Meinung

Was wir verdienen

Text: Stepahnie Hess; Foto: iStock

Was wir verdienen

Das grosse Schweigen um den Lohn ist typisch schweizerisch – und problematisch, findet annabelle-Redaktorin Stefanie Hess. Sie findet Lohntransparenz wichtig und tut gleich selbst den ersten Schritt. 

Ich bin als Redaktorin bei annabelle zu 50 Prozent angestellt, mein 100-Prozent-Lohn beliefe sich auf 7600 Franken brutto. Dazu kommen Aufträge für andere Medien, freie Zeit ebenfalls. Pro Monat verdiente ich letztes Jahr durchschnittlich 4800 Franken.

Es kostet mich Überwindung, diese Zahl zu tippen. Schweizerinnen und Schweizer, so sagt eine Arbeitskollegin gern, würden noch eher ihre sexuellen Vorlieben offenbaren als ihre monetären Verdienste. Das unterstreicht eine Studie des Stellenportals Jobs.ch: Nur zehn Prozent der Befragten reden offen über ihr Einkommen. Unser Lohn scheint das letzte, alle Gesellschaftsschichten durchdringende Tabu in diesem Land zu sein. Dass es auch anders geht, zeigen Schweden, Norwegen und die USA, wo öffentlich einsehbar ist, wer welches Einkommen versteuert.

Problematisch ist die Lohnverschwiegenheit in der Schweiz vor allem deshalb, weil sie ein zentrales Gleichstellungsproblem stützt: Männer verdienen weiterhin mehr als Frauen, was laut einer Bundesstudie auch diskriminierende Gründe hat. Ob das in meiner Branche, in meiner Firma oder in meinem Team der Fall ist, lässt sich wegen des grossen Schweigens jedoch nur sehr schwierig überprüfen. Ohne Lohntransparenz kann es also keine Lohngleichheit geben.

Vielleicht liegt die Verschwiegenheit in der protestantischen Ethik begründet, die vor 500 Jahren unser Land erfasste, wie es einst Soziologieprofessor François Höpflinger formulierte. Geld war wichtig, nur sollte man seinen Reichtum bitte nicht zeigen. Das gilt im Grunde bis heute. Zwar präsentieren wir es inzwischen in Form von Konsumgütern, doch diese lassen kaum Schlüsse über unser Einkommen zu: Ein BMW lässt sich leasen, das neuste Smartphone monatlich abzahlen, teure Kleidung gibts günstig im Outlet.

Wir bauen an der schönen Fassade, dahinter verbergen wir unser Vermögen – das wir emsig äufnen. Die Schweiz gehört traditionell zu den europäischen Staaten mit den längsten Arbeitszeiten. Gemeinschaftlich haben wir gegen ein tieferes Rentenalter gestimmt, ebenso gegen sechs Wochen Ferien für alle. Unsere berufliche Tätigkeit definiert also einen grossen Teil unseres Lebens, unserer Identität.

Und so scheint der Lohn am Ende des Monats auf dem Konto eben mehr zu beziffern als nur Leistungen, Erfahrungen und Geschick in der Lohnverhandlung – sondern meinen Wert als ganzen Menschen. Dass wir diese so aufgeladene Zahl also nicht öffentlich nennen wollen, dass uns das zu persönlich erscheint, dass da Scham mitschwingt, wenn sie nicht so hoch ist, wie wir das möchten, weil sie ja eigentlich nie genügend hoch sein kann, um uns als Ganzes zu bewerten, liegt auf der Hand.

Doch womöglich könnten durch die Offenlegung nicht nur die dringend nötige Lohngleichheit und eine neue, nüchterne Sprache über Geld möglich werden. Sondern vielleicht läge darin auch der erste Schritt zur eigenen Befreiung.

Ich musste mich zwar überwinden, meinen Lohn offenzulegen, aber es erleichterte mich auch. Es fühlte sich an, als wäre ich der Deutungskraft des Geldes entronnen. Indem ich die Zahl auf dem Preisetikett nannte, das vermeintlich an mir heftete, löste es sich von selber ab.

annabelle-Redaktorin Stephanie Hess hat ihren Lohn auch auf Zeigdeinenlohn.ch eingetragen, eine Initiative von Gewerkschaftsbünden und diversen Organisationen, die Arbeitnehmer dazu aufruft, ihre Einkommen offenzulegen, um mehr Lohntransparenz zu schaffen

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