten sind anachronistische Antihelden voller menschlicher Schwächen, aber mit Herz, und gerade deshalb schaut man ihnen so gerne zu.

Mindestens so sehr wie ihre Figuren dürfte jedoch die Autorin selbst zum Erfolg ihrer Romane beigetragen haben. Katrine Engberg ist eine Schriftstellerin, wie sie sich keine Marketingabteilung besser ausdenken könnte: schön wie ein Model, eloquent mehrsprachig, sympathisch, zugänglich und mit einem Mann an der Seite, der praktischerweise prominent ist, was die Aufmerksamkeit zumindest im eigenen Land ungemein steigert.

Timm Vladimir, der Ehemann, war Schauspieler, Fernsehmoderator und die eine Hälfte des landesweit bekannten Komikerduos Vladimir og Kennedy, bevor er sich vor einigen Jahren aufs Kochen verlegte. Heute bringt der Promi-Gastronom den Menschen in seiner eigenen Kochschule den Spass am Kochen und Essen bei – ein wenig wie Jamie Oliver, nur vornehmer.

Gemeinsam bilden Engberg und Vladimir das perfekte Pärchen für die Instagram-Ära: Beide sehen auf Selfies stets zum Anbeissen aus. Er, ein tätowierter Hipster mit feurigem Blick, postet viele leckere Tellergerichte. Sie, ganz nordische Schönheit, posiert in perfekt sitzenden Badeanzügen oder mit frisch gedruckten Büchern. Ab und zu erscheint in beiden Accounts ein süsser, blonder Neunjähriger: der gemeinsame Sohn Cassius (nach Cassius Clay). Und alles wirkt so durchkomponiert, ästhetisch und glatt, dass man glauben könnte, Engberg und ihre wunderhübsche Bilderbuchfamilie seien die Protagonisten eines Werbespots.

Als Engberg uns zum Interview in ihr Zuhause einlädt, bekommt der Eindruck von perfektem Oberflächenglanz zusätzlichen Auftrieb. Zwar hatte man geahnt, dass es Wohnungen wie diese tatsächlich gibt, irgendwo in einem unerreichbaren Paralleluniversum des guten Geschmacks, doch gesehen hatte man sie bisher nur in Schöner-Wohnen-Zeitschriften. 210 Quadratmeter atemberaubende Altbau-Gemütlichkeit in Østerbro, voller Kunst, Erinnerungsstücke, Familienfotos, Sachen und Sächelchen. Am liebsten würde man sofort einziehen.

Katrine Engberg bittet zum Kaffee an eine riesige Tafel aus rustikalem Holz. Nebenan schmökert Cassius in einem Buch. Irgendwo in den Zimmerfluchten liegt auch Timm Vladimir und leidet. Die Grippe. Dabei hatte er doch für den Gast aus der Schweiz kochen wollen. Ganz selbstverständlich hatten Engberg und ihre Familie die Journalistin zum Essen eingeladen. Als wir den natürlich perfekt zubereiteten Espresso macchiato schlürfen und dazu die natürlich exquisiten Schokoladencookies knabbern, folgt die vielleicht grösste Überraschung des Tages: Katrine Engberg selbst ist keineswegs makellos. Während des Interviews beschönigt sie nichts, spart weder ihre Fehltritte aus noch die schmerzhaften Mangelerscheinungen ihrer Kindheit. Diese Katrine Engberg ist weit interessanter als die glatt polierte Version auf Instagram!

Geboren als Tochter eines hyperintellektuellen Elternpaares, habe sie zwar viele positive Anregungen von zuhause mitbekommen, sagt Engberg, doch sie vermisste Wärme und Aufmerksamkeit. Die Eltern trennten sich, als sie zwei Jahre alt war. Die Mutter, eine Griechischprofessorin, sei beinah «fanatisch» kunstinteressiert, im Zweifelsfall gab sie das spärlich vorhandene Geld lieber für Museumseintritte aus als für Essen, «Schönheit ist für sie wie eine Religion». Der Vater, vor einigen Jahren verstorben, war Linguist, ein brillanter Geist, der nur aus Kopf bestand, «einfach alles wusste » und zwölf Sprachen sprach, jedoch weder schwimmen, noch Velo oder Auto fahren konnte und kaum jemals reiste, «doch in seinem Kopf war er überall».

Katrine Engberg entfloh dem Übermass an intellektuellem Anspruch, in dem sie sich etwas ganz und gar Physischem zuwandte: dem Tanz – ein Akt der Rebellion und der Sehnsucht, das Loch in ihrer Seele zu stopfen. «Wenn du einen Beruf ergreifst, in dem du den ganzen Tag vor dem Spiegel stehst und darauf wartest, dass dich jemand anguckt und klatscht, dann fehlt dir von zuhause aus etwas», sagt Engberg mit einem traurigen kleinen Lächeln. Mit knapp 18 Jahren begann sie eine Tanzausbildung in München. Es waren harte Jahre voller Einsamkeit, Engberg litt an Essstörungen. Der Magersucht blieb sie eine ganze Weile treu, der Bulimie nicht, «das Kotzen fand ich einfach zu schrecklich ». Engberg lebte als Konkurrenzmensch in einer harten, kompetitiven Welt. Sie wollte die Beste sein, und sie wurde auch die Beste, «aber ich fühlte mich total unglücklich und missraten, und ich konnte mit niemandem darüber sprechen».

Zurück in Kopenhagen überwand Engberg ihre tiefe Krise. Sie arbeitete erfolgreich als Tänzerin, Choreografin und Regisseurin für Fernsehshows und Musicals – bis sie mit Ende zwanzig ihren Mann kennen lernte und auf einen Schlag alles Erreichte sausen liess. Ein ganzes Jahr lang reiste sie mit Timm Vladimir um die Welt, schrieb gelegentlich Reisereportagen für Magazine sowie ein Reisetagebuch, aus dem später ihr erstes Buch entstand. Nach ihrer Rückkehr wusste sie: Beides ist fürs Leben. Das Schreiben. Und der Mann. Zwar versuchte sie es noch ein paarmal als Choreografin, «doch das fühlte sich an wie eine Jacke, die zwar sehr schön ist, aber nicht mehr zu mir passt».

Bis «Krokodilwächter» erschien, sollte es allerdings noch ganze fünf Jahre dauern. «Erst zog bloss Esther de Laurenti in meinen Kopf ein», sagt Engberg, «die Professorin, die stets zu viel trinkt und immer ein bisschen aneckt.» Von einem Plot konnte für lange Zeit keine Rede sein. «Schreib das blöde Ding endlich zu Ende, oder ich will nie mehr davon hören», sagte ihr Mann, als er ihr Gezaudere irgendwann satthatte. Da beschloss Katrin Engberg, keine dieser ewigen Schriftstellerinnen in spe sein zu wollen, die doch nie den Mut aufbringen, ihren Traum wahr zu machen.

Sie rief einen alten Bekannten an, der bei der Polizei arbeitet und ging mit ihm auf Streife. Sie recherchierte in der Gerichtsmedizin und im Königlichen Theater. Sie schrieb über fünfhundert Seiten, überarbeitete und schrieb noch einmal alles um. Und als eines Tages die Nachricht kam, dass ihr Buch einen Verlag gefunden habe, «da fühlte es sich an, als platze mir gleich die Brust». Vor Freude, vor Stolz, vor Erleichterung, weil sie es endlich geschafft hatte. Man braucht Katrine Engbert nur anzuschauen, um zu erahnen, welche Befriedigung es bedeutet, ein Buch zu schreiben. Weil es so viel mehr ist als bedrucktes Papier. Identität. Selbstverwirklichung. Der Beweis, dass man endlich angekommen ist im Leben. 

Katrine Engbergs Bücher: Krokodilwächter. Diogenes-Verlag 2018, 512 Seiten, ca. 34 Franken (Taschenbuch ca. 19 Franken); Blutmond. Diogenes-Verlag, 536 Seiten, ca. 36 Franken; erscheint am 20. März 2019

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